Volkswagen

Eklat im Aufsichtsrat von Volkswagen

Horst Neumann: der Nachfolger von Peter Hartz

Horst Neumann: der Nachfolger von Peter Hartz

11. November 2005 Im Aufsichtsrat der Volkswagen AG ist es am Freitag zum Eklat gekommen.

Gegen den Willen der meisten Anteilseignervertreter wurde Horst Neumann zum Personalvorstand und Arbeitsdirektor des Automobilkonzerns gewählt. Der bisherige Personalchef der VW-Tochtergesellschaft Audi tritt am 1. Dezember die Nachfolge von Peter Hartz an, der wegen der Affäre um Lustreisen im Sommer zurückgetreten war. Der 56 Jahre alte Neumann erhält einen Vertrag über fünf Jahre.

Die Wahl kam vollkommen überraschend, denn ursprünglich stand sie gar nicht auf der Tagesordnung. Nach Informationen dieser Zeitung hat IG-Metall-Chef Jürgen Peters seinen Wunschkandidaten im Schulterschluß mit Aufsichtsratschef Ferdinand Piech in einer Kampfabstimmung durchgesetzt. Auf den entsprechenden Personalvorschlag hin hatten die Anteilseigner zunächst noch mit dem Antrag reagiert, die Wahl zu vertagen. Doch zusammen mit der Stimme Piechs schmetterten die zehn Arbeitnehmervertreter diesen Antrag ab.

Wunschkandidat der IG Metall

In der dann folgenden Kampfabstimmung zur Wahl Neumanns war eine Dreiviertelmehrheit erforderlich. Nach Informationen dieser Zeitung haben die Anteilseignervertreter Klaus Liesen und Michael Frenzel (TUI) neben Piech für Neumann gestimmt. Damit erhielt der Kandidat 13 Stimmen der 19 anwesenden Aufsichtsräte. Peters und Piech kam also zugute, daß der Kapitalvertreter Lord Simon krankheitshalber nicht an der Sitzung teilgenommen hatte und dessen Stimme also der Kapitalseite fehlte.

Neumann galt schon lange als Wunschkandidat der IG Metall und des VW-Betriebsrats. Allerdings hatte sich unter anderem Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff, der als Vertreter des VW-Großaktionärs Niedersachsen im Aufsichtsrat sitzt, bis zuletzt gegen Neumann ausgesprochen, der mit der SPD-Parteilinken Andrea Nahles liiert ist.

Unterdessen hat die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG dem Aufsichtsrat den Bericht über den Schmiergeld- und Lustreisenaffäre vorgelegt. In Reaktion darauf wird VW nach eigenen Angaben in Kürze ein konzernweites und international strukturiertes Ombudsmann-System einführen. Darüber hinaus seien die Genehmigungs- und Kontrollmodalitäten verschärft worden. „Wir ziehen weitgehende Konsequenzen. Volkswagen wird nach innen und nach außen ein transparenteres Unternehmen“, sagte Pischetsrieder.

Netz von Scheinfirmen

Der frühere Skoda-Personalvorstand Helmuth Schuster und der ehemalige Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer stehen unter dem Verdacht, an einem Netz von Scheinfirmen und der Veruntreuung von Geldern beteiligt gewesen zu sein und sich persönlich bereichert zu haben. Der Vorsitzende des Prüfungsausschusses des Aufsichtsrates, Klaus Liesen, sagte, daß diese und andere Personen versucht hätten, den Konzern „in größerem Umfang abzuschöpfen und zu betrügen“. Diese Aktivitäten sind jedoch nach heutigem Erkenntnisstand im wesentlichen im Versuch stecken geblieben.

Die Kontrollsysteme hätten gegenüber diesen Aktivitäten weitgehend funktioniert. Andererseits seien in bestimmten Teilbereichen des Konzerns in der Vergangenheit über sogenannte Eigenbelege dem Unternehmen erhebliche Mittel wahrscheinlich auch für Privatzwecke entzogen worden. „Hier, in diesem Sektor, sind erforderliche Kontrollsysteme wie das Vier-Augen-Prinzip nicht vorhanden gewesen“, sagte Liesen.

„Interne Revision und KPMG haben mit Hochdruck die Papiere und Daten aufgearbeitet, die uns zur Verfügung standen“, sagte Pischetsrieder. „Das ist noch nicht zufriedenstellend, da an dem Gesamtbild noch wesentliche Puzzleteile fehlen, auf die wir intern keinen Zugriff haben.“ Für die volle Aufklärung seien Detailkenntnisse über das Ausgabegebaren Gebauers entscheidend. Aber zu den privaten Geldbewegungen über der Gebauer-Konten habe VW aus rechtlichen Gründen noch keinen Zugriff.

5 Millionen Euro Schaden

Der Bericht der KPMG lege dar, wie einzelne Mitarbeiter versucht hätten, das Unternehmen zu schädigen, Abrechnungs- und andere Regelungen zu umgehen und sich Vorteile bis hin zur persönlichen Bereicherung zu verschaffen. Nach gegenwärtigen Erkenntnissen ist für den Volkswagen-Konzern ein monetärer Gesamtschaden von rund 5 Millionen Euro entstanden.

Pischetsrieder sagte: „Die Abrechnung von Eigenbelegen in der aufgedeckten Höhe ist völlig inakzeptabel. Wir haben umgehend unsere Genehmigungs- und Kontrollmodalitäten vor allem für Reisekosten und Spesen verschärft.“ Der Vorstandsvorsitzende machte deutlich, daß VW Schadenersatzansprüche geltend machen werde.

Text: rit., F.A.Z., 12.11.2005, Nr. 264 / Seite 14
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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