02. Juli 2006 Ein Video vom Tauchgang, ein privates Solo am Klavier, dazwischen auch mal ein Werbefilm für Bier: Video-Webseiten, auf denen die Nutzer ihre selbstgedrehten Kurzfilme hochladen und einem Millionenpublikum vorstellen können, entwickeln sich zum Albtraum für die Fernsehprofis. Youtube, Metacafe oder Myvideo in Deutschland sorgen für Aufregung bei den Fernsehsendern, weil sie so beliebt sind. Viele Sender überlegen, ob sie sich Communities kaufen sollen, wie es Murdoch mit Myspace getan hat, sagt Risikokapitalgeber Klaus Hommels.
Vor allem die Dynamik dieser Video-Communities macht den Fernsehmanagern angst: Youtube wurde erst im Frühjahr 2005 gegründet. Heute werden jeden Tag 70 Millionen Filme angeschaut und 60.000 neue Videos eingestellt. Youtube gehört zu den beliebtesten Internetseiten in Amerika und hat weit mehr Nutzer als die Videoangebote von Google, MSN oder AOL. Das Geheimnis des Erfolgs ist die Gemeinschaft. Die Nutzer können die Videos weiterempfehlen, in Blogs darüber diskutieren und sich in Klein- und Kleinstgemeinschaften zusammentun.
Kooperation mit Fernsehsendern
Der Erfolg ruft Nachahmer auf den Plan. In Deutschland sind die Samwer-Brüder auf den Zug aufgesprungen und finanzieren die Seite Myvideo.de. Neue Konkurrenz kommt jetzt aus Frankreich: Dailymotion.com geht in Deutschland an den Start. Deren Zahlen sind im Vergleich zu Youtube noch bescheiden: Drei Millionen Videoabrufe und 300.000 Videos in der Datenbank sollen aber erst der Anfang sein, verspricht Didier Rappaport. Er hat mit 50 Jahren seine gutbezahlte Stelle als Softwareingenieur aufgegeben, um bei Dailymotion einer von acht Mitarbeitern zu werden. Wir wollen die führende europäische Video-Plattform werden, sagte Rappaport dieser Zeitung.
Kooperationen mit Fernsehsendern wie TF1 in Frankreich oder mit Online-Diensten sollen für das nötige Wachstum sorgen. Das Interesse der Fernsehsender ist riesengroß, sagt Rappaport. Statt Massenware für ein Massenpublikum bieten die Video-Websites Filme für fast jeden Geschmack und erreichen auf diese Weise ein breiteres Publikum als die Fernsehsender. Der amerikanische Sender NBC hat auf die Begeisterung reagiert und richtet nun einen eigenen Kanal auf Youtube ein, um dort mit eigenen Kurzfilmen für sein Programm zu werben.
Vom passiven Konsumenten zum aktiven Akteur
Die Fernsehmacher müssen sich schnell etwas einfallen lassen, denn die Mediennutzung in Deutschland wandelt sich immer schneller. Die Geschwindigkeit, mit der Menschen neue Medienprodukte wie digitale Videorekorder, selbstproduzierte Musikstücke und Videos oder Online-Spiele annehmen, habe sich im vergangenen Jahr signifikant erhöht, hat eine repräsentative Studie des Computerkonzerns IBM ergeben. Die Menschen wandeln sich vom passiven Konsumenten zu aktiven Medienakteuren, die ihr Fernsehprogramm bestimmen, selber Inhalte produzieren und sich im Internet mit Tausenden anderen Spielern messen. Das starre Programmschema macht Fernsehen unattraktiv. Die Nutzung verlagert sich auf andere Medien. In einigen Zielgruppen wird das Fernsehen daher mehr und mehr zum Nebenmedium, lautet ein Ergebnis der Studie. Vor allem das Internet profitiert von der Unattraktivität des Fernsehens.
Das gilt vor allem für die Werbung. Viele Werbetreibende schichten ihre Budgets ins Internet um, weil sie dort ihre Zielgruppen weit besser erreichen können. Die Zeiten aggressiver Werbung im Netz sind vorbei. Wir bieten zum Beispiel Werbung vor und nach Videos an, die dann mit den Filmemachern geteilt werden, sagte Rappaport. Unternehmen wie Puma, Samsung oder Microsoft hätten bereits Werbeverträge mit Dailymotion abgeschlossen. Videos im Internet haben schnell das Interesse der Werber geweckt, sagt Peter Daboll vom amerikanischen Marktforschungsunternehmen Comscore. Amerikanische Konsumenten haben im März 3,7 Milliarden Filme im Internet angeschaut; die Reichweite unter den Internetnutzern sei binnen sechs Monaten um 18 Prozent gestiegen. Die eifrigsten Nutzer waren Männer zwischen 25 und 34 Jahren.
Text: F.A.Z., 03.07.2006, Nr. 151 / Seite 19
Bildmaterial: dpa/dpaweb
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