Tarifkonflikt der Bahn

Zerstrittene Bahngewerkschaften

Von Corinna Budras

Kühles Verhältnis zwischen den Gewerkschaften

Kühles Verhältnis zwischen den Gewerkschaften

09. November 2007 In den monatelangen Tarifauseinandersetzungen zwischen der Lokführergewerkschaft GDL und der Deutschen Bahn sind die Fronten verhärtet. Die Arbeitskämpfe verdecken jedoch noch viel tiefer liegende Probleme, die eine Einigung derzeit unmöglich machen: Auch das Verhältnis zwischen GDL und den anderen Bahn-Gewerkschaften Transnet und GDBA ist stark belastet. „Im Moment herrscht Funkstille“, sagt Transnet-Sprecher Oliver Kaufhold über den Austausch mit dem kleineren Rivalen. Auch GDL-Sprecherin Gerda Seibert reagiert reserviert: „Das Verhältnis zu Transnet ist ein wenig unterkühlt.“ So manch einer im Umfeld dieser Tarifauseinandersetzung witzelte - wohl nur halb im Scherz -, man solle vielleicht ein zweites Mediationsverfahren anstreben: diesmal für die zerstrittenen Gewerkschaften.

Dabei haben die drei Organisationen jahrelang die Verhandlungen gemeinsam geführt und am Ende zwar eigene, aber doch inhaltsgleiche Tarifverträge unterschrieben. Inzwischen kommuniziert man jedoch nur noch über die Medien - und ist dabei auch nicht gerade zimperlich: Der Transnet-Vorsitzende Norbert Hansen warf der GDL einen „Organisationsstreik“ vor. Es gehe ihr mit der Forderung nach einem eigenen Tarifvertrag auch darum, der größeren Gewerkschaft besser die Mitglieder abjagen zu können. Anfang des Monats kursierten Gerüchte, die GDL würde für die Werbung neuer Mitglieder bis zu 100 Euro Kopfgeld bezahlen. „Es ist schon hanebüchen, was sich die Transnet so alles einfallen lässt bei dem Versuch, uns zu verunglimpfen“, schimpfte der stellvertretende GDL-Vorsitzende Claus Weselsky im Gegenzug.

Mitgliederzuwachs: Die GDL nennt keine Zahlen

„Im Moment herrscht Funkstille”

„Im Moment herrscht Funkstille”

Während draußen die Güterwagons stillstehen, tobt hinter den Kulissen ein Machtkampf zwischen den Gewerkschaften. Es geht um Mitgliederzahlen und damit um Einfluss in dem Konzern, der auch wegen der umstrittenen Pläne zur Privatisierung in der größten Umwälzung seiner Geschichte steckt. In den vergangenen Monaten habe Transnet rund 400 Mitglieder an die GDL verloren, räumt Kaufhold ein. Die GDL sagt: „Richtig ist, dass aufgrund der offenen und ehrlichen Tarifpolitik verstärkt Mitglieder zur GDL kommen.“ Wie viele das sind, will sie nicht offenlegen. Derzeit hat sie nach eigenen Angaben rund 34.000 Mitglieder und vertritt 80 Prozent der Lokführer bei der Bahn und 60 Prozent des Fahrpersonals. Diese Zahlen werden von der Bahn heftig bestritten. Auch Transnet weist sie zurück: Immerhin nimmt sie einen Organisationsgrad von 30 Prozent bei den Lokführern für sich in Anspruch, von der GDBA ganz zu schweigen.

Die Situation in der Bahn ist nicht nur deshalb so vertrackt, weil die Lokführer als vielzitierte „kleine Funktionselite“ die Wirtschaft eines ganzen Landes lahmlegen können. Hier kämpfen drei Gewerkschaften für eine einzige Berufsgruppe um zwei Tarifverträge für die Bereiche Entgelt und Arbeitzeit. Selbst wenn sich die Seiten irgendwann einmal einigen, sind die Probleme damit immer noch nicht vom Tisch: Transnet und GDBA haben sich bei ihrem Tarifabschluss im Juli wohlweislich eine Revisionsklausel gesichert, nach der sie noch einmal nachverhandeln können, sollte die GDL höhere Entgelte durchboxen.

Neues Entgelt- und Eingruppierungssystem

Doch auch ohne Klausel könnte die Bahn daran interessiert sein, ihr Angebot für die Tarifgemeinschaft noch einmal nachzubessern. So könnte sie verhindern, dass bei den Lokführern plötzlich drei unterschiedliche Systeme gelten - für die Mitglieder der GDL, für Transnet/GDBA und für die nichtorganisierten Arbeitnehmer. Um die letzte Gruppe nicht auszuschließen, wurde bisher in den Einzelarbeitsverträgen immer auf den geltenden Tarifvertrag verwiesen. Im Sommer konnte die Bahn das neue Szenario schon einmal austesten: Damals schickte sie Briefe an alle Arbeitnehmer, um zu erfragen, wem sie denn die mit Transnet/GDBA vereinbarte Einmalzahlung von 600 Euro überweisen dürfe. Die delikate Frage nach der Gewerkschaftszugehörigkeit versuchte sie damit zu umgehen. Der Vorsitzende Richter am Bundesarbeitsgericht Klaus Bepler merkte zu diesem Problem kürzlich jedoch an, dass nach Abschluss des Arbeitsvertrags - entgegen der weitverbreiteten Auffassung - nach der Gewerkschaftszugehörigkeit gefragt werden dürfe.

Derweil verhandeln Transnet und GDBA mit der Bahn um ein neues Entgelt- und Eingruppierungssystem. Zehn Arbeitsgruppen wurden für die einzelnen Bereiche gebildet, bis Mitte des nächsten Jahres sollen die Gespräche abgeschlossen sein. An gemeinsamen Verhandlungen dazu hat die GDL kein Interesse. Seit Mitte Oktober liegt das fünfte - und bisher letzte - Angebot der Bahn vor. Der Wunsch nach einem eigenständigen Tarifvertrag wird darin erfüllt - geht der GDL aber nach eigenem Bekunden nicht weit genug. Noch immer zwinge die Bahn zu einem Kooperationsabkommen mit den Rivalen - und das will sie um jeden Preis vermeiden.

Text: F.A.Z., 10.11.2007, Nr. 262 / Seite 12
Bildmaterial: dpa

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