Reis

Ein Lebensmittel mit politischem Sprengstoff

14. April 2008 Die weltweit drastisch gestiegenen Preise für Reis haben in mehreren Ländern, die besonders unter der Knappheit leiden, für gewaltsame Unruhen gesorgt. In Haiti ist deshalb am Samstag die Regierung gestürzt worden. Der rasante Anstieg der Nahrungsmittelpreise droht der Weltbank und zahlreichen Regierungen zufolge, Millionen Menschen in der Welt in Armut und Hunger zurückzuwerfen.

Die weltweite Knappheit bei dem wichtigsten Nahrungsmittel für Millionen Menschen hat am Sonntag die Diskussionen bei der Frühjahrstagung der Weltbank beherrscht. „Es ist schnelles Handeln erforderlich, um die globale Nahrungsmittelkrise zu lösen“, sagte Weltbank-Präsident Robert Zoellick und unterstrich, dass es von höchster Priorität sei, die gegenwärtige Lücke von 500 Millionen Dollar aus dem UN-Nahrungsmittelprogramm bis zum 1. Mai zu füllen.

Weltbank sagt Haiti Soforthilfe zu

Angesichts der Hungerrevolte in Haiti hat die Weltbank am Wochenende eine Soforthilfe von 10 Millionen Dollar (6,3 Millionen Euro) zugesagt. Der Sturz der Regierung in Haiti nach Protesten wegen gestiegener Lebensmittelpreise habe gezeigt, wie wichtig entschlossenes Handeln sei, sagte Zoellick. „Unser Geld muss dahin, wo unser Mund ist“, sagte der Weltbank-Präsident weiter.

Indiens Finanzminister Chidambaram forderte die Industrieländer auf, ihre Subventionen für die Nutzung von Agrarrohstoffen im Kraftstoffbereich zu stoppen. „Ein Umsteuern beim Agrarrohstoffeinsatz von Nahrungsmitteln zu Kraftstoff, das ist keine gute Politik, weder für die Armen, noch für die Umwelt“, klagte er.

Erfolge in der Armutsbekämpfung zunichte gemacht

Chinas Vize-Finanzminister Li Yong sagte vor dem Entwicklungsausschuss der Weltbank, der Preisanstieg verursache in den ärmsten und verwundbarsten Ländern dieser Welt unermessliches Leid. Die Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung werde mancherorts gefährdet. Erfolge langjähriger Hilfen für die armen Länder würden ausgewischt.

In seiner Abschlusserklärung verwies der Entwicklungsausschuss darauf, dass er die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds (IWF) dazu aufgefordert habe, jene Länder zu unterstützen, die am stärksten unter den hohen Nahrungsmittel- und Energiepreisen leiden. Der Entwicklungsausschuss betonte aber auch, dass es unter den Entwicklungsländern nicht nur Verlierer, sondern auch Gewinner wegen der hohen Preise gebe.

Auch Wieczorek-Zeul beklagt Biokraftstoffe

Auch die Bundesministerin für Entwicklungshilfe, Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD), führte die Verteuerung von Getreide, Mais oder Reis unter anderem auf die wachsende Bedeutung von Biokraftstoffen zurück. „Für jeden Prozentpunkt Preisanstieg steigt die Zahl der Menschen, die vom Hunger bedroht sind, um 16 Millionen“, sagte die Ministerin. „Die starken Preisanstiege haben viele Erfolge bei der Armutsbekämpfung zunichte gemacht“, sagte der EU-Kommissar für Entwicklungshilfe, Louis Michel.

Allein in den vergangenen beiden Monaten hat sich Reis auf dem Weltmarkt um 75 Prozent verteuert, der Getreidepreis hat sich in den vergangenen zwölf Monaten mehr als verdoppelt. Auch andere Grundnahrungsmittel wie Mais und Sojabohnen sind deutlich teurer geworden.

Zudem verweisen Beobachter darauf, dass die Notierungen einiger Nahrungsmittel durch spekulative Finanzakteure verzerrt worden sind. Der amerikanische Finanzminister Henry Paulson warnte allerdings die Entwicklungsländer davor, auf die Situation mit Preiskontrollen oder Verbrauchersubventionen zu reagieren.

Die Knappheit ist chronisch geworden

Reis ist weltweit das zweitwichtigste Nahrungsgetreide und derzeit noch knapper als Weizen. Im Gegensatz zu Weizen bestehen jedoch nur geringe Chancen, dass die Reiserzeugung in überschaubarer Zukunft wieder mit dem Verbrauch Schritt halten kann.

Die Knappheit an Reis kann wegen jahrelanger Produktionsdefizite schon als chronisch bezeichnet werden. Diese Defizite haben den Weltvorrat auf ein Niveau schwinden lassen, das im Verhältnis zum Verbrauch Werte erreicht hat, wie sie in der Geschichte dieses Marktes wohl noch nie verzeichnet wurden. Dies drückt sich in beharrlichen ausgedehnten Preissteigerungen aus.

Der Preis hat sich zeitweise verdoppelt

In Chicago hat sich amerikanischer Reis seit dem Sommer 2007 in der Spitze um mehr als 100 Prozent verteuert. Dieser Tage erst erreichten die Notierungen dort neue Rekordhöhen. Allerdings ist der Markt in Chicago auf amerikanische Bedingungen zugeschnitten und daher nur begrenzt repräsentativ für die Lage am Weltmarkt. Neben diesem Handelsplatz gibt es keinen weiteren regulären Markt für Reis in der Welt.

Zur statistischen Lage am Reismarkt hat das Landwirtschaftsministerium in Washington (USDA) am Mittwoch einen neuen Bericht veröffentlicht. Es schätzt die Weltproduktion 2007/08 auf den Rekord von 425,3 Millionen Tonnen (Basis Mühlenreis), verglichen mit 420,6 Millionen Tonnen in der vergangenen Saison. Der Verbrauch soll von 420,9 Millionen Tonnen auf 424,3 Millionen Tonnen zunehmen. Auch dies wäre ein neuer Höchststand. Das Ministerium erwartet, dass der Weltvorrat in der laufenden Saison um rund eine Million Tonnen auf 77,1 Millionen Tonnen wächst.

Einer der Verbrauchszunahme angemessenen Steigerung der Weltproduktion von Reis steht ein Mangel an Anbaufläche entgegen. Eine deutliche Zunahme des Angebots kann daher nur über ertragreicheres Saatgut erzielt werden.

Entspannung am Markt für Weizen

Bei Weizen ist nach den zurückliegenden Preissprüngen seit Ende Februar eine Entspannung eingetreten. Hier stand über Monate hinweg der in Minneapolis gehandelte hocheiweißhaltige Mühlenweizen im Vordergrund. Seit dem Sommer 2007 hatten sich die Preise in der Spitze mehr als verdreifacht, bevor der Umschwung einsetzte.

Vorübergehend hat er rund die Hälfte des vorausgegangenen Anstiegs wieder zunichte gemacht. Dies lässt sich damit erklären, dass kurzfristig agierende Spekulanten ausgestiegen sind beziehungsweise zu Zwangsliquidationen von Kaufengagements gezwungen wurden.

Hoher Weizenpreis dämpft Nachfrage

Aus fundamentaler Sicht lässt sich anhand von Zahlen des USDA nachweisen, dass die Knappheit an hochwertigem amerikanischem Weizen am Ende der laufenden Saison 2007/08 (Juni/Mai) wohl doch nicht so krass ausfallen wird, wie angenommen worden war. Bei Weizen kommt hinzu, dass nun die Winterernten auf der nördlichen Halbkugel heranwachsen, so dass das Angebot von Ende Mai an stark zunehmen dürfte. Die Weltsaison 2008/09 (Juli/Juni) wird voraussichtlich eine Rekordernte hervorbringen, die in diesem Zeitraum einen mäßigen Wiederaufbau der extrem niedrigen Vorräte erlauben dürfte.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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