Volks- und Raiffeisenbanken

Gespaltene Genossen

Von Hanno Mußler

23. Juli 2008 An diesem Freitag werden sich Wolfgang Kirsch und Werner Böhnke, die Vorstandsvorsitzenden von DZ und WGZ-Bank, zu Fusionsgesprächen treffen. Erstmals, seitdem sie Ende Juni angekündigt haben, wieder zu verhandeln. Anders als bei den mindestens drei früheren Anläufen scheinen die Differenzen über das künftige Geschäftsmodell des Spitzeninstituts der Volks- und Raiffeisenbanken diesmal gering. Es wird nun nach Informationen der F.A.Z. doch das passieren, was der frühere DZ-Bank-Chef Ulrich Brixner als „Zerschlagung der DZ Bank“ stets brüsk abgelehnt hatte: die Trennung des operativen Bankgeschäfts von der Steuerung der Tochtergesellschaften.

Kirsch und Böhnke müssen einen Spagat schaffen: Die Volks- und Raiffeisenbanken als Aktionäre von DZ Bank und WGZ-Bank wollen, dass die Kostenvorteile der Zentralbankenfusion - Brixner sprach früher von 100 Millionen Euro jährlich - gehoben werden; die Ortsbanken haben aber gleichzeitig Angst davor, dass der Volksbankenverbund immer zentraler und das Spitzeninstitut DZ Bank immer mächtiger wird.

Nicht „einfach nur“ beide Banken fusionieren

Böhnke glaubt, auf diese Herausforderung schon im Jahr 2004 eine Antwort gefunden zu haben: Nicht „einfach nur“ die beiden Banken fusionieren, sondern zusätzlich eine Strategieholding gründen, die den Ortsbanken angeblich mehr Einfluss ermöglicht und die Tochtergesellschaften anstelle der DZ Bank AG steuert, lautet seither sein Fusionskonzept. Böhnkes früherer Fusionspartner Brixner war dagegen Sturm gelaufen. Brixners Nachfolger Kirsch aber hat offenbar den Vorschlag des kleineren Fusionspartners WGZ im Grundsatz akzeptiert. Damit hat Kirsch auch dem Argument der WGZ stattgegeben, dass es der DZ zuweilen an Neutralität fehlt.

Eine Institution mit operativem Geschäft, wie es die DZ Bank zum Beispiel mit Zertifikaten betreibt, sollte nicht gleichzeitig Steuerungsholding für andere Produktunternehmen sein, hat Böhnke argumentiert. Die DZ Bank ist aber als Muttergesellschaft auch Steuerungsholding für die Bausparkasse Schwäbisch Hall, die Versicherung R+V und die Fondsgesellschaft Union, deren Bausparverträge, Versicherungspolicen und Fonds die 1100 deutschen Volks- und Raiffeisenbanken neben den Zertifikaten der DZ Bank in ihren Filialen konkurrierend verkaufen.

Eine „neutralere Instanz“ als die DZ Bank könnte nun künftig darüber wachen, welche Produkte weiterentwickelt und im Vertrieb forciert werden sollen. Das bedeutet auch: Die fusionierte, aber ohne Steuerungsfunktion agierende Zentralbank muss ohne die jährlich reichlich fließenden Gewinnausschüttungen der Tochtergesellschaften auskommen. Die DZ Bank stünde dann transparenter, damit auch sichtbar überdimensioniert wie manche Landesbank da.

Es gilt, Doppelstrukturen mit neuen Kosten zu vermeiden

Wie weitgehend die gesellschaftsrechtliche Aufspaltung in operatives und strategisches Geschäft der DZ Bank sein wird, ist noch nicht ausgemacht. Schließlich gilt es auch, Doppelstrukturen mit neuen Kosten zu vermeiden. In der DZ Bank sind schon ein Beteiligungscontrolling und ein Steuerungsgesprächskreis vorhanden. Kirsch dürfte denn auch in seinen Gesprächen mit Böhnke auf eine Weiterentwicklung des ursprünglichen WGZ-Vorschlags mit Blick auf Umsetzbarkeit und Handlungsfähigkeit dringen. Vermutlich wird erst die Bankenfusion kommen, und dann in einem zweiten Schritt die Strategieholding.

Schließlich kann die Strategieholding unstrittig die Mitwirkungsrechte der Ortsbanken in ihrem Spitzeninstitut wahren. Gleichzeitig stellen sich Fragen, ob nicht weitere strategische Felder dort angesiedelt werden sollten: zum Beispiel die Sicherungseinrichtung des Bundesverbandes der Volks- und Raiffeisenbanken (BVR), die wohl auf Druck der EU auf Dauer zu einem auch juristisch einklagbaren Garantiesystem entwickelt werden muss; auch die Fachräte des BVR passen besser zum Spitzeninstitut als zum Verband. Damit ist jedoch das Selbstverständnis des BVR angegriffen, der sich als strategisches Kompetenzzentrum der Volks- und Raiffeisenbankengruppe versteht.

Die BVR steht ohne Präsident da

Der BVR ist allerdings seit dem 15. Juli ohne Präsident, weil der eigentlich noch bis Ende 2009 laufende Vertrag von Christopher Pleister aufgelöst wurde. Einen Nachfolger für Pleister als BVR-Präsidenten gibt es bislang nicht. Es gilt aber als fast sicher, dass sein Nachfolger nicht mehr die Macht haben wird, die Pleister zumindest auf dem Papier hatte. Zwar behält der BVR sein Recht, ein Mitglied in den Aufsichtsrat der DZ Bank zu entsenden. Interimistisch wird BVR-Vorstandsmitglied Gerhard Hofmann diese Aufgabe mit der heute anstehenden außerordentlichen Aufsichtsratssitzung übernehmen. Es gilt aber als ausgemacht, dass ein neuer BVR-Präsident nicht wieder, wie es Pleister war, DZ-Bank-Aufsichtsratsvorsitzender wird. Zum neuen Aufsichtsratschef der DZ Bank wird an diesem Mittwoch denn auch Rolf Hildner gewählt werden, der Vorstandsvorsitzende der Wiesbadener Volksbank.

Hildner ist ein Weggefährte von Brixner. Aber Hildner hat offenbar seinen Frieden mit Böhnkes Fusionskonzept gemacht. Die Übernahme des Aufsichtsratsvorsitzes in der DZ Bank ist für den bald 63 Jahre alten Wiesbadener nach einem langen Berufsleben im Verbund so etwas wie eine Krönung. Schon häufiger hatte Hildner das Amt angestrebt - auch gegen Pleister. Gemeinsam mit Carsten Graaf (Volksbank Meerbusch) und Konrad Irtel (VR Bank Rosenheim-Chiemsee) war Hildner nun maßgeblich dafür verantwortlich, dass Pleisters Vertrag als BVR-Präsident nicht verlängert wurde. Denn der Verwaltungsrat war im Juni einstimmig dem Vorschlag des Personalausschusses unter Vorsitz von Graaf gefolgt. Viele Ortsbankenvertreter im größeren Verbandsrat sind indes mit dieser Entscheidung nicht einverstanden und beklagten später lauthals das Vorgehen. Vor allem Graaf gilt nun für viele als „verlängerter Arm Böhnkes“.

Es kann nicht nur einen Gewinner geben

Denn nicht nur für Hildner, auch für Böhnkes Pläne ist Pleisters Ausscheiden nun förderlich. Hildner wird schon aufgrund seines fortgeschrittenen Alters nicht dauerhaft den Aufsichtsratsvorsitz in der DZ Bank innehaben. Diesen scheint vielmehr Böhnke nach gelungener Bankenfusion anzustreben. Da sich für Böhnke fast alles nach Wunsch fügt, hoffen die Eigner der DZ Bank auf sein Entgegenkommen in Bewertungsfragen.

Die DZ Bank ist viel stärker als die WGZ-Bank von der Finanzkrise getroffen. Wenn Wirtschaftsprüfer im Jahresverlauf die beiden Banken bewerten und dann ein vermutlich dehnbares Wertverhältnis von vielleicht zunächst nur drei zu eins zugunsten der eigentlich rund fünfmal größeren DZ Bank vorschlagen, werden sich Kirsch und Böhnke in die Augen schauen. Es kann nicht nur einen Gewinner geben, wenn die Bankenfusion zum 1. Januar 2009 tatsächlich klappen soll.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Wonge Bergmann

 
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