Von Lisa Nienhaus und Bettina Weiguny
18. Mai 2008 Sie sollen es einmal besser haben. Das sagten Mittelschicht-Eltern früher, wenn sie über ihre Kinder sprachen. Heute formulieren sie anders: Sie sollen es einmal genauso gut haben, sagen sie - und sind sich nicht sicher, dass es klappt. In der Mitte Deutschlands geht die Angst vor dem Abstieg um, vor dem der Kinder und vor dem eigenen.
Die Furcht schien zunächst unbegründet. Die Zahl der Menschen mit mittlerem Verdienst blieb jahrzehntelang stabil. Ihr Anteil lag bis ins Jahr 2001 relativ konstant um die 60 Prozent. Gleichzeitig wurde die Wahrscheinlichkeit, Mittelschicht zu bleiben, wenn man es einmal war, immer größer.
Unterschicht bleibt Unterschicht
Das hat sich geändert. Neue Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) belegen: Die Mitte ist in Bewegung geraten - und dahingeschmolzen. 2006 zählte das DIW nur noch 54 Prozent der deutschen Haushalte zur Mittelschicht, also zu denen, die zwischen 70 und 150 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben. 1992 waren es noch 62 Prozent gewesen, rund fünf Millionen Menschen mehr. Das ist für einige durchaus angenehm. Denn ein Grund für das Schrumpfen der Mittelschicht liegt darin, dass mehr Menschen aufgestiegen sind. Die Klasse der wohlhabenden Haushalte, die mehr als 150 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben, ist dadurch größer geworden.
Stärker aber noch ist die Zahl der armutsgefährdeten Haushalte gestiegen, also der Haushalte, die weniger als 70 Prozent des mittleren Einkommens haben. Es sind nämlich mehr Mittelschichtler abgerutscht als aufgestiegen.
Gleichzeitig haben es weniger arme Menschen geschafft, in die Mitte der Gesellschaft vorzudringen, als zuvor. Dass Unterschicht auch Unterschicht bleibt, ist heute viel wahrscheinlicher als vor wenigen Jahren. Das Gleiche gilt für die Oberschicht. Deutschlands Gesellschaft zementiert ihre Extreme.
Trennung führt schnell zum Abrutschen
Derweil teilt die Mittelschicht sich auf. Der Soziologe Hans-Peter Blossfeld hat untersucht, wie sich die Lebensverläufe der Menschen in den vergangenen Jahren verändert haben. Er sieht zwei Gruppen, die die Spreizung der Mittelschicht ausmachen: gut ausgebildete Frauen und junge Leute. Die Akademikerinnen heiraten meist Akademiker, und nach der Hochzeit arbeiten dann - anders als früher üblich - beide. Diese Doppelverdiener-Haushalte hält Blossfeld für die Aufsteiger der Mittelschicht.
Die jungen Menschen dagegen litten darunter, dass ihnen der Zugang zum Arbeitsmarkt erschwert werde. Sie brauchten häufig eine Übergangszeit von vier bis fünf Jahren, bis sie sich aus eigener Kraft in die Mittelschicht zurückgearbeitet hätten. "Deutlich länger als früher", sagt Blossfeld. Sie sind die Absteiger der Mittelschicht - zumindest für einige Jahre. Dazu kommt nach Ansicht des DIW auch die steigende Anzahl Geschiedener und Alleinerziehender. Die Trennung vom Partner führt schnell zum Abrutschen aus der bequemen Mitte.
Die Angst der Mitte kommt wohl auch daher, dass sie beides aus ihrem Umfeld kennt: Scheidungen und Jugendliche, die den Einstieg ins Erwerbsleben nicht schaffen. Und beides könnte die meisten von ihnen oder ihre Kinder auch treffen.Trotzdem sieht der Soziologe Blossfeld für die breite Mittelschicht keinen Grund zu klagen. Ihr gehe es finanziell gut. Und nur die wenigsten seien vom Abstieg bedroht. Die wirklichen Verlierer der vergangenen Jahre finde man dagegen in den unteren Einkommensschichten.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: F.A.Z.
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