Heikles Projekt

Ein Turnschuh für Indianer

Von Roland Lindner

03. Oktober 2007 Marktforschung fördert manchmal die erstaunlichsten Erkenntnisse zutage. Der amerikanische Sportartikelhersteller Nike hat sich zwei Jahre lang mit der Anatomie der Füße von Indianern in den Vereinigten Staaten beschäftigt. Nike erforschte die Füße von 224 Indianern aus mehr als 70 Stämmen, konsultierte professionelle Fußpfleger sowie Gesundheitsverbände der Ureinwohner. Das Resultat: Die Füße von Indianern sind deutlich breiter als diejenigen anderer ethnischer Gruppen, und sie sind auch etwas höher. Nike wähnte eine Marktlücke und hat jetzt reagiert: Vor wenigen Tagen stellte das Unternehmen aus Beaverton (Oregon) einen Schuh speziell für amerikanische Ureinwohner vor, den „Air Native N7“. Es ist das erste Mal, dass das Unternehmen einen Schuh für eine bestimmte ethnische Gruppe entworfen hat.

Der potentielle Markt ist nicht unerheblich: Die Ureinwohner mögen in den vergangenen Jahrhunderten in den Vereinigten Staaten mehr und mehr zurückgedrängt worden sein, sie stellen aber noch immer eine starke Bevölkerungsgruppe. Nach Census-Angaben leben in Amerika heute 4,5 Millionen Ureinwohner, dazu zählen Indianer ebenso wie Eskimos im Bundesstaat Alaska. Damit stehen die Ureinwohner für 1,5 Prozent der Bevölkerung des Landes und sind die viertstärkste der sogenannten Minderheitsethnien - nach Lateinamerikanern, Afro-Amerikanern und Asiaten. Ein großer Teil der Indianer lebt in Reservationen, die weitgehende Souveränität in den Vereinigten Staaten genießen.

Sehr hohe Armutsrate

Indianer gehören aber traditionell zu den sozial schwachen Bevölkerungsgruppen in Amerika. Die amerikanische Regierung hat in den vergangenen Jahrzehnten einige Initiativen ergriffen, um die wirtschaftliche Lage der Indianer zu verbessern. So wurde zum Beispiel im Jahr 1988 ein Gesetz verabschiedet, das den Indianern den Betrieb von Kasinos erlaubt. In vielen Teilen des Landes entstanden daraufhin Kasinos unter indianischer Führung, und einige Stämme kamen tatsächlich zu Wohlstand. Dass die Indianer eine ernstzunehmende Macht im Kasinogeschäft sind, bewies im Dezember vergangenen Jahres der Stamm der Seminolen. Die Seminolen kündigten die Übernahme der „Hard Rock“-Kette mit Hotels, Kasinos und den berühmten „Hard Rock Cafés“ für fast eine Milliarde Dollar an und bauten damit ihr schon bestehendes Glücksspielimperium aus.

Trotz solcher Erfolgsgeschichten liegt das allgemeine Haushaltseinkommen der Indianer aber noch immer weit unter dem Landesdurchschnitt, und die Armutsrate ist sehr hoch. Auch bei anderen Statistiken schneiden Indianer schlecht ab: Sie sind überdurchschnittlich übergewichtig und haben besonders häufig Diabetes. Das führen Experten nicht zuletzt auf einen Mangel an Bewegung zurück.

Nike will nichts mit den Schuhen verdienen

Der „Air Native N7“ soll nun nach Aussage von Nike Indianer stärker zum Sport animieren. Weil er breiter und höher ist als gewöhnliche Turnschuhe, soll er Ureinwohner ansprechen, die sich bislang schwergetan haben, passendes Fußwerk für den Sport zu finden. „Nike ist sich der wachsenden Gesundheitsprobleme amerikanischer Ureinwohner bewusst“, sagte der für das Projekt zuständige Nike-Manager Sam McCracken.

Nike stellt den „Air Native N7“ als wohltätiges Projekt dar und will damit nichts verdienen. Ein Paar Schuhe soll gut 40 Dollar kosten. Die Schuhe sollen nicht in gewöhnlichen Läden verkauft, sondern über indianische Organisationen und Schulen abgegeben werden. Nike will zunächst rund 10.000 Paare herstellen. Der Schuh ist neben seiner Form auch im Design auf die Zielgruppe abgestimmt, zum Beispiel mit indianischen Symbolen wie Federn. Der Name „Air Native N7“ bezieht sich auf die indianische Philosophie der Siebten Generation: das Nachdenken über Auswirkungen heutiger Handlungen auf die nächsten sieben Generationen.

Kritiker sprechen von „Ausbeutung“ und „Beleidigung“

Der spezielle Indianerschuh ist in einem Land wie Amerika, in dem Rassendiskriminierung bis heute ein hochsensibles Thema ist, ein heikles Projekt - zumal gerade Indianer oft als der unterdrückte Teil der Bevölkerung betrachtet werden, dem seine Heimat von Einwanderern weggenommen wurde. Entsprechend heftig wurde in Internetforen diskutiert. Auf der Internetseite der „Beaverton Valley News“ aus der Heimatstadt von Nike fanden sich Beiträge von Lesern, die von „Ausbeutung“ und „Beleidigung“ sprachen.

Die Mehrheit der Ureinwohner, die Kommentare abgaben, fand aber offenbar, dass Nike voll ins Schwarze getroffen und ein echtes Bedürfnis erkannt hat. In einem Kommentar hieß es: „Ich bin Cherokee. Meine Füße haben mir immer weh getan von den Schuhen, die wir kaufen müssen. Diese Schuhe sind vielleicht das, wonach ich lange, lange Zeit gesucht habe.“



Text: F.A.Z., 02.10.2007, Nr. 229 / Seite 24
Bildmaterial: AP

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