Von Rüdiger Köhn und Holger Schmidt
18. Dezember 2007 Erst auf den zweiten Blick zeigt sich die Brisanz der Post, die private Stromverbraucher seit Wochen von ihren Versorgern erhalten. Neue Stromtarife gebe es von 2008 an; man könne wählen, heißt es. Erst das genaue Nachrechnen zeigt eine deftige Strompreiserhöhung, die mitunter deutlich über die angekündigten 10 Prozent hinausgeht. Die Reaktion der Konsumenten ähnelt sich: Nach kurzem Preisvergleich im Internet folgt die Anmeldung bei einem anderen, wesentlich preiswerteren Anbieter. Nach zwei Stunden Aufwand ist der Wechsel erfolgt - und die ohnehin ständig wachsende Gemeinde der Wechselkunden in Deutschland noch größer geworden.
Wir beobachten eine stark erhöhte Wechselaktivität, sagt Dagmar Ginzel, Sprecherin des Verbraucherportals Verivox. Dabei bekommen die günstigsten Anbieter auch die meisten Kunden. In den Tarifrechnern liegen meist neue Anbieter wie Flexstrom oder Teldafax ganz vorne, die bei einem Wechsel bis zu 315 Euro Ersparnis für einen Durchschnittshaushalt mit 4000 Kilowattstunden Verbrauch im Jahr ermöglichen. Unser Kundenzulauf ist zurzeit so hoch wie nie. Früher hatten wir 5000 Neukunden im Monat, sagt Flexstrom-Sprecher Dirk Hempel. Im November waren es schon 20.000 neue Kunden, und im Dezember werden es wohl noch viel mehr.
Preisgarantien
Den Stromversorgern scheint allmählich zu dämmern, was sie mit ihren kräftigen Preiserhöhungen ausgelöst haben. Der Energiekonzern RWE muss eingestehen, dass Kunden zu Zehntausenden zu anderen Stromanbietern wechseln. Der Aderlass kann durch Zugänge bei der Billigtochtergesellschaft Eprimo nach eigenen Angaben nicht kompensiert werden. Erste Schritte gegen die Kundenflucht: RWE will von 2008 an einen Stromtarif anbieten, der einen festen Preis für drei Jahre garantiert. Dieses Tarifmodell werden die Tochtergesellschaften von RWE übernehmen. Die Frankfurter Süwag will an diesem Dienstag mitteilen, ihre bisherige Preisgarantie von zwei auf drei Jahre ausweiten zu wollen. Der Haken an der Sache: Der Preis ist dann etwas höher als ein Standardtarif.
Es ist der erste Erfolg des Wechselverhaltens der Stromkunden, sagt Holger Krawinkel, Fachbereichsleiter Energie des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen in Berlin. Das Signal schien zu sein, dass die etablierten Stromanbieter nicht überziehen dürften. Dennoch: Diese Reaktion hätte deutlich ausgeweitet werden können, sagt Krawinkel. Für RWE stelle die Preisgarantie kein Problem dar. Schließlich gebe es noch genügend Luft zwischen Erzeugungs- und Verkaufspreis.
Verunglückte Kommunikation
Aus Sicht von Krawinkel steht RWE am stärksten unter Handlungsdruck, da er den Konzern für die derzeitige Wechselfreude der Deutschen am anfälligsten hält. Die Wettbewerber Eon und ENBW würden andere Geschäftsmodelle fahren. ENBW aus Baden-Württemberg hat mit der Marke Yello schon seit vielen Jahren einen Billiganbieter am Markt, der wechselwillige Kunden auffangen könne. Eon hat mit seinen Organisationen in Nord-, West- und Süddeutschland noch eine regionalsierte Struktur. Mit dem neuen Billiganbieter E wie Einfach, vermutet Krawinkel, könnte Eon versuchen, seine eigene Organisation im Laufe der Zeit zu konzentrieren.
Der Fall des Stromversorgers Vattenfall ist anders gelagert. Der Aderlass von mehr als 250.000 Kunden in diesem Jahr hängt nicht nur mit den kräftigen Preiserhöhungen, sondern auch mit den Pannen in zwei Atomkraftwerken und in der Folge einer verunglückten Kommunikation zusammen. Für Vattenfall hat die Verbraucherzentrale in Berlin ermittelt: Ein Prozentpunkt Preiserhöhung bedeutet den Verlust von 1 Prozent der Kunden.
Jeder zweite Haushalt wechselt
So rechnet denn auch der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) damit, dass bis Ende dieses Jahres seit der Liberalisierung der Stromwirtschaft in Deutschland 1998 jeder zweite Haushalt den Tarif oder den Anbieter gewechselt hat. Die meisten Kunden sind allerdings nur in einen Spartarif ihres regionalen Versorgers gewechselt, ohne ihrem etablierten Anbieter ganz den Rücken zu kehren. Da wird sich aufgrund der wachsenden Kundensensibiliserung und des einfach gewordenen Wechsels über das Internet aber noch einiges tun, sagt ein Sprecher des BDEW.
Und Angst, dass bei einer möglichen Insolvenz eines Anbieters die Stromversorgung unterbrochen wird, muss niemand haben. Denn die regionalen Versorger sind verpflichtet, ihre Kunden weiterhin mit Strom zu beliefern. Diese Gewissheit fördert die Wechselbereitschaft.
Immer mehr Anbieter, darunter auch etablierte Stadtwerke und Regionalversorger, setzen inzwischen auf das Prinzip der Vorauskasse. Das ist notwendig, um den Strom künftig einkaufen zu können, sagt Flexstrom-Sprecher Hempel. Schon ein Drittel aller Abschlüsse auf Verivox enthält Vorauskasse, schätzt Ginzel. Die Verbraucher haben sich daran gewöhnt und können inzwischen ausrechnen, ob sich der Wechsel einschließlich Verzinsung lohnt, sagt Ginzel. Alle Anbieter bauen zurzeit mit Hochdruck neue Kapazitäten auf und stellen neue Mitarbeiter ein, um dem Kundenansturm Herr zu werden. Es ist eine Schlacht auf Vertriebsebene geworden, sagt Holger Krawinkel.
Text: F.A.Z., 18.12.2007, Nr. 294 / Seite 20
Bildmaterial: AP, dpa
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