08. November 2007 Das ist ein Auftritt, wie ihn Bert Rürup liebt. Im Scheinwerferlicht der Fernsehsender kann er der Bundeskanzlerin das neue Gutachten des Sachverständigenrates (Fünf Weise) übergeben und anschließend begütigend-mahnende Worte an die Regierung richten. Der Darmstädter Professor beherrscht in Deutschland, was in Amerika eine verbreitetere Kunst ist: das Spiel des Ökonomen mit Politik und Medien. Rürup kann sich in fernsten Weltgegenden befinden, gibt aber jederzeit übers Handy den Journalisten Antworten auf aktuelle wirtschafts- und finanzpolitische Fragen.
Dass nicht wenige seiner Kollegen dem langjährigen Regierungsberater und Sachverständigen nachsagen, er befinde sich nicht länger auf der Höhe der Forschung, stört Rürup nicht. Für ihn gibt es Theoretiker und Praktiker unter den Ökonomen. Und wer das Geschäft des Praktikers und Beraters übernehme, finde zwangsläufig nicht mehr die Zeit, tiefschürfende Forschung zu betreiben. Jeder an seinem Platze!
Bert Rürup - mehr Rat, weniger Ordnungspolitik
Öffentlich bekannt wurde Rürup Ende der neunziger Jahre als Mitglied der Rentenreformkommission des damaligen Arbeitsministers Walter Riester. Nach der Bundestagswahl 2002 leitete er einige Zeit in Berlin die Rürup-Kommission, die sich mit der Modernisierung der Sozialversicherung befasste. Im Sachverständigenrat sitzt Rürup seit dem Jahr 2000; seit 2005 leitet er das Gremium. Aus liberalen Kreisen wurde Rürup vorgeworfen, er habe dazu beigetragen, die ordnungspolitische Botschaft des Rates zu unterdrücken. Den Darmstädter hat dies nie geschert.
Erstens, so pflegt er zu sagen, wurde der Rat nicht als Gremium für Ordnungspolitik gegründet, sondern zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Und zweitens verlange die Politik immer mehr konkreten Rat und immer weniger Glaubensbekenntnisse. Im Ergebnis wurden die zunehmend detailverliebten Gutachten immer dicker und auch unlesbarer.
Wolfgang Franz - der Empiriker
Im Zentrum des Rats stehen neben Rürup der Mannheimer Arbeitsmarktökonom Wolfgang Franz und der Regensburger Finanzwissenschaftler Wolfgang Wiegard. Das Gewicht dieses Trios erklärt sich wesentlich aus ihren Fachgebieten: Finanzpolitik (Wiegard), Sozialpolitik (Rürup) und Arbeitsmarktpolitik (Franz) bilden zusammen einen erheblichen Teil der Jahresgutachten. Franz, der hauptberuflich Professor in Mannheim und Leiter des dortigen Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung ist, kann sich fraglos als der international angesehenste der Weisen betrachten.
Franz ist stark empirisch ausgerichteter Ökonom, der Mitte der neunziger Jahre auf Vorschlag der Gewerkschaften für fünf Jahre in den Rat berufen wurde. 1999 sprachen sich die Gewerkschaften gegen eine zweite Amtszeit des Mannheimers aus, der dies als Schmach empfand und lange nicht vergessen konnte. In einer spektakulären Wende wurde Franz 2003 ein zweites Mal in den Rat berufen - dieses Mal auf Vorschlag der Arbeitgeber. Der Mannheimer gilt im Rat als emsiger Arbeiter, der sich vor allem um die von ihm betreuten Kapitel kümmert, zur allgemeinen Diskussion im Gremium aber nicht überreichlich beiträgt. Franz tritt für zurückhaltende Lohnabschlüsse ein und lehnt einen staatlichen Mindestlohn ab.
Wolfgang Wiegard - Meister konkreter Politikanalysen
Der Finanzwissenschaftler Wiegard hat seit seinem Eintritt im Jahre 2001 dazu beigetragen, den Rat weniger auf ordnungspolitische Bekenntnisse als vielmehr auf konkrete Politikanalysen auszurichten. Der 1946 geborene Regensburger war zuvor einer der ersten Ökonomen, die in Deutschland eine sehr mathematisch geprägte Version der Finanzwissenschaft aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland importierten.
Das SPD-Mitglied Wiegard setzte sich im Rat, den er von 2002 bis 2005 auch leitete, für eine stabilitätsorientierte Ausgabenpolitik ein sowie für niedrigere Unternehmensteuern, um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu verbessern. Damit vertrat Wiegard zwar die Mehrheitsmeinung unter den deutschen Ökonomen, im Rat geriet er jedoch in einen scharfen Konflikt mit seinem Kollegen Bofinger, dem er mangelnde Teamfähigkeit vorwarf. Danach galt Wiegard zunächst als amtsmüde. Etwas überraschend trat der Regensburger dann im Jahre 2006 eine zweite Amtsperiode an.
Peter Bofinger - das enfant terrible
Wiegards Antipode Peter Bofinger besaß bereits einen Ruf als enfant terrible, als er 2004 auf Vorschlag der Gewerkschaften in den Rat berufen wurde. Bofinger vertrat (und vertritt) konsequent Minderheitsmeinungen, die ihre Grundlage in seiner - heute allgemein kaum noch geteilten - keynesianischen Überzeugung haben, dass viel mehr ökonomische Probleme durch eine zu geringe gesamtwirtschaftliche Nachfrage erklärbar sind als gemeinhin angenommen.
Bofingers Exotentum, verbunden mit einer beachtlichen Eloquenz und einer ausgeprägten Neigung, Konflikte auch auszufechten, bescherte dem Würzburger Professor (er ist dort Lehrstuhlnachfolger von Otmar Issing) lange Zeit viele Medienauftritte. Der Konjunkturaufschwung der vergangenen Jahre hat ihm ein wenig die Argumente ausgehen lassen. Im Sachverständigenrat tritt Bofinger heute ruhiger auf als früher - die öffentliche Kritik an mangelnder Teamfähigkeit und einer Neigung, sich auch zu Themen zu äußern, die nicht seine Spezialität sind, haben offensichtlich ihre Spuren hinterlassen.
Beatrice Weder di Mauro - die Internationale
Beatrice Weder di Mauro bereichert den seit jeher männlich dominierten Rat vor allem mit internationaler Erfahrung. Zu den Merkwürdigkeiten der Berufung der Weisen gehörte es in den vergangenen Jahrzehnten, dort Ökonomen zu bevorzugen, deren Auslandserfahrung begrenzt ist, obgleich die deutsche Wirtschaft eng mit dem Ausland verflochten ist.
Weder di Mauro ist nicht nur Schweizerin, sie ist in Lateinamerika aufgewachsen, hat sich früh mit Entwicklungsfragen befasst und ist heute in ihrem Mainzer Lehrstuhl so eng mit der internationalen Forschergemeinde vernetzt, wie dies für Ökonomen ihrer Generation, aber nicht für die Mehrzahl der Altvordern, üblich ist. Zu den Spezialitäten der Schweizerin zählen die internationalen Finanzmärkte.
Text: F.A.Z., 08.11.2007, Nr. 260 / Seite 21
Bildmaterial: AP
Klimaforschung: Die Erde erwärmt sich ![]()
Hongkong warnt vor einer Immobilienblase
Michel Barnier: Mann des Ausgleichs
| Name | Kurs | in % |
| DAX | 5.784,75 | −0,57% |
| TecDAX | 814,77 | +0,69% |
| MDAX | 7.436,42 | +0,24% |
| SDAX | 3.517,69 | +0,05% |
| REX | 375,20 | −0,37% |
| Eurostoxx 50 | 2.896,23 | −0,48% |
| Dow Jones | 10.390,10 | +0,01% |
| Nasdaq 100 | 1.783,65 | −0,46% |
| S&P500 | 1.103,25 | −0,25% |
| Nikkei225 | 10.167,60 | +1,45% |
| EUR/USD | 1,4843 | +0,11% |
| Rohöl Brent Crude | 76,75 $ | +0,42% |
| Gold | 1.147,50 $ | −3,59% |
| Bund Future | 123,13 € | +0,27% |