Jobmarkt

Genug Arbeit in Amerika trotz Entlassungen

Die amerikanische Autoindustrie macht Schlagzeilen - mit Massen-Entlassungen

Die amerikanische Autoindustrie macht Schlagzeilen - mit Massen-Entlassungen

27. Dezember 2005 Massenentlassungen sind kein deutsches Phänomen. Auch einige große amerikanische Konzerne haben in diesem Jahr umfangreiche Stellenstreichungen angekündigt. Von einem Standortproblem redet in Amerika aber kaum jemand: In vielen Fällen sind die Gründe für den Abbau unternehmensspezifisch und spiegeln nicht die Lage der Branche oder gar der Gesamtkonjunktur.

Zudem treffen einige der Entlassungen mehr das Ausland als Amerika. Der Abbau von 14.500 Stellen beim Technologiekonzern IBM zum Beispiel entfällt zu 70 Prozent auf die langsam wachsenden europäischen Märkte wie Deutschland. Konjunktur- und Arbeitsmarktdaten bestätigen die gute Verfassung Amerikas: Unternehmensgewinne steigen, das Bruttoinlandsprodukt ist im jüngsten Quartal um mehr als 4 Prozent gewachsen, und die Arbeitslosigkeit lag im November bei 5 Prozent.

Autobauer in Schwierigkeiten

Eine der größten Restrukturierungen läuft derzeit beim Fotografiespezialisten Eastman Kodak. Schon 2004 kündigte das Unternehmen den Abbau von 15.000 der rund 64.000 Mitarbeiter an, in diesem Jahr wurde die Zahl auf 22.500 bis 25.000 erhöht. Die Gründe liegen im Unternehmen selbst: Kodak bricht das traditionelle Filmgeschäft schneller als erwartet weg. Erst spät richtete der Vorstand die Strategie auf die digitale Fotografie aus.

Noch mehr Schlagzeilen macht in diesen Tagen die Autoindustrie. Der weltgrößte Autohersteller General Motors will sich bis zum Jahr 2008 von 30.000 Mitarbeitern in Nordamerika trennen. Bei Ford müssen in der Verwaltung 6700 Menschen gehen, und im Januar werden wohl die nächsten Kürzungen angekündigt - Gerüchten zufolge sind bis zu 30.000 Arbeitsplätze in der Produktion in Gefahr.

Der Saldo ist positiv

Die beiden hochverschuldeten Autobauer können ihre Schwierigkeiten zum Teil auf Strukturprobleme zurückführen. Alle amerikanischen Hersteller leiden zum Beispiel unter den hohen Sozialleistungen für die Mitarbeiter. Andererseits müssen sich GM und Ford aber auch eigenes Versagen vorhalten lassen: Ihre Produkte sind nicht attraktiv genug, Amerikaner greifen immer häufiger zu Modellen anderer Hersteller. Der dritte amerikanische Hersteller Chrysler behauptet sich dagegen profitabel auf dem Markt. Den wegfallenden Arbeitsplätzen bei amerikanischen Herstellern stehen zudem neue Arbeitsplätze bei ausländischen Unternehmen wie Toyota gegenüber, die immer mehr Werke in Amerika errichten.

Diese Dynamik kennzeichnet Amerika allgemein: Quartal für Quartal fallen viele Millionen Arbeitsplätze weg, aber es entstehen auch viele Millionen neue Stellen, und der Saldo ist positiv. Im November gab es nach Angaben des Amts für Arbeitsmarktstatistik 142,6 Millionen Arbeitsplätze in Amerika und damit 2,3 Millionen mehr als zwölf Monate zuvor.

Fluglinien in der Insolvenz

Trotzdem haben manche Branchen mehr Probleme als andere. Der verarbeitenden Industrie, also etwa Autoherstellern und ihren Zulieferern, fällt es schwerer, wegfallende Arbeitsplätze zu ersetzen. Das läßt sich an den überdurchschnittlich hohen Arbeitslosenquoten im Auto-Bundesstaat Michigan ablesen. Gerade bei den Autozulieferern hat sich die Lage in diesem Jahr zugespitzt. Es gab eine Serie von Insolvenzen, darunter der Marktführer Delphi im Oktober. Es mehren sich die Stimmen, wonach es auch einen Autohersteller selbst und dabei an erster Stelle GM erwischen könnte. Auf die Mitarbeiter könnten dann noch weitaus schmerzhaftere Einschnitte zukommen als bisher.

Andere traditionelle Branchen wie die Stahlindustrie haben solche Insolvenzzyklen schon hinter sich gebracht und sich radikal verschlankt. Im Moment macht die Flugindustrie eine ähnliche Phase durch, mehrere große Fluglinien wie Delta, United und Northwest stehen im Insolvenzverfahren. Die Gesellschaften haben sich schon von vielen Tausenden Mitarbeitern getrennt und verlangen von der verbliebenen Belegschaft große Opfer.

Mehr noch als Arbeitslosigkeit drohen Arbeitnehmern aus traditionellen Branchen nach Ansicht von Experten künftig verstärkt solche Einschnitte bei den Löhnen und Gehältern sowie den umfangreichen Sozialleistungen, die in der Vergangenheit oft mit den Gewerkschaften ausgehandelt wurden. Delphi-Vorstandschef Steve Miller wies darauf hin, daß der globale Wettbewerb die amerikanische Unternehmen zu Anpassungen zwinge. Jüngste Statistiken zeigen bereits, daß die Löhne und Gehälter der Amerikaner so wenig ansteigen wie schon lange nicht mehr. Das könnte sich indessen wieder ändern, wenn sich die Voraussagen einiger Ökonomen bewahrheiten, wonach die Arbeitslosenquote im kommenden Jahr weiter deutlich sinken könnte. Dies würde zu einer weiteren Verknappung auf dem Arbeitsmarkt führen, und das Lohnniveau könnte wieder deutlicher ansteigen.

Text: lid./Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: AP

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