14. November 2006 Der Deutschen Telekom laufen die Kunden in Scharen davon. Dieser Hauptvorwurf hat Kai-Uwe Ricke, Vorstandsvorsitzender des Unternehmens, jetzt seinen Job gekostet. Wo aber treibt es die Kunden hin? Wer profitiert von den Verlusten der Telekom in ihrem Brot-und-Butter-Geschäft im Festnetz?
Es sind auf der einen Seite die Wettbewerber mit einem überregional verfügbaren, eigenen Netz, wie zum Beispiel Arcor, Versatel oder Alice (Hansenet), die der Telekom die Kunden abjagen. Auf diese Kategorie von Wettbewerbern entfallen die meisten der 1,5 Millionen Anschlüsse, die die Deutsche Telekom allein in den ersten neun Monaten des Jahres verloren hat. Insgesamt sind inzwischen wahrscheinlich deutlich mehr als 5 Millionen der 39 Millionen Telefonanschlüsse in Deutschland auf die Netze der Wettbewerber geschaltet. Diese haben sich vor allem in den Ballungsgebieten etabliert und heizen dort den Wettbewerb untereinander und damit auch gegenüber der Deutschen Telekom kräftig an.
Zuwächse bei Arcor und Co
Allein Arcor hatte Ende März dieses Jahres schon 1,4 Millionen Kunden gewonnen, die sich mit ihrem Telefonanschluß komplett von der Telekom verabschiedet haben. Dies waren doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Diese Wachstumsdynamik hat sich in den Monaten danach fortgesetzt, und nach Schätzungen aus Branchenkreisen hat Arcor inzwischen mehr als 1,7 Millionen Festnetzkunden gewonnen.
Auch die anderen Anbieter können deutliche Zuwächse verzeichnen und ködern die Kunden vor allem mit Komplettangeboten aus Telefonanschluß, DSL-Zugang und entsprechenden Pauschaltarifen für unbegrenzte Telefonie im Festnetz und das Surfen im Internet. Die Preise der Wettbewerber für diese Angebote variieren je nach Geschwindigkeit des DSL-Zugangs zwischen 40 und 50 Euro.
Ungebündelt - unattraktiv
Auf diese Angebote hatte die Telekom lange keine Antwort. Sie begründete dies unter anderem damit, daß ihr durch die Verzögerung der Reintegration von T-Online in Sachen Bündelangebote die Hände gebunden waren. So verkaufte die Telekom ihre Angebote bis September dieses Jahres ungebündelt in Einzelleistungen. Sie setzte vor allem auf zubuchbare Optionen, die zum Beispiel kostenlose Telefonate am Wochenende ins deutsche Festnetz zum Pauschalpreis ermöglichten. Das war nicht sehr attraktiv, da andere Anbieter für nur unwesentlich höhere Monatsbeträge gleich den immer gültigen Pauschalpreis (Flatrate) anboten.
Eine Konsequenz aus dieser Produktpolitik war, daß der ehemalige Monopolist fast immer teurer war als die Konkurrenz. Entsprechend haben sich viele Kunden für die Wettbewerber entschieden. Das hat sich auch nach der Produktinitiative in den vergangenen Monaten nicht wesentlich verändert. Auch die neuen Bündelangebote der Telekom sind noch einen Tick teurer als die der Wettbewerber.
Mobilfunkanbieter sind neue Wettbewerber
An zweiter Stelle der Telekom-Konkurrenten stehen die Stadtnetzbetreiber wie Netcologne aus Köln oder M-Net in München. Sie haben in den Ballungsräumen teilweise schon mehr als die Hälfte der Kunden für sich gewonnen. Dies gilt zum Beispiel für Hansenet in Hamburg unter der Marke Alice.
Neben den Festnetzgesellschaften macht der Telekom aber auch eine neue Gruppe von Wettbewerbern das Leben schwer. So haben es sich die Mobilfunkanbieter auf die Fahne geschrieben, immer mehr Gesprächsminuten vom Festnetz auf die Handynetze zu ziehen, und es gibt sehr eindeutige Signale, daß dies durchaus funktioniert. Im besten Fall verliert die Telekom hier nur Umsatz mit den Telefonminuten, im schlimmsten Fall den gesamten Kunden. Der meldet dann seinen Festnetzanschluß vollständig ab, da er mit dem Handy allein insgesamt preiswerter telefonieren kann. Seit kurzem bieten Vodafone und O2 zudem noch DSL-Anschlüsse an und wollen ihre Mobilfunkkunden komplett zu sich ziehen – weg von der Telekom.
In Deutschland liegt der Anteil der Gesprächsminuten, die ihren Ursprung im Mobilfunk nehmen, erst bei höchstens 20 Prozent. In anderen Ländern ist dies deutlich mehr. So sind zum Beispiel in Finnland oder Österreich bald 50 Prozent der Gespräche Handy-Telefonate. Auch in Deutschland wird damit gerechnet, daß dieser Anteil in den kommenden Jahren deutlich zunehmen wird – eine Tendenz, die wieder zu Lasten des Festnetzes gehen wird.
Kabelnetzbetreiber dringen auf Telekom-Terrain vor
Zusätzlich versuchen auch die Kabelnetzanbieter auf das Terrain der Telefongesellschaften vorzudringen und die Kunden mit Angebotspaketen aus Fernsehen, Internet und Telefonie zu locken. Diese sind in Deutschland zwar bisher nicht sehr erfolgreich. Die Bedrohung, die von diesen Anbietern auf das Festnetzgeschäft der Telekom ausgeht, ist aber durchaus ernst zu nehmen.
Nicht zuletzt machen der Telekom im Festnetz aber auch die Wiederverkäufer Konkurrenz. Unternehmen wie zum Beispiel 1&1 kaufen die DSL-Anschlüsse von der Telekom mit hohen Rabatten ein und verkaufen sie unter eigenem Namen und auf eigene Rechnung weiter. Der kleine Vorteil für die Telekom liegt aber darin, daß ihr ein großer Teil des Umsatzes mit dem Kunden erhalten bleibt. So muß er zum Beispiel weiter einen Telefonanschluß der Telekom buchen, um das DSL-Angebot dieser Wettbewerber wahrnehmen zu können.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp
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