Daimler-Chrysler

Die Entzauberung des Doktor Z.

Von Georg Meck

“Unser Tempo war nicht hoch genug“: Dieter Zetsche

"Unser Tempo war nicht hoch genug": Dieter Zetsche

12. Februar 2007 Daimler-Chef Dieter Zetsche hat ein besonderes Verhältnis zu Auburn Hills. Als gefeierter Chrysler-Retter hat er dort einst seinen Einsatz als Sanierer beendet und damit seine Ambitionen auf den Vorstandsvorsitz untermauert. Kommende Woche fliegt er samt Vorstand und Aufsichtsrat wieder nach Detroit, wieder ist er in brenzliger Mission unterwegs. Etwa eine Milliarde Euro Verlust hat Chrysler 2006 eingefahren. Es geht um das Überleben der Marke. Und um den Ruf von Dieter Zetsche, um seine Glaubwürdigkeit.

Die Geduld der Investoren ist erschöpft: Zetsche muss liefern, sagen sie. Noch mehr als auf die Bilanz, die er am Mittwoch vorlegt, warten die Märkte auf den Rettungsplan für Chrysler, das ominöse „Project X“. Drastische Schritte erwarten die Analysten. Einen Befreiungsschlag, nicht weniger. „Schließlich beschäftigt sich der Vorstand schon lange damit, und es ist nicht abzusehen, dass die Lage bei dem Dauerthema besser wird“, mahnt Henning Gebhardt, verantwortlich für die Dax-Gesellschaften bei der Fondsgesellschaft DWS der Deutschen Bank.

Anteil am heimischen Markt auf 50 Prozent gefallen

Im Herbst hatte Zetsche die Anleger mit einer Gewinnwarnung aufgeschreckt, als bei Chrysler die Fabrikhöfe immer voller wurden. Die Händler weigerten sich, die Wagen abzunehmen. Da halfen keine Werbekampagnen mit dem Vorstandsvorsitzenden als Doktor Z. und auch keine Rabatte. Und der Verweis auf General Motors (GM) und Ford, denen es noch dreckiger gehe, war nur ein schwacher Trost.

Der Anteil der amerikanischen Autoindustrie am heimischen Markt ist in den vergangenen 15 Jahren von 75 auf 50 Prozent gefallen. Im selben Zeitraum haben die Asiaten ihren Anteil verdoppelt. Firmen wie Toyota, die demnächst GM als die weltweite Nummer eins unter den Autoproduzenten ablösen, haben die Platzhirsche vor sich her getrieben. „Unser Tempo war nicht hoch genug“, räumt Zetsche ein. „Man“ hätte der Entwicklung früher Einhalt gebieten müssen.

Applaus bei „Blut, Schweiß und Tränen“-Reden

„Man“ könnte auch „wir“ sagen. Sollte Zetsche versuchen, nur auf Schuldige jenseits des Atlantiks zu zeigen - er käme damit nicht durch. Chrysler fällt auf ihn zurück. „Er trägt einen Großteil der Verantwortung für den Ärger“, schrieb das „Wall Street Journal“ vergangene Woche. Der Ursprung der Probleme datiere in die Zeit, als „Mr. Zetsche noch in Auburn Hills, Michigan, war“, erinnerte das Blatt. Flops wie der Jeep Commander seien unter seiner Anleitung entwickelt worden.

Keine Frage, Zetsches Image leidet. Der zupackende Manager, dem sie zu Beginn beinahe übersinnliche Kräfte zugetraut hatten, wird entzaubert. Mercedes hat er wieder in die Spur gebracht, die Marke ist mit einem Absatzplus von sieben Prozent ins Jahr gestartet. Die Belegschaft aber murrt. Anfangs hatten die Mitarbeiter Zetsche selbst bei „Blut, Schweiß und Tränen“-Reden applaudiert. Jetzt glänzt der Stern wieder.

Samstagsarbeit der Rechnungsprüfer nach Drohungen

Die Zustimmung zum Vorstand aber sinkt, je direkter die Belegschaft Stellenabbau und Sparprogramm zu spüren bekommt. Ruchbar wurde der Ärger, als die Angestellten zum Jahreswechsel erfahren haben, wie ihre Arbeit künftig in der Gehaltstabelle bewertet wird. Für 33.000 Beschäftigte hat der Betriebsrat Widerspruch eingelegt.

Auch beim Abbau von 6000 Stellen in der Verwaltung regt sich Protest, etwa von den Buchhaltern, deren Jobs teils nach Prag verlagert werden sollen. Erst nach Drohungen des Vorstandsvorsitzenden und einem Gang vor Gericht konnten die renitenten Rechnungsprüfer dazu bewegt werden, an Samstagen zu arbeiten - damit Dieter Zetsche seine Bilanz überhaupt fertig bekommt und sich die Blamage erspart, die Hauptversammlung verschieben zu müssen.

Keine engere Verzahnung im Sanierungsprogramm

In dieser aufgeladenen Stimmung greift jetzt auch Betriebsratschef Erich Klemm offen den Vorstand an. Strategische Versäumnisse wirft er ihm in Sachen Chrysler vor. „Seit dem Zusammenschluss vor acht Jahren haben wir immer wieder darauf hingewiesen, dass man sich auch in Amerika nicht auf Dauer darauf verlassen kann, dass der Markt nur Spritfresser abnimmt“, kritisiert Klemm. „Auch in Amerika brauchen wir längst spritsparende Motoren, wie wir sie in Europa bereits haben.“

Solange der Kunde die Modelle nicht kauft, hilft nur eines: Die Kosten müssen runter. An die 10.000 Stellen werden gestrichen, mehrere Fabriken voraussichtlich geschlossen. Eine engere Verzahnung, wie offenbar von Managern in Detroit gewünscht, wird das Sanierungsprogramm nicht beinhalten, heißt es in Stuttgart.

„Fraglich, ob man mit Chrysler Erfolg haben kann“

Die Marken Mercedes und Chrysler bleiben getrennt. Wenn die jetzt beschlossenen Maßnahmen nicht ausreichen für die Rückkehr in die Profitabilität, bietet sich eine Kooperation mit anderen Herstellern an. „Das könnte eine Alternative sein, um die Kapazitäten auszulasten“, empfiehlt HVB-Analyst Georg Stützer.

Als letzter Ausweg bliebe die Alternative, bei der die Börse am lautesten jubeln würde: die Abspaltung von Chrysler, der Verkauf. Pläne dazu haben Investmentbanken längst in der Schublade. Und nichts wäre aus Sicht der Aktionäre schlimmer, als wenn Zetsche am Mittwoch Treueschwüre für sein amerikanisches Sorgenkind abliefern würde. „Es ist fraglich, ob man mit Chrysler mittelfristig Erfolg haben kann“, unkt Fondsmanager Gebhardt. „BMW hat sich auch von Rover wieder getrennt. Eine Abspaltung muss immer wieder neu geprüft werden. Es wäre unverantwortlich vom Management, diese Lösung auszuschließen.“

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.02.2007, Nr. 6 / Seite 33
Bildmaterial: AP, F.A.Z.

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Nutzen Sie jetzt Ihr Sonderkündigungsrecht. Beim Wechsel Ihrer Kfz-Versicherung winken bis zu 500 € Ersparnis. Jetzt online vergleichen und gleich abschließen.

Dax
Tec
Dow
Nas
22.12.2009 | 09:16
Dax 5.951,16
+0,35 %
 
        Vortag
22.12.2009 | 09:29
Name Kurs in %
DAX 5.951,16 +0,35%
TecDAX 819,47 +0,20%
MDAX 7.468,11 +0,19%
SDAX 3.553,63 +0,17%
REX 378,50 −0,06%
Eurostoxx 50 2.938,61 +0,43%
Dow Jones 10.414,10 +0,83%
Nasdaq 100 1.828,79 +1,19%
S&P500 1.114,05 +1,05%
Nikkei225 10.378,00 +1,91%
EUR/USD 1,4327 +0,36%
Rohöl Brent Crude 73,22 $ +0,32%
Gold 1.105,50 $ +0,09%
Bund Future 122,50 € −0,33%
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche