Von Claus Tigges
21. August 2006 Die Einwanderungspolitik steht auf dem Prüfstand. In Berlin läßt die Regierungskoalition von einer Arbeitsgruppe prüfen, auf welche Weise der Zuzug von Fachkräften und Selbständigen gefördert werden kann. Dabei geht es ausschließlich um Spitzenkräfte, nicht um gut ausgebildete Handwerksmeister, Ingenieure oder Ärzte, wie der SPD-Politiker Dieter Wiefelspütz unlängst deutlich gemacht hat.
Auf der anderen Seite des Atlantiks, in den Vereinigten Staaten, wird bereits seit Monaten um ein neues Einwanderungsrecht gerungen. In Washington geht es allerdings nicht vorrangig um das Anlocken von hochqualifizierten Ausländern, sondern um eine schärfere Kontrolle der Zuwanderung, nicht zuletzt aus Gründen der nationalen Sicherheit. Schätzungsweise 12 Millionen Menschen, überwiegend aus Lateinamerika, halten sich illegal in Amerika auf.
Migration als Globalisierungsfaktor
Immigration wirft aus dem ökonomischen Blickwinkel eine Reihe von Fragen auf. Richard Freeman, Professor an der Harvard-Universität und Direktor des Programms für Arbeitsmarktstudien am angesehenen National Bureau of Economic Research, hat kürzlich Ursachen und Wirkungen der Wanderungsbewegungen unter die Lupe genommen. Seiner Ansicht nach ist Migration zur Schaffung einer globalen Wirtschaft unverzichtbar. In der Globalisierungsdebatte der vergangenen Jahre ist die internationale Mobilität von Arbeitskräften nahezu ausgeblendet worden, sagt Freeman.
Wer den grenzüberschreitenden Handel einschränken oder Sozialstandards daran knüpfen wolle, werde als Protektionist beschimpft. Wer den Kapitalverkehr beschränken wolle, dem sitze schnell der Internationale Währungsfonds im Nacken. Aber Beschränkungen von Wanderungsbewegungen werden allgemein akzeptiert als Ausübung nationaler Souveränität, kritisiert der Wissenschaftler.
Auswandern: Bevorzugt ins Nachbarland
Die Ursachen der Wanderungsbewegungen sind vielschichtig, sie reichen von wirtschaftlichen Erwägungen bis zu familiären Gründen. Auch die Geographie spielt eine Rolle: Die Migration aus Ländern mit einem geringen Pro-Kopf-Einkommen in Länder mit einem höheren Pro-Kopf-Einkommen ist um so größer, je geringer die Distanz zwischen beiden Ländern ist.
Nach Amerika beispielsweise kommen besonders viele Mexikaner und El Salvadorianer mit einem geringen Bildungsstand. Viele von ihnen überwinden die Grenzen freilich illegal. Kurze Distanzen erleichtern das, sagt Freeman. Der Ökonom hat herausgefunden, daß Immigranten in Amerika vergleichsweise weniger verdienen als Einheimische mit demselben Bildungsniveau. Er hat allerdings auch festgestellt, daß sich dieser Einkommensunterschied mit der Zeit verwischt. Das geringere Lohnniveau in Amerika sei aber immer noch um ein Vielfaches höher als der Lohn im Heimatland. Das habe seinen Grund unter anderem in einem größeren Einsatz moderner Techniken und effizienterer Märkte. Ein typisches Beispiel dafür wäre das geringere Ausmaß an Korruption als in den Entwicklungs- und Schwellenländern.
Keine Nachteile für einheimische Arbeitnehmer
Weil Immigranten zum großen Teil noch recht jung sind, verringern sie das Durchschnittsalter der Bevölkerung im Zielland. Die Einwanderung allein bietet allerdings nach Ansicht Freemans noch keine Lösung für die Probleme der Rentenversicherungen in vielen Industrienationen. Dafür wären viel höhere Zuwanderungsraten notwendig als jetzt, sagt er und verweist darauf, daß auch die Einwanderer eines Tages älter werden und zudem meist Kinder haben, die das öffentliche Schulsystem in Anspruch nehmen. 10,8 Millionen Menschen müßten jährlich nach Amerika einwandern, um das Verhältnis von Rentnern zur Zahl der Erwerbstätigen auch nur stabil zu halten.
Keine überzeugenden Belege findet Freeman für das vor allem von Gewerkschaften vorgebrachte Argument, die Immigranten machten heimischen Arbeitnehmern den Job streitig und drückten die Löhne. Ein Anstieg des Anteils der Immigranten an der amerikanischen Bevölkerung um 10 Prozent verringere nach empirischen Untersuchungen das Lohnniveau der heimischen Arbeiter um höchstens ein Prozent.
Migranten als Gewinner
Ähnliche Ergebnisse gebe es für Frankreich und Portugal. Eine mögliche Erklärung hierfür sind Veränderungen in den Wanderungsbewegungen innerhalb des Landes, vermutet Freeman. Beispielsweise seien in den achtziger und neunziger Jahren deutlich weniger Arbeiter mit einem geringen Bildungsstand aus dem Mittleren Westen Amerikas nach Kalifornien gezogen als zuvor, weil während dieser Zeit der Strom mexikanischer Einwanderer nach Kalifornien angeschwollen sei.
Nach den Erkenntnissen Freemans profitieren die Immigranten unter dem Strich in höherem Maße von ihrer Wanderung als die Einheimischen im Zielland. Eine wichtige Rolle spielen in diesem Zusammenhang auch die Überweisungen der Einwanderer in ihre (armen) Herkunftsländer, schätzungsweise rund 160 Milliarden Dollar jährlich. Eine ungehinderte Wanderung von Arbeitskräften könne darum einen erheblichen Beitrag im Kampf gegen die Armut in den Entwicklungsländern leisten.
Mit Migranten-Steuer Akzeptanz schaffen
Um die gesellschaftliche Akzeptanz in den reicheren Zielländern zu erhöhen, müßten die Bürger dort stärker an den Gewinnen dieser Mobilität beteiligt werden. Freemans Vorschlag hierzu: die Einwanderungsvisa zu versteigern. Auf diese Weise lasse sich beispielsweise sicherstellen, daß nur jene ins Land kämen, die sich den größten Nutzen davon versprächen und deren Zahlungsbereitschaft entsprechend hoch sei.
Junge Leute aus armen Ländern, die über zuwenig Kapital verfügten, könnten später eine Sondersteuer auf ihr Einkommen im Zielland bezahlen. So ähnlich, wie junge Australier einen Ausbildungskredit aufnehmen und ihn später durch höhere Steuern zurückzahlen können, schlägt Freeman vor.
Literatur: Richard B. Freeman, People Flows in Globalization, Journal of Economic Perspectives, Volume 20, Nummer 2, Spring 2006.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20.08.2006, Nr. 33 / Seite 34
Bildmaterial: AP
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