Von Sabine Hildebrandt-Woeckel
19. Januar 2008 Über Geld spricht man nicht, man hat es! Fast jeder in Deutschland kennt dieses Sprichwort. Allerdings weiß kaum jemand, woher es eigentlich kommt und welche Berechtigung es hat. Auch Monika Müller, Diplom-Psychologin und Finanzcoach aus Wiesbaden, kennt den Ursprung nicht. Sie ist aber alles andere als verwundert über die Existenz dieses Spruchs. Fast jedes Problem wird hierzulande in Wahnsinnsabhandlungen breitgewälzt. Die Frage jedoch, warum Geld immer noch tabuisiert ist, während Sex längst Partythema ist, wird allenfalls am Rande gestreift.
Doch immerhin: Es gebe sowohl geschichtliche als auch psychologische Erklärungsansätze für die Zurückhaltung der Deutschen, sagt Professor Dieter Frey von der Universität München. Zum einen, so der Sozialpsychologe, läge die Zurückhaltung in der starken Verankerung von Sozial- und Wohlfahrtsstaat. Wir seien es gewöhnt, dass der Staat für unser Wohlergehen verantwortlich ist und unsere Einkünfte von Gewerkschaften und Verbänden ausgehandelt werden. In anderen Ländern, beispielsweise in den Vereinigten Staaten, gelte dagegen von jeher die Prämisse, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied ist.
Eine Einstellung, die, so Freys zweite, psychologische Erklärung, auch dazu führe, dass es dort weniger Missgunst gebe. Denn wenn jeder selbst für sein Wohlergehen verantwortlich ist, kann man ihm dies nicht neiden. Wenn der Wohlstand dagegen von außen kommt, gibt es immer Gewinner und Verlierer. Und egal, wozu sie auch gehören: Den Deutschen ist es peinlich. Wer viel verdient, will nicht als Angeber dastehen und keinen Neid aufkommen lassen, wer wenig verdient, will kein Mitleid erzeugen.
Schon im Elternhaus sollte der Umgang mit Geld Thema sein
Letztlich jedoch, darin sind sich Finanzcoach und Wissenschaftler einig, sei es auch vollkommen egal, warum es in Deutschland ein Tabubruch sei, den besten Freund nach der Höhe seiner Erbschaft oder den Kollegen nach seinen Gewinnen am Aktienmarkt zu fragen. Die Folgen seien in jedem Fall fatal. Denn es sei genau dieses Nichtreden, dass dazu führe, dass sich viele Deutsche auch innerlich nicht mit dem Thema befassen und in der Folge gar nicht erst das Wissen erwerben, das sie brauchen, um ihr Geld richtig zu investieren und damit beispielsweise optimal fürs Alter vorzusorgen, sagt der Frankfurter Börsenpsychologe Martin Weber. Mit anderen Worten: Wer sich nicht mit dem Thema auseinandersetzt, schadet sich am Ende selbst. Andere Fachleute gehen noch weiter und sehen sogar Auswirkungen auf die Volkswirtschaft insgesamt.
Denn um etwas begreifen zu können, das haben Lerntheoretiker schon vor Jahrzehnten bewiesen, muss man darüber reden oder - besser noch - anderen dabei zuschauen können. Schon im Elternhaus, fordern daher unisono alle Finanzexperten, sollte der Umgang mit Geld Thema sein. In der Schule sollte sich das fortsetzen und schließlich Allgemeingut am Arbeitsplatz, im Freundeskreis und in der Gesellschaft überhaupt sein.
Doch während in Amerika beim Barbecue jeder jeden darüber informiert, was er seiner Firma wert ist, sieht die Realität in Deutschland anders aus, weiß auch Helmut Peters, Schuldnerberater in der Diakonie Krefeld Viersen. Das Tabu reicht sogar so weit, dass viele Arbeitgeber gar verbieten, über Gehalt oder Prämien zu sprechen. Das heißt zwar nicht, dass es dann wirklich auch nicht getan wird. Es sorgt aber dafür, dass die Auseinandersetzung über Leistung und Lohn immer im Bereich der Spekulation und damit auf der Gefühls- und Neidebene bleibt.
Viele Fragen bleiben unbeantwortet
In der Schule, dem Elternhaus und der Gesellschaft ist das Thema zwar nicht ausdrücklich verboten, dennoch findet das Gespräch nicht statt, wie Peters immer wieder erlebt. Er ist Mitinitiator eines Projekts, das bundesweit als Vorzeigemodell gilt. Sein Arbeitskreis Bank und Jugend im Dialog organisiert seit ein paar Jahren gezielt Praxistage an Schulen. Die Teilnehmer sind zumeist zwischen 14 und 16 Jahre alt und zu diesem Zeitpunkt noch nie mit dem Thema in Berührung gekommen. Fragen wie: Was kostet eine Wohnung, wie viel verdienen Verkäufer oder Bankangestellte oder wie viel dieses Einkommens geht für reine Lebenshaltungskosten drauf, hat ihnen in der Regel nie jemand erläutert.
Und erst recht hat ihnen niemand erklärt, was eine Aktie ist, was es überhaupt für Anlageformen gibt und wie sie funktionieren. Aber nur, wer sich intensiv mit der Materie auseinandersetzt, sie diskutiert und dann beispielsweise begreift, dass es ohne Fleiß keinen Preis gibt, zitiert Experte Weber ein zweites deutsches Sprichwort, dass es also hohe Rendite nur geben kann, wenn man bereit ist, auch ein hohes Risiko einzugehen, verliert die Angst vor dem Unbekannten. Und nur der kann dann später auch souverän entscheiden, welche Anlagestrategie für ihn die richtige ist.
In unseren Schulen jedoch kommt Geld - wenn überhaupt - in den ersten Klassen vor, wenn es darum geht, die Grundrechenarten zu lernen. Die Fragestellung, welche Bedeutung die Finanzen - und der richtige Umgang damit - aber im Leben haben, ist weder im Lehrplan vorgesehen, noch haben die Lehrer selbst die dafür notwendige Ausbildung. Und im Elternhaus sieht es nicht anders aus. Allenfalls wird über die Höhe des Taschengelds diskutiert. Aber wer kommuniziert seinen Kindern offen, was auf seinem Gehaltszettel steht, wie viel vom Haushaltseinkommen am Ende des Monats übrigbleibt oder wie die eigene Altersvorsorge aussieht? Die meisten Eltern, wundert sich Müller, kämen nicht einmal auf die Idee, dass sie dies tun sollten.
Frühe Kindheitserlebnisse und vorgelebte Rollenbilder
Dabei sei eine Änderung unseres Verhaltens dringend angesagt, findet nicht nur Weber. Denn mag es auch sein, dass es vor 30 Jahren noch möglich war, die finanzielle Verantwortung auch fürs Alter dem Staat zuzuschieben. Spätestens seit Riester wissen wir jedoch, dass Eigeninitiative notwendig ist. Wer zwischen 1959 und 1973 geboren ist und mit 65 in Rente gehen möchte, so meldete erst kürzlich das Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln, der hat bis dahin im Schnitt 26.000 Euro zu wenig gespart, um im Alter sorgenfrei leben. Doch das ist noch ein geringes Problem gegen das, mit dem sich später der auseinandersetzen muss, der Mitte oder Ende der 90er geboren wurde. Wer heute zehn Jahre alt ist, stellt auch Psychologin Müller klar, muss mit 20 wissen, wie er für sein Alter vorsorgen will. Doch das kann er nur, wenn schon Eltern, Schule und Gesellschaft anfangen, das Tabu zu brechen.
Einfach ist das nicht, das gibt auch Müller unumwunden zu. Denn wer seine Einstellung zu diesem Thema ändern will, muss sehr tief in die eigene Psyche blicken und sich die Fragen stellen, welche Gefühle hinter scheinbar rationalen Entscheidungen stehen und wie er überhaupt zu seiner eigenen Geldidentität gekommen ist. Oft, erläutert die Psychologin, sind es sehr frühe Kindheitserlebnisse und vorgelebte Rollenbilder, die diese bestimmt haben. Vor allem aber: Er muss anfangen zu sprechen.
Dass das funktioniert, zeigt sich laut Müller vor allem in Gesprächskreisen, wie sie in den letzten Jahren fast gleichzeitig von verschiedenen Finanzexpertinnen ins Leben gerufen wurden, die sich auf die Beratung von Frauen spezialisiert haben. In regelmäßigen Treffen werden dort Geldthemen analysiert, und dabei wird bewusst auch auf die Erfahrungen der Teilnehmerinnen eingegangen. Auch Investment- oder Success-Clubs, wie sie derzeit vereinzelt in Deutschland entstehen, seien eine gute Möglichkeit zum Austausch, findet die Expertin. Vor allem aber gehe es darum, auch im privaten Kreis die Sperre zu durchbrechen. Und dazu gehöre auch, die Frage des Filius - Ey Mama . . . oder Ey Papa, was verdienst du eigentlich? - einfach zu beantworten.
Text: F.A.Z., 19.01.2008, Nr. 16 / Seite 19
Bildmaterial: ddp
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