Herzogenaurach

Ein Städtchen voller Weltstars

Von Nadine Oberhuber

07. August 2008 Die Sportmode von morgen kommt aus dem Altersheim. Ausgerechnet in die bonbonfarbenen Häuserwürfel der neuen Seniorenwohnanlage hat der Sportartikelhersteller Puma einen Teil seiner Mitarbeiter ausgelagert. Der vollverglaste Anbau am Hauptquartier nebenan ist erst drei Jahre alt, aber er platzt schon aus allen Nähten.

Alle paar Monate heuert der Konzern ein Dutzend Jungdesigner aus Neuseeland und Korea, England oder Holland an, die in Mittelfranken neue Kollektionen auf den Weg bringen. Und der Neubau, für den ein halbes Dutzend Kräne am Rande der Stadt Stellung bezogen haben, wird erst Ende nächsten Jahres fertig. Aber die Mittelfranken sind kreativ, wenn es um die Verwaltung des Mangels geht. Vor allem um die Verwaltung des Platzmangels.

Wenn gleich drei Weltkonzerne - Adidas, Puma und Schaeffler - in einem fränkischen Fachwerkstädtchen mit 23 000 Einwohnern sitzen und hier rund 16 000 Leute beschäftigen, kann es schon mal eng werden. Zumal alle drei Firmen ihre Hauptquartiere fast im mittelalterlichen Stadtkern haben - und gerade in den vergangenen Jahren mächtig gewachsen sind.

Die Wiege der deutschen Sportartikelindustrie

Ein Trupp Puma-Mitarbeiter ist deshalb jüngst mit seinen Computern in die Seniorenwohnungen gezogen. Die Jungdesigner in Jeans und T-Shirt belegen nun alle Räume, die noch kein alteingesessener Herzogenauracher beansprucht hat. In den bunten Häusern entwerfen sie Jogginghosen und Kapuzenpullis, die Käufer bald von Hamburg bis München, von New York bis Hongkong spazieren tragen, inspiriert vom Blick auf Geranienbalkone und das Flüsschen Aurach. Hausbesetzung mal anders.

"Es kommt nicht drauf an, wo wir sitzen, sondern ob wir im Kopf eine Marke verändern können", hat Rudolf Dassler, der Ex-Chef und Gründer des Konzerns, mal gesagt. Und den Satz zitieren Herzogenauracher bis heute gern, so wie Helmut Fischer, Werbeleiter von Puma Deutschland. Er ist seit 30 Jahren im Konzern, "mit Puma verheiratet", wie er sagt und ein echtes fränkisches Urgestein: mit rollendem "R", beherzter Wortwahl und zupackender Art. Früher hat er oft mit "dem Rudolf" am Angelteich gesessen, und er ist stolz auf den - aus seiner Sicht - mutigsten Bürger der Stadt: "Der Rudolf hat ja hier alles neu aufgebaut." Schließlich verkörperte der auch zwei besonders fränkische Eigenarten: Er war bodenständig und stur. Sehr stur, sonst hätte es den zweiten Weltkonzern hier nie gegeben.

Rudolf Dassler ist aber nur einer von fünf Söhnen der Stadt, die den Namen Herzogenaurachs in die Welt trugen. Lothar Matthäus kommt von hier. Rudolf und sein Bruder Adolf "Adi" Dassler nähten in den zwanziger Jahren Turnschuhe in Mutters Waschküche. Herzogenaurach, eingerahmt von großen Land- und Wasserstraßen-Kreuzungen, war lange das Pirmasens Mittelfrankens, eine Schuh- und Textilhochburg. Seit die Dasslers 1924 ihre Turnschuhfabrik gründeten, die heute Adidas heißt, gilt die Gemeinde als Wiege der deutschen Sportartikelindustrie.

In den vierziger Jahren verkrachten sich die Dasslers

Manche fragen sich, wie das ausgerechnet hier passieren konnte. Es lag einerseits daran, dass die Dassler-Brüder eben Kinder dieser Stadt waren und die Franken ein heimatverbundenes Völkchen sind - wer will schon zu nah an die Oberbayern heranrücken? Und nicht zuletzt an der Stadtverwaltung, die sich in 20 Jahren vieles einfallen ließ, um die Firmen zu halten und die Platznot zu lindern.

Denn in den vierziger Jahren verkrachten sich die Dasslers: Adi war besessener Tüftler, Rudolf ein Geschäftsmann, das ging nicht gut. Also stampfte Rudolf seine eigene Firma aus dem Boden, Puma. "Wir sind immer das kleinere Unternehmen gewesen und wollen es auch bleiben - die Herausforderer", sagt Fischer und verweist auf "nur" zwei Milliarden Euro Umsatz im Vergleich zu "den anderen" auf der anderen Flussseite, die fünfmal so groß sind. Dass sich beide Firmen hier halten würden, hätten noch vor ein paar Jahren die wenigsten gedacht: Schließlich waren beide in den neunziger Jahren mal fast am Ende. Die Geschäfte liefen schlecht, beide spielten mit dem Gedanken, ihr Quartier in der Nachbarstadt Nürnberg oder einer weltläufigeren wie München oder Frankfurt aufzuschlagen. Doch Ex-Bürgermeister Hans Lang, der in den vergangenen 18 Jahren die Geschicke der Stadt lenkte, kämpfte. Dann ging Adidas an die Börse, Puma warf die Parole aus: Wir setzen auf Mode und Lifestyle. Und beide blieben am Ort. Da stört es auch nicht, dass Puma jetzt einen französischen Luxuskonzern zum Großaktionär hat.

Wer die Modeschmiede sucht und über die Hauptstraße vom Marktplatz herunterschlendert, muss direkt aufpassen, dass er nicht an dem unauffällig grauen Bau vorbeiläuft, bevor er Glasanbau und Firmenlogo entdeckt: die Raubkatze auf dem Sprung.

Adidas: „Wir bleiben hier“

Adidas hat den Sprung geschafft, ist zum weltweit zweitgrößten Sportartikelhersteller hinter Nike aufgestiegen. Nur den Absprung aus dem Aurachtal hat der Gigant nicht geschafft. Zwar werden kaum noch Schuhe oder Sportkleider in Deutschland gefertigt, aber Verwaltung, Design und Vertrieb sitzen hier. Und für die reichte das fünfstöckige Haus am Adi-Dassler-Platz nicht mehr, zumal es eingekeilt wird von Staatsstraße, Fluss und Wohngebiet.

Aber Ex-Bürgermeister Lang sorgte dafür, dass der Weltkonzern jetzt wieder "Platz für die nächsten 30 Jahre hat", sagt Adidas-Sprecherin Anne Putz, "und deshalb bleiben wir auch hier". Adidas bekam die ehemalige amerikanische Kaserne. Die "Herzo Base", den Namen hatten schon die Amerikaner dem Vorort Herzogenaurachs verpasst. Das Areal ist riesig, 114 Hektar, angelegt wie ein Universitätscampus mit Schwimmteich und eigenem Fußballstadion. Aus der Nähe ist auch Adidas' Hauptquartier kaum als Firmensitz eines Dax-Konzerns auszumachen. Nur ein paar Fahnen tragen das Logo. So sieht fränkische Bescheidenheit aus.

Dafür dominiert ein ganz anderes Unternehmen die Stadt: das Wälzlager von INA Schaeffler. An dem führt kein Weg vorbei: Wer von der Autobahn den Abzweig Richtung Innenstadt nimmt, fährt auf der "Dr.-Wilhelm-Schaeffler-Straße" durch Einfamilienhaussiedlungen und Spielstraßen voller Blumenkübel. Plötzlich steht der Fabrikbau da. Thront über den Fachwerkbauten wie eine Trutzburg.

8000 Menschen arbeiten hier für Schaeffler

Bis vor kurzem war der Familienkonzern kaum ein Begriff. Doch die Firma des Brüderpaars Georg und Wilhelm Schaeffler - die nach dem Krieg aus Schlesien hierher flohen und dabei Maschinen im Schlepp hatten - ist eines der mächtigsten Familienunternehmen der Republik. Erst 2003 verleibte sich INA den Konkurrenten FAG Kugelfischer ein. Jetzt schickt sich Georgs Witwe Maria-Elisabeth Schaeffler an, den viel schwergewichtigeren Dax-Konzern Continental zu übernehmen. Kommentieren will das hier niemand. "Da müssen's halt schaun", sagen die Leute im Ort. Selbst der ambitionierte neue Bürgermeister Georg Hacker, seit vier Wochen im Amt, winkt sofort ab: "Ich weiß auch nur, was in den Zeitungen steht."

Dabei könnte jeder Zweite hier Geschichten erzählen. Denn Schaeffler stellt die Hälfte der Arbeitsplätze, 8000 Menschen schaffen hier. Es gibt keinen Herzogenauracher, der nicht mindestens einen Bruder, Onkel oder "Schwiegerleut" im Werk hat. "Aber die Firma hat eine ganz eigene Kultur", sagt eine Bewohnerin.

"Schaeffler hat vielleicht die loyalsten Mitarbeiter in ganz Deutschland", sagen Stadtobere in Erlangen oder Nürnberg bewundernd. Bisher beschränkte INA sich darauf, still vor sich hin zu wachsen und den Menschen der Region Arbeit zu geben. Das ist nicht selbstverständlich in Mittelfranken, wo die Industrie kontinuierlich Arbeitsplätze abbaut, 95 000 Stellen hat die Region seit 1980 verloren. Zwar hat Mittelfranken den Strukturwandel ganz gut geschafft und 135 000 Jobs in Marktforschung, Medizintechnik oder Forschung aufgebaut. Aber Schwergewichte wie die aus Herzogenaurach stünden auch Erlangen, Nürnberg und Fürth gut zu Gesicht. Nach außen vermarktet sich Mittelfranken jetzt selbstbewusst als "Metropolregion". Nach innen liefern sich die Städte einen Wettbewerb um die stärksten Firmen und größten Einkaufszentren.

Arbeit hat hier jeder, der welche will

Bei Puma und Adidas arbeiten 3000 Mitarbeiter aus aller Welt. Mehr als 50 Nationen tüfteln hier, mehr als die Hälfte aus dem Ausland. Bei INA dagegen beweist schon ein Blick auf den Parkplatz, dass das Wälzlager Arbeiter aus ganz Nordbayern ernährt, von Würzburg und Bamberg bis Ingolstadt. Das einzige schlechte Wort, das die über den Arbeitgeber verlieren, ist: "INA hat ein Problem mit den Parkplätzen."

Die ganze Stadt hat im Moment nur dieses eine Problem: das Verkehrsproblem. Denn Arbeit hat hier jeder, der welche will. Die Weltfirmen und der drittgrößte Arbeitgeber, die Stadtverwaltung, sorgen für eine Arbeitslosenquote von 2,5 Prozent. Die 200 gemeldeten Arbeitslosen "sind auch nicht vermittelbar", sagt Bürgermeister Hacker. Wer hier tagsüber durch die vermutlich bestgepflastertste Innenstadt Deutschlands streift, ist Schüler, Rentner oder ein Tourist.

Aber die Großkonzerne bedeuten auch: Täglich pendeln über 11 000 Menschen in die Kleinststadt und umrunden die Kreisverkehre mit den Fußball-Skulpturen. Es gibt zwei Zeitpunkte, zu denen sich kein Auracher freiwillig auf die Straße traut: der tägliche Schichtbeginn bei Schaeffler und der samstägliche Ansturm der Sporttouristen auf die Outlet-Stores.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, F.A.Z., picture-alliance / dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb, Tobias Schmitt

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