Von Holger Steltzner
24. April 2007 Das ist ein einmaliger Vorgang. In München kommt es in der Aufsichtsratssitzung von Siemens an diesem Mittwoch von Siemens zur Machtprobe zwischen Vorstand und Aufsichtsrat, und das fünf Tage nachdem der Oberaufseher Heinrich von Pierer von seinem Amt zurückgetreten ist.
Anstatt die heikle Personalfrage der Verlängerung des Vertrags für den Vorstandsvorsitzenden Klaus Kleinfeld hinter verschlossenen Türen im Aufsichtsrat zu behandeln, ist über Bande in die Öffentlichkeit gespielt worden, dass manche Aufsichtsräte einen neuen Chef für den früheren deutschen Vorzeige-Industriekonzern suchen.
Schmutzige Aufarbeitung
Offensichtlich ist, dass es bei diesem Spiel kaum Gewinner, dafür um so mehr Verlierer geben wird. Noch nicht bekannt ist, wem der Schaden für fast alle Beteiligten nützt. Natürlich geht es bei solchen Spielchen nicht nur rational zu, vielmehr werden nach Kräften auch Emotionen geschürt und benutzt. Unmittelbar vor dem Rücktritt von Pierer und damit auch im Vorfeld der Aufsichtsratssitzung, auf der über Kleinfelds Vertrag beraten wird, sind seine Verdienste im operativen Geschäft gelobt worden.
Außerdem ist verkündet worden, dass die Untersuchung der Bestechungsskandale durch eine amerikanische Anwaltskanzlei angeblich den Vorstandschef entlaste. Das vorschnelle Lob und die versuchte Reinwaschung des Vorsitzenden während der schmutzigen Aufarbeitung des wohl größten Korruptionssumpfes der Unternehmensgeschichte - die übrigens ebenfalls über Bande gespielt wurden - dürfte nicht jedem Mitglied im Aufsichtsrat gefallen haben. Schließlich will sich kein Aufseher über Medien oder anderweitig unter Druck setzen und zu einer Entscheidung zwingen lassen, auch wenn er selbst in der Sache ebenso entscheiden würde.
Vorübergehend ohne Führung?
Noch nicht einmal die Teilnehmer an der vielleicht spannendsten Aufsichtsratstagung der über hundertjährigen Unternehmensgeschichte von Siemens wissen, wie die Tagung ausgehen wird. Alles ist denkbar und wird von den Konzernstrategen durchgespielt: Die unwahrscheinliche Verlängerung des Vertrages um fünf Jahre, die überraschende Präsentation eines Nachfolgers, die zeitlich oder mit Schutzklausel eingeschränkte Verlängerung, das Auslaufen des Vertrags Ende September bis hin zum sofortigen Rücktritt von Kleinfeld.
Im letzten Fall stünde einer der größten deutschen Konzerne vorübergehend ohne Führung da, weil mit ihm andere Vorstände auf der Kippe stehen und der Aufsichtsrat seinen neuen Vorsitzenden - wahrscheinlich wird es Gerhard Cromme - erst noch wählen muss. Der Aufsichtsrat von Siemens ist gespalten, die Frontstellung zwischen Arbeitnehmerbank und Kapitalseite gibt es nicht mehr. In dieser Krise trägt jeder Aufseher besonders große Verantwortung. Der Traditionskonzern hat eine schnelle und gute Entscheidung verdient, damit Siemens endlich zur Ruhe kommt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
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