Von Georg Giersberg, Frankfurt
29. April 2005 Getrunken und gegessen wird immer. Diese Aussage überzeugt durch ihre Banalität immer wieder. Aber so wahr sie auch ist, der daraus gezogene Schluß, Lebensmittel zu verkaufen, sei einfach, ist falsch. Der Edeka-Chef Alfons Frenk hat erst in diesen Tagen über die Mühe geklagt, die der tägliche Kampf um die Verbraucher von Lebensmitteln mache.
Und dieser Kampf ist in kaum einem anderen Land der Erde so mühsam und hart wie in Deutschland. Die Folge für den Handel: In kaum einem Land wird so wenig verdient. Die Umsatzrenditen nach Steuern liegen in England zwischen 3 und 4 Prozent und in Frankreich zwischen 1,5 und 2,5 Prozent, während in Deutschland nicht einmal ein Prozent des Umsatzes als Nettogewinn bei den Handelsunternehmen übrigbleibt.
Aggressive Geschäftspraktiken
Aus diesem Grund machen sogar größte ausländische Handelsunternehmen einen weiten Bogen um Deutschland oder holen sich blutige Nasen wie im Fall Spar jetzt das französische Unternehmen Intermarche, das sehr viel Geld in Deutschland verloren hat. Auch der niederländische Konzern Ahold hatte sich nach einem kurzen Zwischenspiel hierzulande schnell wieder verabschiedet, und die amerikanische Wal-Mart-Kette kämpft seit der Übernahme der ehemaligen Wertkauf-Häuser verzweifelt um Umsatz und Ertrag.
So bleiben Deutschlands Händler weitgehend unter sich - allerdings wird der Club immer kleiner. Es ist lange her, daß der Konsum in Form der Co op AG einer der größten deutschen Einzelhändler war, daß im Südwesten die Asko Deutsche Kaufhaus AG durch aggressive Geschäftspraktiken von sich reden machte oder daß eine Leibbrand-Gruppe aus dem Rhein-Main-Gebiet überregionale Ambitionen zeigte. Sie alle sind aufgegangen in anderen Unternehmen.
Einkaufsmacht der Handelsketten
Kaum eine Branche ist so konzentriert wie der Lebensmitteleinzelhandel. Die Unternehmen begründen den Wachstumszwang mit der harten Konkurrenz, die zur Größe und damit zu Kostenvorteilen im Einkauf, in der Logistik und in der Werbung zwinge. Alle Lebensmittel verkaufenden Einzelhandelsunternehmen setzten im vergangen Jahr gut 218 Milliarden Euro hierzulande um. Die zehn größten Konzerne ziehen davon mehr als 80 Prozent des Umsatzes auf sich. Nimmt man nur Lebensmittel - die meisten Händler verkaufen daneben auch Nichtlebensmittel -, dann setzen die zehn größten Lebensmittelhändler nach Berechnung der Lebensmittel Zeitung sogar mehr als 86 Prozent um.
Das zeigt die Einkaufsmacht der großen Handelsketten. Wenn es einem Hersteller nicht gelingt, in die Regale dieser zehn größten Lebensmittelhändler zu kommen, haben seine Produkte keine Chance, jemals vom Verbraucher wahrgenommen zu werden. Der Verband der Markenartikelhersteller hat daher auch zurückhaltend auf die Übernahme der Spar durch Edeka reagiert. Kein Anlaß von Geburtstagen, Jubiläen, Eröffnungen oder Erweiterungen ist den Händlern zu gering, um vom Hersteller einen Obolus in Form eines Rabatts zu verlangen.
Günstige Einkaufsquelle
Aber auch Preiskämpfe haben ein Ende. Die Umsatzzahlen für das abgelaufene Jahr signalisieren, daß selbst die Discounter mit ihren Dauerniedrigpreisen an Wachstumsgrenzen stoßen. Sie haben sich durch überdurchschnittliche Zuwachsraten in den vergangenen Jahren zwar einen Anteil von zuletzt 42 Prozent am Lebensmittelmarkt erkämpft. Aber im vergangenen Jahr mußten die beiden größten Discounter, Aldi und Lidl, Umsatzeinbußen hinnehmen. Und auch die jüngste Meldung von Aldi Süd, für liegengebliebene Schnäppchen einen Resteverkauf zu organisieren, ist ein deutlicher Hinweis darauf, daß auch preisgünstige Verkäufe ihre Grenzen haben.
Im Gegensatz dazu konnten im vergangenen Jahr die beiden größten Lebensmittelhändler Edeka und Rewe (Toom, Minimal, HL, Penny) als einzige in der Spitzengruppe ihre Umsätze erhöhen und ihre führende Position ausbauen. Beide Unternehmensgruppen kennzeichnet eine Mischung aus zentralisiertem Filialsystem und genossenschaftlich organisierten selbständigen Händlern. Beide versichern, daß gerade das vom Eigentümer geführte Einzelhandelsgeschäft Wachstumspotential hat und auch in den Augen der Verbraucher eine günstige Einkaufsquelle darstellt.
Geiz-ist-geil-Mentalität
Um die Größenvorteile einer Filialkette nicht zu verlieren, müssen sich die selbständigen Einzelhändler beider Unternehmensgruppen aber sehr viel zentrale Vorschriften gefallen lassen. Was aber bleibt, ist der Anreiz, durch aktiven Verkauf, durch Bereitstellung von regionalen Zusatzsortimenten, durch besseren Service und durch ein gutes Betriebsklima Mehrumsätze und Zusatzgewinne zu erwirtschaften, die auf das eigene Konto fließen. Warum ausgerechnet in Deutschland die Schnäppchenjagd zu einem Volkssport geworden ist, hat noch niemand ergründen können. Diese Entwicklung wird vielfach mit der Sparnotwendigkeit in der Nachkriegszeit begründet, zu belegen ist dieser Zusammenhang aber nicht.
Ein Teil der Geiz-ist-geil-Mentalität hat der Einzelhandel sich auch selbst zuzuschreiben. Denn eines ist sicher: In Deutschland gibt es viel zu viel Verkaufsflächen. In keinem vergleichbaren Land gibt es soviel Handelsfläche je Einwohner wie in Deutschland. Ein Einwohner Frankreichs deckt seinen gesamten Bedarf auf 0,85 Quadratmetern Einkaufsfläche, jedem Engländer stehen 0,65 Quadratmeter zur Verfügung, während in Deutschland je Einwohner 1,3 Quadratmeter vorgehalten werden. Das erhöht nicht nur den Wettbewerbsdruck, sondern für die Händler vor allem die Kosten für Miete, Strom und Instandhaltung.
Konzentration wird anhalten
Experten sind der Ansicht, daß ein Drittel der Handelsflächen hierzulande geschlossen gehören, um auf den verbleibenden Standorten international vergleichbare Gewinne erwirtschaften zu können. Da sich aber kein Händler traut, als erster mit der Schließung in größerem Umfang anzufangen, wird der vor allem über den Preis ausgetragene Wettbewerb weiter anhalten.
Die Rewe hat 350 Neueröffnungen im laufenden Jahr angekündigt. Und auch wenn Aldi und Lidl nicht mehr ganz so stark wachsen, mit den Drogerieketten dm und Rossmann drängen neue preisaggressive Mitbewerber nach, die auf den Plätzen 15 und 17 auf dem Sprung unter die größten zehn Lebensmittelhändler sind. Die Drogeriekette dm hat vor wenigen Wochen eine Einkaufskooperation mit der Rewe bekanntgegeben. Die Konzentration und der Preiswettbewerb im Lebensmitteleinzelhandel werden anhalten - davon kann man zumindest kurz- und mittelfristig ausgehen.
Text: F.A.Z., 29.04.2005, Nr. 99 / Seite 22
Bildmaterial: F.A.Z.
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