05. Dezember 2003 "Als Jurist kann man doch alles werden . . ." - es gibt wohl kaum einen Jurastudenten, der diesen Satz nicht schon einmal von gutmeinenden Bekannten gehört hat. Statt der beabsichtigten Aufmunterung bewirkt dieser Ausspruch beim angehenden Juristen jedoch oft eher Trübsinn. Das hat vor allem zwei Gründe. Die einen verzweifeln nämlich gerade angesichts der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten: weil sie einfach nicht wissen, was sie nach Abschluß damit anfangen sollen. Die anderen mußten frustrierende Wahrheiten erfahren: Für das angestrebte Ziel ist eine beendete juristische Ausbildung nicht ausreichend, die Konkurrenz ist groß, der Arbeitsmarkt eng.
Ungefähr 10 000 Referendare werden jedes Jahr von den Oberlandesgerichten eingestellt. Nach diesen zwei Jahren Referendariat sind sie Volljuristen und müssen sich nun bewerben. Und das wird unter Umständen schwierig: Wer in einem der klassischen juristischen Berufe Staatsanwalt oder Richter arbeiten möchte, braucht hervorragende Noten und Glück. Die Einstellungsvoraussetzungen sind in jedem Bundesland etwas anders. Zumindest das zweite Staatsexamen muß in jedem Fall mit Prädikat, das heißt mehr als neun Punkten, bestanden worden sein. Da die Zahl der freien Stellen jedoch gering ist und mancherorts zur Zeit überhaupt nicht eingestellt wird, sind auch Bestnoten keine Arbeitsplatzgarantie. Bewerbung abschicken und Daumen drücken ist daher das beste Rezept. "Denn Bedarf gibt es", sagt Hans Groffebert, akademischer Berufsberater beim Arbeitsamt Frankfurt.
Diejenigen, die im Anwaltsberuf eine Berufung gefunden haben, wissen immerhin, wohin ihr Weg führen soll. Rund 121 500 zugelassene Rechtsanwälte gibt es nach der Statistik der Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK) in Deutschland. Annähernd 7850 Neuzulassungen gab es im Jahr 2002. Allerdings haben knapp 1150 junge Anwälte zwischen 27 und 39 Jahren ihre Zulassung freiwillig zurückgegeben. Groffebert sagt: "Es gibt viele Souterrain-Anwälte, also Ein-Mann- oder Ein-Frau-Kanzleien, denen es sehr schlecht geht." Diese könnten sich nur mit weiteren Tätigkeiten über Wasser halten. Nach Angaben von Bernhard Dombek, Präsident der BRAK, liegt das monatliche Nettoeinkommen eines selbständigen Einzelanwalts zwischen 1500 und 2000 Euro. Nicht gerade ein Vermögen für eine Ausbildungsdauer von rund sieben Jahren.
Ein Großteil der Studenten entscheidet sich aus Verlegenheit für die Juristerei. Nach dem Abitur ist oft klar: Jetzt wird studiert. Aber was? Wer ohne besondere Talente oder festen Berufswunsch ist, landet bei den Rechts- oder Wirtschaftswissenschaften. So erging es auch Alissa Hollerbach. Sie beschloß damals, "ich gucke mir das mal an". Die Zweiundzwanzigjährige studiert in Mannheim im dritten Semester Jura. Einen festen Berufswunsch hat sie nicht. "Als Kind wollte ich mal Anwalt werden." Heute kann sich die dunkelhaarige Studentin vieles vorstellen. Sie nennt die Wirtschaft und die Staatsanwaltschaft als mögliche Arbeitsfelder, gibt aber zu: "Was dann wirklich dahintersteckt, weiß ich eigentlich gar nicht." Obwohl das Studium hart und die Benotung oft "überhaupt nicht nachvollziehbar und ungerecht" sei, will Alissa ihr Studium beenden, "egal was dann kommt". Einmal auf die Einbahnstraße Jurastudium geraten, kann bis zur ersten Staatsprüfung kaum noch abgebogen werden. Da es bisher im juristischen Studium nicht einmal eine Art Vordiplom gab, drohte immer das Problem, nach vier und mehr Jahren Universität mit leeren Händen dazustehen. Inzwischen gibt es in vielen Bundesländern Zwischenprüfungen in den drei Kerngebieten Öffentliches Recht, Zivil- und Strafrecht, die spätestens Ende des vierten Semesters bestanden sein müssen. Zumindest bietet das eine gewisse Orientierung.
In der angespannten wirtschaftlichen Situation zeigt sich, daß es ohne ordentlichen Abschluß gerade Juristen sehr schwer haben. Groffebert ist seit acht Jahren in der Berufsberatung und sagt: "Recht gute Noten sind die Voraussetzung für eine Einstellung, und dann rate ich zu Zusatzqualifikationen." Fremdsprachenkenntnisse, verhandlungssicheres Englisch, wirtschaftliches Interesse, internationale Ausrichtung des Studiums und einen Auslandsaufenthalt lauten die Wünsche der Unternehmen. "Selbst bei rein juristischen Stellenanzeigen wird die eierlegende Wollmilchsau gesucht", sagt Elke Kirschner. Die 32 Jahre alte Rechtsanwältin aus dem Büro Neuhaus in Flensburg steht den angeblich unendlichen Möglichkeiten kritisch gegenüber. Die schlanke, hochgewachsene Frau wollte Richterin werden. Daher sah sie während des Studiums keinen Grund, "abseitige" Fächer zu belegen. Im zweiten Staatsexamen schrammte sie am Prädikat vorbei, und der Traumjob war unerreichbar. "Ich war einfach zehn Jahre zu spät fertig, in Zeiten der Wiedervereinigung wurden auch schlechten Juristen die Richterstellen fast hinterhergeworfen." Nachdem Kirschner zunächst in der Rechtsabteilung einer Kapitalbeteiligungsgesellschaft tätig war, ist sie in ihrer Kanzlei jetzt für fast alle Rechtsgebiete zuständig. Scheidungen, Nachbarschaftsstreit, Inkasso - Kirschner macht alles. "Juristen haben gelernt, sich rasch in komplexe Sachverhalte einzuarbeiten und diese zu analysieren." Das sei letztlich in vielen Berufen vorteilhaft, und "für Disziplin und Sitzfleisch sorge das knochenharte Jurastudium in jedem Fall". Trotzdem stehe bei weitem nicht jede Tür offen.
Jörg Gardemann, Leiter des Fachbereichs Immobilien bei der Commerzbank Frankfurt, sieht das ähnlich. Der zugelassene Rechtsanwalt findet den Spruch "Als Jurist kann man doch alles werden" ebenfalls nur "bedingt richtig". Formulieren, Strukturieren, gutes analytisches Denkvermögen zählt der fast zwei Meter große Dunkelhaarige die Fähigkeiten von Juristen auf. Die Tätigkeit in einem Unternehmen liege allerdings nicht jedem. Der klassische Jurist sei eher reaktiv, und im Unternehmen müsse agiert werden. "Das fällt vielen Juristen schwer und ist eine Frage der Mentalität." Und er räumt ein: "Generell ist wohl jedes Studium, bei dem man sich selbst an die Kandare nehmen und quälen muß, eine gute Grundlage." Gardemann selbst wollte Richter werden und hat zunächst keine Stelle bekommen. Über die Arbeit in einer Immobilienkanzlei gelangte er in die Rechtsabteilung der Commerzbank. Vor rund vier Jahren wechselte der energiegeladene Zweiundvierzigjährige ganz in den Immobilienbereich und leitet diesen heute. Also kann ein Jurist doch alles werden, weil er so vieles kann? "Nein", sagt Hans Groffebert, "das stimmt so nicht und hat auch noch nie so richtig gestimmt." Er rät dazu, schon im Studium durch Praktika und Spezialfächer die Möglichkeiten zu verbessern, um eine gute Basis zu haben.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.12.2003, Nr. 284 / Seite 55
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