12. August 2005 Fünf Jahre nach dem dot.com-Höhepunkt wächst das Internet so schnell wie nie zuvor. Die Zahl der Internetseiten ist in den vergangenen zwei Monaten um 5 Millionen auf 70 Millionen gestiegen. Das ist der höchste Anstieg in den vergangenen zehn Jahren, haben die Statistiker des britischen Internet-Unternehmens Netcraft gemessen. Die Aktienkursentwicklungen der beiden Suchmaschinen Google und Baidu lassen sogar einen Hauch vom Börsenfieber längst vergessen geglaubter Tage wieder aufleben.
An der Entwicklung der Internetseiten läßt sich das Auf und Ab der digitalen Wirtschaft nachzeichnen: Auf den steilen Aufstieg bis zum Jahr 2000 folgte in den Jahren 2001 und 2002 die Bereinigung. Die Unternehmen haben nur wenig Zeit gebraucht, um sich strategisch neu aufzustellen. Anbieter, die zu spät in das Internetgeschäft gestartet waren, um schnell genug die nötige kritische Größe zu erreichen, zogen sich wieder zurück. Unprofitable Geschäftsfelder wurden geschlossen und Beteiligungen verkauft.
Wachstum ohne erkennbare Sättigungstendenz
Der spektakulärste Abschied aus dem Internetgeschäft gelang dem Medienkonzern Bertelsmann, der zuerst seinen Vorstandsvorsitzenden Thomas Middelhoff vor die Tür setzte und anschließend dessen Internet-Engagements der Reihe nach dichtmachte. Auch der Handelskonzern Metro trennte sich im Jahr 2002 von seiner Beteiligung am Internet-Einzelhändler Primus Online. Das Geschäft machen seitdem andere: Ebay, Amazon, Otto und Quelle profitieren von dem kräftigen Wachstum, das bisher keine Sättigungstendenz erkennen läßt.
Die gescheiterten Spätstarter dürften sich heute ärgern, denn im Online-Einzelhandel wurden allein in Europa im vergangenen Jahr rund 40 Milliarden Euro umgesetzt. Bis zum Jahr 2009 wird der Einzelhandelsumsatz im Netz auf rund 170 Milliarden Euro wachsen, schätzt das Marktforschungsunternehmen Forrester Research. Mit der schnell wachsenden Breitband-Anschlußdichte verbringen die Menschen immer mehr Zeit im Internet, die sie auch für Einkäufe nutzen. Mehr als 20 Millionen Deutsche kaufen inzwischen per Mausklick ein.
Alte und neue Umsatztreiber
Als Umsatztreiber gelten die Reisebranche und die Kleidungsindustrie, auch wenn Bücher weiterhin die meisten Kunden im Netz finden. Klassisch gut läuft weiterhin der elektronische Handel mit Computern, Medien- und Telekommunikationsprodukten. Daneben haben auch andere Branchen das Netz für sich entdeckt. Zum Beispiel hat der Computerkonzern Apple inzwischen mehr als eine halbe Milliarde Musikstücke im Internet verkauft. Und drei Viertel aller Gebrauchtwagen in Deutschland werden inzwischen über Autobörsen wie Mobile.de oder Autoscout vertrieben, hat der ADAC festgestellt.
Mit dem Geschäftserfolg geht auch eine Konzentration einher. Vor allem amerikanische Unternehmen nehmen zur Zeit wieder viel Geld in die Hand, um sich in neue Märkte einzukaufen. Das Internetportal Yahoo hat gerade eine Milliarde Dollar für eine 40-Prozent-Beteiligung am chinesischen Einkaufsportal Alibaba ausgegeben.
Zuvor hatte Yahoo für fast eine halbe Milliarde Dollar die Preisvergleichsmaschine Kelkoo in Europa erworben. Da in Amerika mehr als zehn Milliarden Dollar Umsatz mit Onlinewerbung erzielt wird, kaufen sich auch die großen Medienunternehmen in den Markt zurück: Die New York Times hat 410 Millionen Dollar für About.com ausgegeben, und der Medientycoon Rubert Murdoch investiert kräftig in das Internetgeschäft. Er will eine Suchmaschine kaufen, um eine Konkurrenz zu Yahoo aufzubauen.
Wichtige Rolle Deutschlands im E-Commerce
Dagegen wird Deutschlands Rolle im E-Commerce immer wichtiger. Der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels hat für Deutschland im vergangenen Jahr rund 13 Milliarden Euro Umsatz im Netz ermittelt, ohne Berücksichtigung der Transaktionen privater Nutzer auf dem Internet-Marktplatz Ebay. Diese Umsätze haben weitere drei Milliarden Euro betragen. Nach Angaben des Bundesverbandes des Deutschen Versandhandels wird inzwischen etwa ein Viertel des Distanzhandels in Deutschland online abgewickelt. Insgesamt liegt Deutschland in Europa auf dem zweiten Platz der E-Commerce-Rangliste hinter Großbritannien, aber Marktforscher sehen Deutschland schon bald in der Führungsposition.
Der Schwerpunkt des elektronischen Handels liegt aber auf den Geschäftsbeziehungen zwischen Unternehmen. Etwa 90 Prozent entfällt auf den Handel zwischen Unternehmen (B2B), nur 10 Prozent auf das Geschäft mit den privaten Endkunden (B2C). Nach Angaben des Branchenverbandes Bitkom wurden in Deutschland im vergangenen Jahr Waren im Wert von rund 200 Milliarden Euro über das Internet gehandelt, fast 50 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Bis zum Jahr 2008 soll das gesamte Volumen auf 670 Milliarden Euro wachsen, schätzt der Bitkom.
Deutsche Unternehmen stark im Online-Geschäft
Deutsche Unternehmen liegen bei der Anwendung von Online-Techniken im internationalen Vergleich im oberen Mittelfeld. Nach einer Untersuchung des britischen Department of Trade and Industry (DTI) liegt Deutschland zwar hinter Schweden, Großbritannien und Irland, aber klar vor den Vereinigten Staaten und Japan. Drei von fünf deutschen Unternehmen kaufen inzwischen per Mausklick ein, und mehr als 40 Prozent bieten ihre Produkte im Netz zum Verkauf, das haben die britischen Marktforscher herausgefunden.
Allerdings hinken die Umsatzwerte noch hinter der Technik hinterher. Deutsche Unternehmen sind im internationalen Vergleich zwar überdurchschnittlich gut mit ihren Lieferanten und Händlern über das Internet vernetzt, erzielen aber nur 13 Prozent ihres Umsatzes online. Das ist international gesehen eher wenig. Auch der Anteil des Online-Einkaufs am gesamten Beschaffungsvolumen liegt in Deutschland mit 25 Prozent eher im hinteren Mittelfeld.
Text: ht., F.A.Z. vom 13. August 2005
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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