27. November 2006 An dem Tisch könnten fünf Leute sitzen, aber der Mann im Nadelstreifenanzug füllt ihn alleine. Mit Ordner, Laptop, Handy und Kreditkarte - der Platz reicht gar nicht für alles, was da ausgebreitet liegen sollte, ein paar Blätter müssen noch auf die Laptop-Tastatur. Ein Bistro-Tisch ist halt kein Schreibtisch.
Projektmanager Oliver Kallenborn ist trotzdem froh um den Sitzplatz am Frankfurter Flughafen: Sein Flug geht erst in drei Stunden, da bleibt noch genug Zeit, um die E-Mails anzusehen und zu beantworten. Kallenborn kommt vom Kunden in Rüsselsheim, konnte dort nicht ins Netz, auf der Weiterreise nach Polen geht das auch erst mal nicht - gut, daß es auf dem Flughafen einen Internetzugang per Funk gibt, einen W-Lan-Hotspot.
Und nicht nur dort. An jeder Ecke kommt man inzwischen drahtlos ins Netz. Hatte die Website "Hotspots in Deutschland" vor zwei Jahren noch 2700 drahtlose Internetzugänge im Verzeichnis, sind es heute schon mehr als 12 000. Damit sind Hotspots fast so verbreitet wie Tankstellen.
Den Internet-Anschluß zu Hause gekündigt
Das ist so praktisch, daß Lui Reichenbecher seinen Internetanschluß zu Hause inzwischen aufgegeben hat. Der 40jährige hat auch kein Festnetz-Telefon mehr, er telefoniert nur noch per Handy - und per Internet. Ins Netz kommt er im Café. "Hier wurstelt man nicht so alleine vor sich hin wie zu Hause", sagt er. "Hier ist es schöner, mit Getränken, Essen, Leuten drum herum. Das inspiriert." Ganze Nachmittage verbringt der selbständige Steuerexperte dort, mailt, telefoniert und arbeitet. "Und das kostet mich nichts. Also nicht mehr, als wenn ich sowieso im Café bin und etwas esse oder trinke."
Das gilt allerdings nur für wenige Kneipen und Restaurants. Die meisten lassen ihren Hotspot von einem der großen W-Lan-Anbieter betreiben, und die sind nicht billig . Einige Nutzer gehen da schon lieber über Handy und UMTS ins Internet.
Der Spanier Martin Varsavsky kam auf eine andere Idee. Er gründete das Hotspot-Netzwerk "Fon". Das Prinzip dahinter ist einfach: Wer seinen Internetzugang zu Hause auch für andere Nutzer freigibt, ist ein "Fonero" und darf bei den anderen Mitgliedern überall auf der Welt kostenlos über deren Internetanschlüsse surfen.
Nicht immer aktiv und schlecht gelegen
Dazu müssen die Foneros nicht ins Wohnzimmer kommen, es reicht, wenn sie sich nahe des Hauses befinden. Der Anschlußbesitzer muß ein kleines Gerät bei der Fon-Betreiberfirma bestellen, das aus dem eigenen Internetanschluß einen Hotspot macht. Der Besitzer entscheidet selbst, wann er den Hotspot anschaltet und wieviel von seiner Internetkapazität er den anderen Foneros zur Verfügung stellt. Das sollte auch rechtlich unproblematisch sein, sagt der Hannoveraner Rechtsanwalt Joerg Heidrich.
Wenn andere Nutzer auf dem Hotspot Unfug trieben, könne der Nutzer anhand der Fon-Protokolle beweisen, daß das andere Leute waren - das sei entscheidend. Wer trotzdem keinen eigenen Hotspot anbieten will, muß bei den anderen zahlen. Und wer zwar einen Hotspot aufstellt, aber nicht unterwegs ins Internet geht, erhält einen Teil dieser Gebühren.
5000 Fon-Hotspots gibt es in Deutschland derzeit, nach Fon-Angaben sind schon Geräte für 10.000 weitere bestellt. Damit wäre Fon bald das größte W-Lan-Netzwerk in Deutschland. Aber die Hotspots sind eben nicht immer aktiv, und viele liegen schlecht - Fon gibt es selten in Hotels und an Flughäfen, nur manchmal in Cafés und oft in Wohngebieten. "Man sitzt oft im Auto vor einem Privathaus", sagt Fonero Ernst Fitzke. Trotzdem ist er zufrieden. "Ich finde die Idee gut, daß ich überall in Europa einen Hotspot finden kann." Im Urlaub in Traunstein hat er das schon ausprobiert. Fitzkes Hotspot in einem Kölner Vorort hat aber im vergangenen halben Jahr noch niemand genutzt.
Früher ging's auch ohne
Das ist in der Frankfurter "Bar Celona" anders. Die liegt kurz hinter der Einkaufsstraße, hat einen kostenlosen Hotspot - und fast immer zwei oder drei Leute mit Laptop an den Tischen. Über einem Milchkaffee sucht eine Volkswirtin im Internet nach einer Stelle, ein spanischer Tänzer auf Europatournee baut seinen Laptop auf, um mit seinen Freunden daheim Kontakt zu halten.
Was auf dem privaten Trip angenehm ist, kann auf der Geschäftsreise aber auch im Stress enden, wie für den Unternehmensberater, der auf dem Frankfurter Flughafen seinen Projektbericht schreibt - so, daß die Kollegen im Büro ihn gleich wieder kommentieren können. "Man kann mit den Hotspots schneller reagieren, wenn etwas passiert", sagt er. "Aber ob das immer notwendig ist, ist eine andere Frage. Früher ging's auch ohne."
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.11.2006, Nr. 47 / Seite 56
Bildmaterial: AP, picture-alliance/ dpa/dpaweb
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