Die deutschen Milchbauern haben im Kampf um höhere Preise erste Erfolge erzielt. Der Discounter Lidl will vom kommenden Montag an in seinen Filialen den Verkaufspreis je Liter Milch um zehn Cent erhöhen. Die REWE-Gruppe wird diesem Schritt voraussichtlich folgen. Die erste Molkerei erhöhte am Mittwoch den Preis, den sie den Landwirten zahlt, auf 43 Cent pro Liter Milch.
Die Milchbauern wollen ihren Lieferstopp an die Molkereien dennoch fortsetzen, wie der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) am Mittwochabend in Berlin ankündigte. An diesem Donnerstag sei ein Gespräch mit dem Milchindustrieverband über die künftige Preisgestaltung vorgesehen, sagte der BDM-Vorsitzende Romuald Schaber. Er hoffe zudem auf eine Unterredung mit dem Bundeslandwirtschaftsministerium noch in dieser Woche.
Für diesen Donnerstag (14.00) kündigte der BDM eine Kundgebung vor dem Brandenburger Tor in Berlin an, zu dem mehrere tausend Milchbauern aus Deutschland, Belgien und den Niederlanden erwartet würden. Der Deutsche Bauernverband (DBV) erklärte den Donnerstag zu einem nationalen Milch-Aktionstag und rief alle Milchbauern zur Teilnahme an diversen Veranstaltungen auf.
Die Supermarktkette Lidl teilte in Neckarsulm mit, die Erhöhung des Milch-Nettopreises um 10 Cent solle in vollem Umfang an die Erzeuger weitergegeben werden. BDM-Chef Schaber sprach von einem Schritt in die richtige Richtung, dem aber weitere folgen müssten. Ein REWE-Sprecher sagte zu der Ankündigung von Lidl: Wenn sich dieser Preis im Markt behaupten sollte, wird sich die REWE Group marktkonform verhalten. Mit der angekündigten Zahlung von 43 Cent je Liter gingen die Milchwerke Berchtesgadener Land-Chiemgau in Vorleistung, da beim Handel die notwendigen Preiserhöhungen erst durchgesetzt werden müssten.
Derweil nahm das Bundeskartellamt offizielle Ermittlungen gegen den BDM auf. Es werde überprüft, ob der Tatbestand des Boykottaufrufs erfüllt sei, sagte eine Behördensprecherin in Bonn. Dies wäre nach dem Kartellrecht nicht zulässig. Nach dem Wettbewerbsgesetz dürfen Unternehmen oder Verbände nicht zum Boykott aufrufen, wenn sie dadurch andere Unternehmen unbillig beeinträchtigen.
Der BDM-Vorsitzende Schaber erklärte, man werde die Fragen des Kartellamts beantworten. Die Milchbauern ließen sich davon bei ihrem Lieferstopp aber nicht beeindrucken. Möglichen Schadenersatzforderungen sah der BDM gelassen entgegen. Er sei optimistisch, dass sich Molkereien und Bauern einigen werden, sagte BDM-Sprecher Franz Grosse. Mehrere Betriebe hatten Regressansprüche angekündigt.
Unterdessen wurden die Supermärkte wieder im üblichen Umfang beliefert. Alle Geschäfte verfügen über ausreichend Molkereiprodukte, um die Kunden zu versorgen. Die Lücken bei einzelnen Marken, die durch die Blockade punktuell entstanden waren, schließen sich schnell, teilte der Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbands HDE, Stefan Genth, mit. Vor den Zentralen von Aldi Nord in Essen und Aldi Süd in Mülheim/Ruhr versammelten sich am Morgen Landwirte mit ihren Traktoren.
Laut Bauernverband gab es auch bei Lidl in Neckarsulm Proteste. Dort traf Verbandspräsident Gerd Sonnleitner zu Gesprächen mit der Unternehmensführung zusammen. Dabei ging es nach Angaben des Bauernverbandes aber nicht um konkrete Verhandlungen. Fränkische Milchbauern setzten ihre Mahnwache vor der Zentrale des Discounters Norma in Fürth fort. Die Demonstranten vor dem Hauptsitz des größten deutschen Lebensmittel-Einzelhändlers Edeka in Hamburg wollten in den nächsten Tagen eine Mahnwache einrichten.
Die Molkerei-Blockaden, die im Rahmen des Milchboykotts errichtet wurden, waren nach einer entsprechenden Empfehlung des BDM binnen weniger Stunden geräumt worden.
Die Bauern wollen mit dem seit Dienstag voriger Woche andauernden Lieferboykott einen Milchpreis von 43 Cent je Liter erzwingen - und die große Mehrheit der Bevölkerung ist nach einer repräsentativen Forsa-Umfrage für das Magazin stern bereit, mehr für Milch zu zahlen. 88 Prozent zeigten Verständnis für eine Erhöhung um zehn Cent, wenn diese den Milchbauern in voller Höhe zugute käme. Sie können sich an einer Unterschriftenaktion des Bauernverbands im Internet beteiligen.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa
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