Migration nach Maß (2)

Die Schweiz profitiert von deutschen Zuwanderern

Von Konrad Mrusek

07. August 2006 Auch Schweizer verdrängen gern, daß sie ein Einwanderungsland sind. Man klagt über die allzu vielen Ausländer, ereifert sich über kriminelle Asylanten, redet aber nur ungern über den ökonomischen Nutzen der Migranten. Dabei ist die Schweiz noch stärker als Deutschland auf Ausländer angewiesen. Das heimische Potential an Arbeitskräften reichte nie aus, um all die Stellen zu besetzen.

Der Kleinstaat wäre nie zur mittelgroßen Wirtschaftsmacht geworden, wenn nicht zum Beispiel Henri Nestle aus Frankfurt an den Genfer See gezogen wäre oder heute ein Viertel aller Beschäftigten einen ausländischen Paß hätte - eine Quote, die nur von Luxemburg und Liechtenstein übertroffen wird.

Schweizer Pässe sind schwer zu haben

Auch die Ausländerquote, gemessen an der Bevölkerung, ist mit 20,4 Prozent im internationalen Maßstab sehr hoch. Dabei muß man allerdings berücksichtigen, daß der Schweizer Paß teuer und nicht einfach zu erlangen ist. Manche wollen ihn trotz jahrzehntelangem Aufenthalt auch gar nicht haben, weil der EU-Paß beim Reisen im Ausland Vorteile bietet.

Bei der Steuerung des Zuzugs von Ausländern haben die Schweizer schon immer viel unbefangener als die Deutschen auf ihren ökonomischen Vorteil geachtet. Früher holte man vor allem Arbeitnehmer als Saisonkräfte für Bauwirtschaft und Gastronomie - erst aus Italien und Portugal, dann vom Balkan. Für solche temporären Stellen und auch für längere Aufenthalte gab es Kontingente der Kantone, um eine "Überfremdung" zu verhindern.

Freizügigkeit für EU-Bürger

Diese Form der Ausländerpolitik erwies sich als ökonomisch kurzsichtig, als man die Gastarbeiter wegen der erworbenen Sozialansprüche nicht mehr so einfach in die Heimat zurückschicken konnte. Ihre Qualifikation war gering; vor allem Serben, Kroaten und Kosovaren integrierten sich schlecht; und daher ist ihre Arbeitslosenquote jetzt hoch.

Vor einigen Jahren wurde die Einwanderungspolitik geändert. Es gibt jetzt ein duales System, das Unqualifizierte abwehren und gut ausgebildete Ausländer anlocken soll. Dazu hat sich der Außenseiter Schweiz gewissermaßen europäisiert und mit der EU ein bilaterales Abkommen geschlossen, das 2002 stufenweise die gegenseitige Freizügigkeit für Personen einführte, die inzwischen für alle 25 EU-Staaten gilt.

Über 50 Prozent deutsche Zuwanderer

Wer aus einem dieser Länder kommt oder aus einem der drei Partnerländer in der Europäischen Freihandelsassoziation (Efta), der kann eine Stelle in der Schweiz antreten. Ausländer aus Drittstaaten, zum Beispiel aus dem ehemaligen Jugoslawien, haben es dagegen viel schwerer, eine Aufenthaltsgenehmigung für eine Arbeit zu bekommen, weil die Kontingente dafür klein und die Qualitätsanforderungen hoch sind.

Die Folgen der neuen Ausländerpolitik sieht und hört man in jeder Zürcher Tram: Es wird viel mehr Hochdeutsch geredet. Seit der Liberalisierung sind ungefähr 40.000 Deutsche gekommen - nicht nur Ärzte, sondern auch Banker, Informatiker und andere gut ausgebildete Arbeitskräfte. Auf die Deutschen entfielen in den vergangenen Jahren 56 Prozent der Nettozuwanderung. In Zürich stellen sie schon die größte Ausländergruppe. In der gesamten Schweiz rangieren sie mit 161.564 Personen auf dem vierten Rang hinter Italienern, Serben/Montenegrinern und Portugiesen.

Kellner aus Mecklenburg

Waren es zunächst vor allem Kliniken, in denen die Schweizer - im wahrsten Sinn des Wortes - immer häufiger in deutsche Hände gerieten, so findet man die Deutschen inzwischen in fast allen Branchen. In der Gastronomie war der Wandel für die Eidgenossen besonders gut sichtbar: Die Deutschen ersetzten sehr schnell die Kellner aus dem ehemaligen Jugoslawien, denn diese waren nicht allein wegen ihrer mageren Sprachkenntnisse höchst unbeliebt. Auffällig oft wird man nun selbst in der Schweizer Provinz von jungen Ostdeutschen bedient, die die gute Bezahlung und die bessere Arbeitszeitregelung loben.

Es kommt nicht von ungefähr, daß Schweizer Wirte vor allem Mecklenburger und Brandenburger holen: "Ossis" sind den Schweizern lieber, weil man sie als nicht so arrogant empfindet wie die "Wessis". Diese sind, zumal wenn sie vorlaut sind und ihre sprachliche Virtuosität im Hochdeutschen ausspielen, nicht sonderlich beliebt bei den Eidgenossen, was so mancher junge Einwanderer jetzt verwundert feststellt. Im Fußball drückt man lieber Italien die Daumen, obwohl die Eidgenossen früher auch italienische Gastarbeiter von oben herab behandelten und sie verächtlich "Tschingge" nannten.

Furcht vor Arbeitslosigkeit

Die Personenfreizügigkeit mit der EU war anfangs umstritten. Man fürchtete, Ausländer würden den Schweizern Stellen wegschnappen, die Löhne drücken und die Arbeitslosigkeit erhöhen. Diese Furcht war besonders groß, als 2004, zwei Jahre nach dem Inkrafttreten des Vertrags, auch der Inländervorrang entfiel. Dieser hatte die Einstellung von Ausländern zuvor nur erlaubt, wenn es für die Stelle keinen Einheimischen gab.

Die Ängste waren offenbar unbegründet, wie jüngst ein zweiter Zwischenbericht des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) und des Bundesamtes für Migration zeigte. Das liegt aber auch daran, daß der Staat die Kontrollen gegen Lohndumping verschärfte. Sonst hätten die Gewerkschaften mit einem Referendum die Personenfreizügigkeit bekämpft.

Zuwanderung nach den Bedürfnissen der Wirtschaft

Die allgemeine Arbeitslosenquote stieg nach einem Tiefpunkt in der Hochkonjunktur 1999/2000 bis 2004 auf einen Wert von fast 4 Prozent. Seitdem ist sie auf 3,1Prozent gesunken. Der Rückgang war langsamer als in früheren Zyklen, doch es ist nicht klar, ob dies an der Zuwanderung von Ausländern liegt oder an Besonderheiten des jetzigen Aufschwungs. Vor allem unter Einwanderern von außerhalb der EU ist die Arbeitslosigkeit hoch.

Die Zuwanderung entwickelt sich gemäß den Bedürfnissen der Wirtschaft: Es kommen mehr qualifizierte Arbeitskräfte, während die Zahl der Unqualifizierten sinkt. Die Zuwanderung der EU-Bürger nahm zunächst stark zu, schwächte sich dann aber ab. Dagegen zogen aus Drittstaaten immer weniger Menschen zu, so daß sich der Wanderungssaldo der Ausländer insgesamt seit 2002 verringerte. Die kantonalen Kontingente, die es für eine Übergangszeit gibt, wurden nur bei den Ausländern mit einem Daueraufenthalt von bis zu 5Jahren voll ausgeschöpft, nicht aber bei jenen Ausländern, die für weniger als ein Jahr bleiben.

Schweizer Arbeitskräfte nicht verdrängt

Eine Verdrängung von Schweizer Arbeitskräften gab es bisher nicht. In jenen Tätigkeiten, in denen mehr Ausländer eingestellt wurden, nahm auch die heimische Beschäftigung zu. Dabei gab es eine Verschiebung hin zu höherqualifizierten Tätigkeiten. So nahm zwischen 2003 und 2005 in minderqualifizierten Berufsgruppen wie Hilfsarbeitskräfte und Büroangestellte oder in der Landwirtschaft die Zahl von Schweizer und EU-Ausländern ab.

Dagegen gab es in technischen Berufen und besonders stark bei Akademikerstellen einen parallelen Zuwachs. Hier hat sich die Zahl der Schweizer um 27000 erhöht, die der EU-Ausländer um 9000. Nur in die Riege der Führungskräfte schafften es die Ausländer bisher nicht: Die 1000 zusätzlichen Stellen in dieser Kategorie gingen allein an Eidgenossen. Gleichwohl hat die Schweiz eine hohe Ausländerquote auch unter Konzernchefs: Nestle führt ein Österreicher (Peter Brabeck) und Credit Suisse ein Deutscher (Oswald Grübel).

Höhere Wachstumsraten als Deutschland

Die Schweiz, in den neunziger Jahren noch europäisches Schlußlicht, erzielt seit zwei Jahren höhere Wachstumsraten als Deutschland. Für 2006 erwarten Optimisten ein reales Wachstum von 3 Prozent. Bisher wurde kaum diskutiert, ob neben dem Exportschub auch die Zuwanderung gut ausgebildeter Ausländer das Wachstum beschleunigen half. Die Zurückhaltung ist verständlich: Es würde den Schweizer Stolz beeinträchtigen, wenn man feststellte, daß ausgerechnet die Deutschen die Wirtschaft produktiver machten.

Der Ökonom Hans-Peter Hausheer von der Großbank UBS hält den Zusammenhang zwischen höherer Qualifikation der Migranten und höherem Wachstum für plausibel. "In ökonomischer Hinsicht hat das für mich eine gewisse Logik." Der Chefökonom des Staatssekretariats für Wirtschaft, Aymo Brunetti, bezeichnet es als zu früh, um einen solchen Zusammenhang wissenschaftlich belegen zu können. "Ich vermute aber, daß die Personen-Freizügigkeit eine der wichtigsten Maßnahmen im Wachstumspaket der Regierung war", sagt Brunetti.

Text: F.A.Z., 07.08.2006, Nr. 181 / Seite 11
Bildmaterial: F.A.Z.

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Nutzen Sie jetzt Ihr Sonderkündigungsrecht. Beim Wechsel Ihrer Kfz-Versicherung winken bis zu 500 € Ersparnis. Jetzt online vergleichen und gleich abschließen.

Dax
Tec
Dow
Nas
22.12.2009 | 16:59
Dax 5.957,81
+0,46 %
 
        Vortag
22.12.2009 | 17:14
Name Kurs in %
DAX 5.957,81 +0,46%
TecDAX 811,56 −0,76%
MDAX 7.488,79 +0,46%
SDAX 3.550,41 +0,08%
REX 377,94 −0,15%
Eurostoxx 50 2.950,81 +0,85%
Dow Jones 10.460,50 +0,44%
Nasdaq 100 1.836,14 +0,40%
S&P500 1.114,05 +1,05%
Nikkei225 10.378,00 +1,91%
EUR/USD 1,4225 −0,35%
Rohöl Brent Crude 72,03 $ −1,32%
Gold 1.105,50 $ +0,09%
Bund Future 122,27 € −0,51%
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche