Von Sebastian Balzter
30. Mai 2008 Für Apfelkorn ist es noch zu früh an diesem Frühlingsmorgen im Taunus. Martin Jähnert schaut skeptisch in seine Plastiktüte, außer dem Fläschchen sind eine graue Socke und ein Schokoriegel darin. Jeder in dem nüchtern möblierten Seminarraum des Tagungshotels hoch über Friedrichsdorf, 20 Kilometer nördlich von Frankfurt, hat gerade so ein Päckchen mit drei Artikeln aus dem Tiefpreisregal bekommen, mit Handschuhen, Tierfutter und Cremepröbchen. Sven Ripsas hat sie ausgeteilt, aber nicht, um eine verspätete Bescherung zu inszenieren, sondern als Vorbereitung auf einen Versuch. Ripsas ist Professor für Unternehmertum und Direktor des Institute of Management der Berliner Fachhochschule für Wirtschaft; vor ihm an den Tischen sitzen 53 Lehramtsstudenten aus allen Ecken des Landes, der erste Jahrgang des Studienkollegs der Stiftung der Deutschen Wirtschaft.
Martin Jähnert ist einer von ihnen, aber mit seinem trotzigen Blick hinter der eckigen Kunststoffgestellbrille, seinen Sandalen und seiner ungebändigten Frisur sieht der 22 Jahre alte Dresdner ganz und gar nicht aus wie ein zahmer wirtschaftsgläubiger Stipendiat, der dem Dozenten aus der Hand frisst. Doch auch er beginnt zu handeln, als Sven Ripsas um 10 Uhr den Basar eröffnet - in der ersten Runde verhalten, weil die einzelnen Tische noch voneinander isoliert bleiben, in der zweiten, offenen Runde der Marktsimulation dann mit geradezu orientalischem Einsatz.
Wie funktionieren Märkte und Wettbewerb?
Den Korn tauscht er zuerst gegen eine Seife, dafür bekommt er später ein Feuerzeug; aus der Schokolade wird zunächst eine Mini-Salami, dann eine zweite graue Socke. Das passt bestens, ich hatte ein Paar zu Hause vergessen, zieht er Bilanz. Auch vom praktischen Vorteil abgesehen, fällt sein Urteil zu dem halbstündigen Experiment mit den Kräften von Angebot und Nachfrage unter Laborbedingungen positiv aus. Das ist ein großartiges Spiel und eine gute Anregung für den eigenen Unterricht, sagt er. Mir hat es besonders gut gefallen, weil die Begriffe ,Markt', ,Wirtschaft' und ,Unternehmen' bei Lehrern so oft Angst auslösen.
Der Befund des Sechstsemesters ist spontan, aber er hält auch genauerer Betrachtung stand. Als ungerichtete negative Gefühlszustände beschreibt das Lexikon Ängste. An Deutschlands Schulen und unter Deutschlands Lehrern wurzeln sie der Wirtschaft gegenüber offenbar so tief, dass es gar nicht genug Anläufe geben kann, um sie zu lösen - zur Not eben auch mit den Methoden eines Kindergeburtstags, an den das Feilschen um Anstecknadeln und Schuhsohlen bisweilen erinnert. Denn die Defizite, mit denen viele Schulabgänger heute von ihren Lehrern in das Berufs- und damit auch ins Wirtschaftsleben entlassen werden, sind bestürzend.
Im Tal der Ahnungslosen leben einer Untersuchung des Instituts der Deutschen Wirtschaft zufolge vor allem die Schüler in Hessen, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und im Saarland: Mehr als die Hälfte der Unternehmen, die das Kölner Institut in diesen Bundesländern befragt hat, schätzen das Wirtschaftswissen der Abgänger als mangelhaft ein. Insgesamt liegt die Kritikerquote bei 46,7 Prozent. Am wenigsten Ahnung haben die jungen Leute davon, wie Märkte und Wettbewerb funktionieren, heißt es im Resümee der Studie. Der Bundesverband Deutscher Banken hat seinerseits erst in der vergangenen Woche seine Konzeption zur ökonomischen Bildung vorgelegt, eine Umfrage unter Schülern ist ihre Basis: Nur jeder Dritte kann demnach das Prinzip von Angebot und Nachfrage auch nur annähernd richtig erläutern, nur vier von zehn können den Begriff Inflationsrate erklären, und nur die Hälfte hat eine Vorstellung davon, was Soziale Marktwirtschaft bedeutet.
Ein fataler Fehler
Kein Wunder, schaut man sich an, wie deutsche Schulbücher Wirtschaft vermitteln. Der Journalist Stefan Theil hat das mit einem Stipendium des German Marshall Fund getan und ist dabei auf die ganze Bandbreite des antikapitalistischen Ressentiments gestoßen, wie er schreibt. Unternehmen erscheinen meist als Black Box, in der irgendwie Geschäfte und Profit gemacht werden, die Unternehmer selbst tauchen im Kontext von Kinderarbeit, Müllbergen, Internetsucht, Alkoholismus, ungerechten Löhnen und Arbeitslosigkeit auf. Martin Jähnert kennt das Milieu, in dem diese Bilder zu Hause sind. An der Universität Potsdam, wo er Englisch und Französisch studiert, gehört er der Hochschulgruppe der Grünen Alternativen Liste an. Dass er seit vergangenem Herbst von der Stiftung der Deutschen Wirtschaft gefördert wird, bindet er dort nicht jedem auf die Nase.
Ausgerechnet aus den Lehrern aber sollen jetzt Unternehmer werden, die mit ihren eigenen Ideen die Schulen verändern und dafür auch Verantwortung übernehmen. Schulentwicklung als unternehmerische Aufgabe, unter diesem Titel steht die einwöchige Akademie im Taunus. Wie engagiert sich dem Thema die Studenten in Friedrichsdorf stellen, ist beeindruckend - haben sie doch außer jenem von Vorbehalten gegenüber unternehmerischer Aktivität geprägten Umfeld und dem Wissen um die Kritik am Stand der wirtschaftlichen Bildung in Deutschland auch die Blessuren ihres gebeutelten zukünftigen Berufsstands im Gepäck. Seit 2001 steckt ihm der Pisa-Schock in den Knochen, Gerhard Schröders Faule Säcke-Entgleisung und ein reißerisches Lehrerhasserbuch haben dem schon vorher salonfähigen Gespött über hochbezahlte Halbtagsarbeiter eine beißende Schärfe gegeben.
Berechtigter Kritik und überzogenem Spott nimmt Ursula Fuchs den Wind aus den Segeln. Es ist ein fataler Fehler, dass gerade schwache Abiturienten sich besonders häufig für ein Lehramtsstudium entscheiden, sagt die 22 Jahre alte Mannheimerin, die in Heidelberg für Mathematik, Germanistik und Musikwissenschaft eingeschrieben ist. Woher es kommt, dass sie selbst beiläufig über Marktstrategien, individuelle Präferenzen und Komplementärgüter dozieren kann, nachdem sie auf dem Basar Schlüsselband und Schnaps gegen Müsliriegel und Massageball getauscht hat? Ich bin ein fürchterlich neugieriger Mensch, sagt sie zur Begründung. Und ich hatte einen guten Unterricht in Gemeinschaftskunde. Viele ihrer Kommilitonen jedoch treibe weder die Neugier noch die Freude an der Arbeit mit Schülern an, sondern die Hoffnung auf eine bequeme lebenslange Stelle. Das ist einfach nur erbärmlich, schimpft sie.
In der Hauptsache geht es um die eigene Zukunft
Sie selbst weiß vom Familientisch, was auf Lehrer zukommt, die Verantwortung übernehmen; ihre Mutter leitet eine Grundschule. Was sie in der Personalführung und im Krisenmanagement leisten muss, darauf hat sie niemand richtig vorbereitet, berichtet die Tochter. Diese Lücke will das Studienkolleg schließen, mit der Akademie genauso wie mit über das Jahr verteilten Seminaren zu Qualitätskontrolle und Konfliktlösung, Gesprächsführung und Präsentationstechniken. Als Grundlage allerdings ist der morgendliche Schnellkurs zum Verständnis der Marktmechanismen unverzichtbar. Dass viele Kollegiaten ihn genauso wie den Business Idea Jam, in dem sie Unternehmensideen sammeln und auf ihre Marktfähigkeit überprüfen, in ihren Unterricht übernehmen wollen, ist ein gewollter Nebeneffekt.
In der Hauptsache geht es jetzt aber um ihre eigene Zukunft, nicht um die ihrer späteren Schüler. Denn inzwischen haben, unter wechselnden Projekttiteln, alle deutschen Landesregierungen beschlossen, ihren Schulen mehr Eigenständigkeit zu gewähren, ihnen eigene Unterrichtskonzepte und damit auch Wettbewerb untereinander zu gestatten. Erprobt wird das besonders intensiv in Niedersachsen, wo Schulleiter schon 2012 über Personal, Organisation und Budget entscheiden sollen - fast wie Manager in einem Dienstleistungsunternehmen. In dieselbe Richtung weist der Trend zur Gründung von Privatschulen mit ihren je eigenen pädagogischen Konzepten, schon bald wird es 5000 davon in Deutschland geben.
Wenn ich Schulleiter wäre ...
An der verheißenen Freiheit des schulischen Unternehmertums dürfen die Studenten in dieser Woche in Friedrichsdorf schnuppern. Stephan Huber, unüberhörbar in Franken aufgewachsen, inzwischen aber Bildungs-Schweizer als Leiter des Instituts für Bildungsmanagement und Bildungsökonomie in Zug, leitet sie dabei während der ersten drei Tage an, bevor Sven Ripsas übernimmt. Wenn ich Schulleiter wäre, so lautet die Prämisse, unter die Huber diese Phase stellt. Benjamin Schmid aus Rosenheim entwirft in ihr zusammen mit einer Handvoll Kollegen das Leitbild für eine fiktive Schule, nach den Initialen der Stiftung trägt sie den Namen SDW-Gymnasium.
Wortkarg, aber meinungsfest vertritt der kurzgeschorene Dreiundzwanzigjährige seine Idealvorstellung, deren Kernpunkte dem Plenum auf einem Plakat präsentiert werden: Das Gymnasium knüpft ein enges Netzwerk mit Unternehmen und Vereinen, zur Sicherung der Unterrichtsqualität etabliert es eine Hospitations- und Beratungskultur. Nach bayerischem Vorbild wählt die Schule ihre Schüler außerdem früh nach Leistungskriterien aus, und an ihrer Spitze steht eine einzelne Führungspersönlichkeit, die Finanz- und Personalentscheidungen autonom trifft.
Vor allem diese beiden Punkte bringen Schmid unter Beschuss - Martin Jähnert etwa greift das Selektionsprinzip an, Ursula Fuchs ihrerseits sähe die Schulleitung lieber thematisch verteilt in den Händen eines dreiköpfigen Teams. Akademiker haben es schwer mit dem Unterordnen, kommentiert Schmid selbst später die Kritik. Aber wenn einer allein die Verantwortung trägt, dann ist man effizienter. Die Überzeugung speist sich aus seiner eigenen Erfahrung als Leutnant der Reserve. Zwischen den beiden vermeintlich so gegensätzlichen Sphären Bundeswehr und Schule findet Schmid noch eine andere reizvolle Verknüpfung. In keinem anderen Beruf hat man schon mit 24 Jahren vergleichbare Führungsaufgaben wie als Lehrer und als Offizier, sagt der Mathematik- und Physikstudent. Für die Schulen der Zukunft insgesamt formuliert er ein so knackiges wie widersprüchliches Konzept der Entbürokratisierung. Man sollte sie weiter aus Steuern finanzieren, aber nicht mehr wie Behörden führen, fordert er. Sondern wie Unternehmen.
Gespräche bis Mitternacht
Wie man das erfolgreich macht, dazu stehen ein leibhaftiger Unternehmenserbe, drei Personalverantwortliche aus der Privatwirtschaft und ein inzwischen in Rente gegangener Ausbildungsleiter den Kollegiaten am Abend des dritten Akademietags Rede und Antwort. Halb als Respektsbekundung, halb als ironische Geste hat sich Martin Jähnert für den Unternehmerabend ein Sakko und ein lachsfarbenes Hemd angezogen. Das Interesse an den Biographien der fünf Weisen aus der Wirtschaft jedoch ist nicht nur bei ihm echt.
Die Gespräche mit ihnen dauern über das gemeinsame Abendessen hinaus fast bis Mitternacht an. Martin Jähnert erinnert sich dabei an die vielen Kilometer, die er schon in Firmenwagen zugebracht hat - er trampt, und hin und wieder nehmen ihn auch Unternehmer ein Stück mit, die dann gern aus ihrem Leben erzählen. Benjamin Schmid indes sieht sich in seiner Auffassung bestätigt, dass sich die in der Bundeswehr angewandten Prinzipien von Menschen- und Personalführung auch auf Privatunternehmen übertragen lassen könnten. Ursula Fuchs schließlich stößt mit ihrer Kritik an der Kluft zwischen dem schulischen Unterrichtsstoff einerseits und den Anforderungen der Arbeitgeber an Schulabgänger andererseits auf offene Ohren. Rasch kommen Lehramts-Junioren und Unternehmens-Senioren auf einige zentrale Gemeinsamkeiten.
Soziales Engagement und starke Charaktere etwa müssten mehr zählen als Profitgier und Workaholic-Attitüde, darüber sind sich beide Seiten einig. Und zu den Berührungsängsten zwischen Schule und Wirtschaft findet einer der Gäste eine mit viel Applaus bedachte Formel. Die Lehrer sagten mir früher immer, sie wollten für das Leben ausbilden, nicht für die Wirtschaft, erzählt Klaus Nese, der früher beim Elektrogerätehersteller Braun die Ausbildung organisiert hat. Aber was ist denn das Leben? Das ist doch auch die Wirtschaft!
Der Geruch wechselt von Station zu Station
Ein Gedankenaustausch in gepflegter Jugendherbergsatmosphäre ist das eine, die Wirklichkeit von Produktion und Konkurrenz etwas anderes. Mitten in Friedrichsdorf selbst steht ein geschlossenes Milupa-Werk, eine Industrieruine fast schon. Doch vom Tagungshotel aus, am Waldrand in Nachbarschaft des Hauses der Hessischen Landwirtschaft gelegen, fällt darauf kein Blick. So tauschen die Kollegiaten, wieder in Gruppen aufgeteilt, erst am Tag vor ihrer Abreise das Taunusidyll der Akademie gegen das Erlebnis eines real existierenden Unternehmens. Es schüttet aus bleigrauen Wolken, als Martin Jähnert zusammen mit Johanna Wey, Joachim Haupt und Jacqueline Piper das Müllheizkraftwerk des südhessischen Energieerzeugers HSE in Darmstadt erreicht.
40.000 Megawattstunden im Jahr werden hier erzeugt, 4000 Tonnen hochgiftige Stäube entstehen dabei, 1000 Grad heiß ist es im Brennkessel. An dessen gläserner Kontrollluke drücken sich die vier Kollegiaten, rote Sicherheitshelme auf dem Kopf, die Nase platt. Auf der Kesselrückseite fällt die Schlacke hinab in ein Becken, der pechschwarze Rest dieses Infernos. Herrscht hier noch die Optik der Stahlwerke vor, ist es in der nächsten Abteilung, wo die Rückstände analysiert werden, schon die der Chemiebranche.
Von Station zu Station wechselt auch der Geruch, je nach Aufbereitungsmethode und Abfallsorte reizen Schwefel und Chlor die Nase. Die Ohren dagegen betäubt im dritten Stock der Schiffsmotor der Turbine. Eine halbe Stunde nur dauert die Tour durch die Anlage an der Seite von Betriebsleiter Ulrich Mielke, die Distanz zwischen den beiden Welten, die sich hier um eine Annäherung bemühen, wird dabei greifbar: Auf die Müllberge sehen die Besucher aus einer gläsernen Krankanzel hinab, in 30 Meter Abstand zu stinkenden Windeln, durchgelegenen Matratzen, verfaulten Tomaten.
Nachher sitzen sie in einem Schulungsraum des Unternehmens, hören bei Kaffee und belegten Brötchen Vorträge über Skaleneffekte und Investitionsmaßnahmen, Ausbildungsgänge und Auswahlverfahren. Und ohne es zu wissen, trifft Henning Prüß dann doch noch mitten hinein in das Thema, das die Studenten vor ihm eine Woche lang beschäftigt hat. Der Anlagenmanager von HSE spricht über den Imagewandel der Stadtwerke. Doch was er sagt, gilt genauso für das Berufsbild der angehenden Lehrer. Früher war das wie eine Behörde, eingestaubt und langweilig. Diese Zeiten sind vorbei.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Roger Hagmann
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