
Geschrei, Beschimpfungen, Unverschämtheiten, Schieben und Stoßen. So wird der erste Aktienhandel der Welt Anfang des 17. Jahrhunderts in der „Beurs” von Amsterdam beschrieben. Daran änderte sich über Jahrhunderte nicht viel. In hektischen Börsensituationen hatte stets die besten Karten, wer auf dem Parkett am lautesten brüllte und sich so beim amtlich bestellten Kursmakler Gehör verschaffte. Der Makler war der Herr über das Geschäft mit Aktien. Er bestimmte den Preis und wickelte die Geschäfte ab.
Diese Zeiten sind längst vergangen. Wer heute das Frankfurter Parkett betrachtet, bekommt sieben weißlich leuchtende Rondelle zu sehen, in denen hinter Dutzenden Bildschirmen einige Damen und Herren sitzen. Herumgelaufen wird nicht, geschrien erst recht nicht und Menschenaufläufe gibt es auch keine mehr. „Es hat zwar etwas Sympathisches, wenn Leute da ruhig sitzen und ab und zu mal ein Brot essen”, findet Frank Lehmann, der 17 Jahre lang fürs Fernsehen vom Frankfurter Parkett berichtet hat. „Aber das menschliche Antlitz der Börse fehlt mittlerweile.” Früher, da seien noch die Leute aus den Bäuchen der Banken aufs Parkett gekommen, Analysten, Strategen, erfahrene Händler, Leute, die etwas zu erzählen hatten. „Jetzt sitzen da junge Leute und führen Aufträge aus.”
Der Computer errechnet neutral und transparent
Ihre Tätigkeit ist nicht unbedeutend. Sie stellen die Kurse für den Großteil der rund 10.000 Aktien, die in Frankfurt gehandelt werden können. Doch die bedeutenden Geschäfte laufen an ihnen vorbei. 93 Prozent des Aktienhandels in Deutschland findet auf dem elektronischen Handelssystem Xetra statt. Die meisten Geschäfte ohne jegliches Zutun einer menschlichen Hand. Der Computer stellt Angebot und Nachfrage nach Wertpapieren gegenüber und errechnet daraus einen Kurs, bei vielen Werten sekündlich.
Dass die Händler überhaupt noch gebraucht werden, liegt an der geringen Bedeutung der meisten Aktien. Das Interesse der Anleger fokussiert sich auf die 30 Dax-Werte und allenfalls 100 Nebenwerte. Die werden dann meist über Xetra gehandelt. Nur die vielen anderen Titel, bei denen es oft über Wochen und Monate überhaupt keinen Handel gibt, sind Sache der Menschen auf dem Parkett. Hier ist der Computer überfordert. Ein Handel käme hier ohne Menschen gar nicht oder nur zu absurden Kursen zustande.
Doch die Deutsche Börse will auch diese Aktien sobald als möglich komplett auf ihr elektronisches Handelssystem holen. Der Mensch stellt dann keine Kurse mehr. „Das ist eine andere Philosophie”, sagt Rainer Riess, Geschäftsführer der Frankfurter Wertpapierbörse und bei der Deutschen Börse zuständig für Xetra. „Im bisherigen Modell ist der Mensch derjenige, der etwas veranlasst, künftig ist es der Computer, der neutral und transparent einen Preis errechnet, und der Mensch kann bei Bedarf eingreifen.”
Eine Philosophie, die die Deutsche Börse schon bei anderen Wertpapiergattungen wie Zertifikaten und Fonds verfolgt. Von Dezember an soll sie auch sukzessive im Rentenhandel umgesetzt werden, dann fehlt nur noch das Herzstück, der letzte Mosaikstein, die Aktien.
„Wir könnten schon seit zehn Jahren in Büros sitzen”
Ein Vorreiter ist die Deutsche Börse mit der vollständigen Umstellung auf computergestellte Kurse nicht. Im Gegenteil: Kaum noch ein Wertpapierhandelsplatz verfügt mehr über ein Börsenparkett oder billigt den Händlern eine wesentliche Funktion bei Börsengeschäften zu. Von den großen Handelsplätzen hält lediglich die New York Stock Exchange an einem Parketthandel relativ klassischer Prägung fest und verliert dadurch zusehends an Marktanteilen und an eigenem Börsenwert. Andere Börsensäle wie zum Beispiel Toronto sind längst zu einem Museum geworden.
Das will die Deutsche Börse nicht. Sie möchte ihr Parkett behalten. Dass es dabei längst nicht mehr der zentrale Marktplatz für Wertpapiere in Deutschland ist, wissen alle Beteiligten. „Von der Arbeit, die wir tun, könnten wir schon seit zehn Jahren in ganz normalen Büros sitzen”, sagt Oliver Roth, Chefhändler der Close Brothers Seydler Bank. „Dass wir noch auf dem Parkett sind, hat auch viel mit Tradition und Marketing zu tun.” Die Deutsche Börse will die Bilder des Handels noch menschlich erscheinen lassen, auch wenn es längst ein fast ausschließlich computergesteuertes Geschäft ist.
So wird das größte Kuchenstück am Handelsumsatz von einer Gruppe generiert, die überhaupt nicht daran interessiert ist, wo der Dax gerade steht. Auch nicht, ob er steigt oder fällt, oder ob es Siemens besonders gut oder schlecht geht. Sie tauchen auch nie auf dem Parkett auf oder tun sich mit ausgefeilten Aktienanalysen hervor. Und dennoch entfällt mittlerweile fast die Hälfte aller Aktiengeschäfte in Deutschland auf sie: die Algo-Trader. Das einzige was sie haben, sind Computerprogramme. Die sind so entwickelt, dass bei bestimmten statistischen Auffälligkeiten der Computer Aktien kauft oder verkauft - meist nur für wenige Sekunden. Das Geschäft hat nichts mit einer langfristigen Anlagestrategie zu tun. Es basiert rein auf computergenerierten Kauf- und Verkaufsignalen. Die müssen dann möglichst schnell umgesetzt werden, denn wer der Schnellste ist, hat meist den größten Gewinn.
So schnell kann der Mensch nicht einmal mit der Wimper zucken
Ein Mensch wäre in diesem Kampf um Zeitvorsprünge überfordert. 0,7 Millisekunden, so kann die Deutsche Börse stolz berichten, dauere bei ihr die schnellste Bearbeitung eines Auftrages vom Absenden beim Kunden über die Ausführung bis zur Rückbestätigung. Das klappt allerdings nur zu bestimmten Zeiten. Die durchschnittliche Auftragsbearbeitung nimmt daher immerhin zwei Millisekunden in Anspruch. Zwei Millisekunden, so schnell kann der Mensch nicht einmal mit der Wimper zucken, geschweige denn irgendeine Rolle im Aktienhandel spielen.
Da jeder Meter Leitungskabel Zeit kostet, ist die Nachfrage nach hochleistungsfähigen Rechnerplätzen im Rechenzentrum der Deutschen Börse in einer Halle in einem Frankfurter Industriegebiethoch, die nach den menschlichen Händlern nicht. Dennoch will die Deutsche Börse ihre Wurzeln nicht kappen. Auch wenn der Computer künftig alle Kurse stellt, sollen die bisherigen Wertpapierhändler im Prozess involviert bleiben. Sie sorgen in den wenig bis kaum gehandelten Werten wie bisher auch dafür, dass überhaupt vernünftige Handelsgeschäfte zustande kommen. Wenn zum Beispiel 100 Stücke einer Aktie angeboten werden, aber nur 70 auf der Nachfrageseite stehen, nimmt der Händler 30 auf sein eigenes Buch.
Von der kompletten Umstellung auf Xetra verspricht sich die Deutsche Börse zum einen eine Internationalisierung. Denn das elektronische Handelssystem Xetra ermöglicht auch den zahlreichen angeschlossenen Teilnehmern aus dem Ausland künftig den Handel mit den in Deutschland notierten Nebenwerten. Das war bisher nur sehr begrenzt der Fall.
Und zum zweiten überführt die Deutsche Börse den gesamten Handel ins Privatrecht. Sie entledigt sich so der Pflicht, die Skontren, also das Recht, den Handel in einer Aktie zu betreiben, nach öffentlichem Recht vergeben zu müssen. Künftig erlangt sie Vertragsfreiheit und kann sich ihre Spezialisten, wie die Betreuer der Aktien dann heißen, frei aussuchen.
Ohne den Menschen geht trotzdem nichts
Der Widerstand gegen die Reformbemühungen regt sich daher vor allem bei kleineren Handelshäusern, die sich in einer Skontroführerinitiative zusammengeschlossen haben. Sie fürchten den Wegfall ihrer Geschäftsgrundlage. Die größeren Handelshäuser sehen die Sache gelassener. „Die Deutsche Börse will den Präsenzhandel ja nicht abschaffen, sondern ihn zukunftsfähig machen”, sagt Aktienhändler Roth. „Das ist auch unser Anliegen.” Dass der Faktor Mensch auch in dem neuen Modell eine wesentliche Rolle spiele, sei schließlich unbestritten. „Die Deutsche Börse weiß, dass bei weit mehr als 90 Prozent aller Werte ein Handel überhaupt nur stattfinden kann, wenn ein Mensch eingeschaltet ist”, sagt Roth.
Die Börse Stuttgart hat daher schon vor Jahren ihren gesamten Handel auf ein elektronisches System umgestellt, aber dafür gesorgt, dass bei jedem Geschäft der Mensch mit im Spiel ist. Quality-Liquidity-Provider, kurz QLPs, beurteilen die jeweilige Handelssituation für den Anleger. Im Bedarfsfall spenden sie Liquidität, gehen für den Anleger ins Risiko und prüfen jeden Kurs auf Plausibilität. Die Börse ist daher von den expliziten Kosten nicht die Billigste. „Die Preise, die die Anleger bei uns erhalten, sind jedoch von höchster Qualität”, sagt Ralph Danielski, Geschäftsführer der Börse Stuttgart.
Dort sitzen alle QLPs auf dem Parkett und sind an die Vorgaben der Börse gebunden. „Wir können unsere QLPs dazu verpflichten, Kurse zu stellen, auch wenn an anderen Marktplätzen keine Kurse mehr gestellt werden - wie beispielsweise während der Finanzkrise im Oktober 2008”, sagt Danielski. „Dafür nimmt der QLP im Zweifel auch mal Verluste in Kauf. „ Die vor allem auf Privatanleger zugeschnittene Börse kommt im Handelsvolumen innerhalb Europas nach Berechnungen der Federation of European Securities Exchanges auf Platz zehn, hinter Dublin und noch vor Wien. Die Frage Mensch oder Maschine stellt sich hier nicht mehr. Die Antwort lautet: zwar immer Maschine, aber auch immer Mensch.
F.A.Z.
Daniel Mohr