10. April 2007 Es war eine der spektakulärsten Übernahmen des vergangenen Jahres: Der amerikanische Internetgigant Google kündigte im Oktober den Kauf der Videoseite Youtube an. Der Preis von mehr als 1,6 Milliarden Dollar schien schwindelerregend für ein Unternehmen, das kaum Umsätze machte. Trotzdem kam der Kauf von Youtube an den Finanzmärkten zunächst gut an. Analysten trauten Google zu, die enorme Popularität von Youtube zu Geld in Form von Werbeumsätzen zu machen.
Fast genau ein halbes Jahr später ist Google aber kaum vorangekommen. Vielmehr sieht sich das Unternehmen immer neuen Widrigkeiten gegenüber. Jüngstes Beispiel: Die beiden Mediengruppen NBC Universal und News Corp. kündigten an, im Sommer eine eigene Videoseite zu starten. Damit könnte ein Rivale für Youtube entstehen, zumal sich der Allianz einige der besucherstärksten Internetdienste wie Yahoo und Myspace angeschlossen haben. Eine andere Attacke kam vom Medienkonzern Viacom, zu dem Fernsehsender wie MTV und Comedy Central gehören. Viacom reichte eine Klage wegen Urheberrechtsverletzungen gegen Google ein und forderte eine Milliarde Dollar Schadenersatz.
Aus dem Stand zur Kultseite geworden
Youtube ist im vergangenen Jahr aus dem Stand zu einer Kultseite geworden, ähnlich wie zuvor das Online-Forum Myspace. Youtube ist die dominierende Adresse zum Ansehen von Videos. Die Clips werden von den Nutzern selbst auf die Seite geladen. Dabei ist Youtube ein Sammelsurium für alle nur denkbaren bewegten Bilder: Skurrile Amateurvideos finden sich ebenso wie professionelle Inhalte, also Mitschnitte aus Unterhaltungs- oder Nachrichtensendungen im Fernsehen. Das Marktforschungsinstitut Alexa setzt Youtube auf den vierten Rang der meistgenutzten Internetseiten der Welt, hinter Yahoo, den Microsoft-Dienst MSN und Google.
Diese Popularität macht Youtube aber noch längst nicht zu einer Goldgrube: Google gab in seinem kürzlich vorgelegten Jahresbericht zu, Youtube bringe noch keine nennenswerten Umsätze“. Analyst Robert Peck von der Investmentbank Bear Stearns schätzte den Umsatz von Youtube im vergangenen Jahr auf 15 Millionen Dollar. Google-Vorstandschef Eric Schmidt sagte bei einer Investorenkonferenz, es sei derzeit noch unklar“, wie man Youtube zu Geld machen würde.
Erste Gehversuche bei Videowerbung
Google will auf der für Nutzer kostenlosen Youtube-Seite mit Werbung Umsätze erzielen. Bislang schaltet Google passend zu den von Nutzern gesuchten Videos Textanzeigen. Das funktioniert ähnlich wie bei der Internetsuche auf den Google-Seiten, wo Werbung neben die Ergebnisse gestellt wird. Auf Youtube scheint es indessen etwas schwieriger, Anzeigen auszuwählen, die relevant sind. Wenn ein Nutzer zum Beispiel nach funny accidents“, also lustigen Missgeschicken“ sucht, dann will er wohl Heimvideos in der Art von Pleiten, Pech und Pannen“ sehen und bekommt auch entsprechende Clips geliefert. Daneben erscheinen dann aber Anzeigen für Schutzsysteme und Autoversicherungen. Da der Nutzer aber wahrscheinlich nur von den Pannenvideos unterhalten werden will und nicht ernsthaft nach Informationen zur Unfallvorbeugung sucht, wird er wohl kaum auf die Anzeigen klicken – und nur in diesem Fall würden Umsätze fließen.
Google dürfte allerdings das Potential von Youtube ohnehin weniger in Text- als vielmehr in Videowerbung sehen. Erste Gehversuche gibt es schon. Unternehmen können eigene Seiten auf Youtube kaufen und dort Videos für ihre Produkte zeigen. Solche Kanäle gibt es von den Automarken Chrysler und Cadillac. Youtube hat außerdem Videoanzeigen auf seiner Startseite. Für die Zukunft nimmt sich Google vor, Werbung in die auf Youtube gezeigten Videoclips selbst zu integrieren, wobei noch offen ist, in welcher Form.
Solche Videoanzeigen gelten als das wachstumsstärkste Gebiet der Online-Werbung. Nach Angaben des New Yorker Marktforschungsinstituts Emarketer wurden 2006 in Amerika 410 Millionen Dollar für Videowerbung im Internet ausgegeben. Das entspricht 2,5 Prozent des gesamten Online-Werbemarktes. Für das laufende Jahr sagt Emarketer bereits einen Anstieg auf 775 Millionen Dollar voraus. Bis zum Jahr 2011 sollen es 4,1 Milliarden Dollar oder 11,2 Prozent des Gesamtmarktes sein.
Youtube sieht sich Angriffen gegenüber
Das Geschäft hat also gute Aussichten, aber um davon zu profitieren, muss Google die starke Position von Youtube als erste Anlaufstelle für Videos halten. Youtube sieht sich in jüngster Zeit immer mehr Angriffen gegenüber, beispielsweise auf dem Gebiet der Urheberrechte. Medienkonzernen ist der Umstand, dass Youtube-Nutzer Mitschnitte von urheberrechtlich geschützten Programmen auf die Seite stellen, schon lange ein Dorn im Auge. Youtube entfernt diese Clips bisher nur dann, wenn es von den Inhabern der Rechte verlangt wird. Viacom hat Youtube schon vor der Klage aufgefordert, alle Inhalte des Unternehmens von der Seite zu nehmen. Seither fehlen Youtube vormals beliebte Clips von Viacom-Sendungen, zum Beispiel mit dem Komiker Jon Stewart.
Google versucht fieberhaft, Partnerschaften mit Medienkonzernen und anderen Anbietern von Inhalten zu schließen, kommt dabei aber nur langsam voran. Zwar hat Google nach eigenen Angaben 1000 Allianzen, die meisten von ihnen erstrecken sich aber nur auf eine begrenzte Zahl von Inhalten. NBC Universal und News Corp. sind nun mit der Gründung einer eigenen Videoseite selbst zur Offensive übergegangen und werden Youtube Konkurrenz machen. Auf der neuen Seite wird es vor allem urheberrechtlich geschützte Ware wie Fernsehsendungen geben und weniger Amateurvideos. Daneben tauchen neue Wettbewerber auf, etwa die Seite Joost von Niklas Zennström und Janus Friis, den Gründern des Internettelefoniedienstes Skype. Joost hat schon eine Allianz mit dem Youtube-Widersacher Viacom geschlossen.
Auch wenn Youtube seine Position in dem härteren Wettbewerb halten kann, wird es nach Meinung des Analysten David Hallerman von Emarketer mehrere Jahre dauern, bis sich die Akquisition der Seite für Google auszahlt. Trotzdem sieht er in dem Zukauf großen Nutzen, wie er dieser Zeitung sagte. Denn nun habe Google ein besucherstarkes Experimentierfeld, um das wachstumsträchtige Gebiet der Videowerbung zu entwickeln. Selbst wenn Youtube nicht den erhofften Erfolg hätte: Google könnte es verschmerzen, denn das Kerngeschäft der Internetsuche und der damit verbundenen Werbung ist eine stetig sprudelnde Geldquelle. Im vergangenen Jahr hat Google bei einem Umsatz von 10,6 Milliarden Dollar einen Nettogewinn von 3,1 Milliarden Dollar erzielt. Zuletzt hatte Google liquide Mittel von 11,2 Milliarden Dollar – und könnte damit spielend noch viel größere Unternehmen als Youtube kaufen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP
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