Kommentar

Im Goldrausch

Von Gerald Braunberger

Rekordverdächtig: Der Goldpreis beträgt derzeit gut 730 Dollar je Unze

Rekordverdächtig: Der Goldpreis beträgt derzeit gut 730 Dollar je Unze

28. September 2007 Als der amerikanische Zimmermann John Marshall am 24. Januar 1848 im Wasser des American River ein kaum einen Fingernagel großes Stück Metall entdeckte, zitterten ihm vor Erregung die Glieder. Denn es war reines Gold, was Marshall in seinen Händen hielt. Die Nachricht von dem Fund, dem bald weitere folgten, verbreitete sich von Kalifornien in den Osten der Vereinigten Staaten. Am 19. August 1848 überschrieb die New Yorker Zeitung „Herald“ ihren Aufmacher in Großbuchstaben mit dem Zauberwort „GOLD!“, und danach gab es kein Halten mehr.

Zigtausende Menschen strömten wie die Besessenen in den amerikanischen Westen und trugen nebenher dazu bei, Kalifornien als 31. Staat in die Union aufzunehmen. Ihr Glück fanden die wenigsten, wie eine Zeitung vermerkte: „Man denke nur an mehr als 100.000 Personen, die wie Maulwürfe im Boden wühlen, um irgendwo Reichtum zu finden. Sie verschlingen ranziges Fleisch, schlafen auf dem Boden im Regen, Schnee und Hagel, stehen früh auf, gehen spät zur Ruhe, die Waffen griffbereit und stets auf der Hut vor Indianern, wilden Tieren und Banditen.“ Der Goldrausch hatte die Menschen gepackt, so wie im 16. Jahrhundert, als Eroberer auszogen, um in Südamerika den Inkas ihr Gold zu rauben. „Caesar hatte durchaus recht, wenn er sagte, dass man mit Gold die Menschen und mit Menschen das Gold besitzt. Das ist das ganze Geheimnis“, schrieb einmal Voltaire.

Im Grunde ist die aktuelle Situation völlig irrational

Die Begierde, die das Gold weckt, ist derzeit wieder einmal an seinem Preis zu sehen. Der Goldpreis ist in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen und hat mit gut 730 Dollar je Unze seinen höchsten Stand seit fast drei Jahrzehnten erreicht. Doch dieses Mal ist es nicht die Sucht nach Reichtum, die Anleger zum Kauf von Gold treibt, sondern die Furcht vor Wertverlusten der Papierwährungen. Vor allem die Schwäche des Dollar veranlasst Vermögensverwalter, ihren Kunden den Kauf von Gold zu empfehlen. Gold sei ein sicherer Hafen, wenn der Dollar an Wert einbüße oder am Ende gar das gesamte Finanzsystem zusammenbrechen werde, lautet ein Argument, das seit Jahrzehnten auch von Crash-Propheten benutzt wird. Und wer lange genug sucht, wird ein paar ernsthafte Ökonomen finden, die goldgedeckte Währungen noch als zukunftsträchtig ansehen, obgleich dieses Konzept in der Praxis längst gescheitert ist.

Im Grunde ist das alles völlig irrational und nur zu erklären durch die Emotionen, die das Gold seit je in den Menschen zu wecken versteht. Der britische Philosoph und Physiker Bertrand Russell hat schon vor Jahrzehnten in seinem Werk „Der moderne Midas“ die Frage aufgeworfen: Was würden wohl Außerirdische denken, wenn sie sähen, dass man in Südafrika unter großen Mühen und nicht ohne Kosten Gold aus tiefer Erde gräbt, um dieses Gold später als Barren im amerikanischen Fort Knox wieder in tiefer Erde verschwinden zu lassen?

Sind nicht die Chinesen schlauer als die anderen?

Als die Notenbanken noch verpflichtet waren, ihr Bargeld auf Verlangen in Gold einzulösen, war es verständlich, dass sie Goldreserven hielten. Diese Zeiten sind lange vorbei. Welchem Zweck also dienen etwa die 3400 Tonnen Gold der Deutschen Bundesbank? Für viele Deutsche stellt dieses Gold, das übrigens zu einem nicht geringen Teil unter der Südspitze Manhattans lagert, ein Stück Volksvermögen dar, das nicht veräußert werden darf, sondern für schlechte Zeiten bewahrt werden muss. So zu denken ist respektabel. Aber sind nicht die Chinesen schlauer, die mit ihren Devisenreserven lieber Beteiligungen an florierenden Unternehmen erwerben wollen, anstatt sie für den Kauf von Goldbergen zu verwenden, die anschließend nutz- und ertragslos in finsteren Kellern verschwinden?

Die Vorstellung, Gold sei ein sicherer Hafen, ist nichts als eine Mär, mit der interessierte Kreise ängstlichen Anlegern Gold oder auf Gold beruhende Finanzprodukte verkaufen wollen. Gold ist heute in erster Linie ein für Schmuck und industrielle Zwecke verwendetes Edelmetall, das seine Rolle als Deckung von Währungen längst verloren hat und dessen Eignung als langfristige Kapitalanlage durchaus in Zweifel gezogen werden kann.

Gold ist dazu angetan, guten Sitten zu verderben

Gegen Gold als langfristige Kapitalanlage spricht nicht nur die bekannte Tatsache, dass es keine Zinsen oder Dividenden abwirft. Vielmehr ist Gold keineswegs ein sicherer Hafen, sondern ein Edelmetall, dessen Wert in den vergangenen Jahrzehnten stark schwankte und nicht frei von kurzfristigen Spekulationen ist. Wer zum Beispiel Mitte der achtziger Jahre Gold kaufte, musste im schlechtesten Fall 20 Jahre warten, ehe er seinen Einstandspreis wieder sah. Gold kann eine außerordentlich schlechte Kapitalanlage sein; eine Sicherheit des eigenen Vermögens garantiert es keineswegs. Angepriesen wird Gold zurzeit vor allem als Schutz gegen Inflation, also gegen die Entwertung von Währungen. Mag sein, dass Gold sich hierfür eignet, aber es gibt womöglich sehr viel bessere Arten, sich gegen Inflation zu schützen.

Die naheliegendste Form des Inflationsschutzes bilden Anlagen in der realen Wirtschaft, also in erstklassigen Unternehmen oder in bereits genutztem oder vor einer Nutzung stehenden Grund und Boden. Produktivkapital, mit dem nützliche Güter hergestellt werden, muss sich auf lange Sicht besser rentieren als ein Stück totes Metall, das untätig in einem Safe ruht. Auch dem amerikanischen Zimmermann John Marshall brachte sein Goldfund kein Glück - allerdings aus eigener Dummheit. Marshall hatte nämlich vergessen, seinen Claim abzustecken und anzumelden. So musste er hilflos zusehen, wie Fremde über seinen Fundort herfielen und ihn von dort vertrieben. Gold ist auch dazu angetan, die guten Sitten zu verderben.

Text: F.A.Z., 29.09.2007, Nr. 227 / Seite 11
Bildmaterial: dpa

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