22. September 2006 Die Aufregung ist noch immer groß. In Bocholt kündigte die Linkspartei WASG für diesen Freitag sogar einen Protest vor dem Werk von Siemens an. Zahlreiche Politiker und Gewerkschafter fahren schwere Wortgeschütze gegen die Erhöhung der Vorstandsgehälter auf. Um 30 Prozent sollen die Einkünfte der Siemens-Spitzenmanager im nächsten Geschäftsjahr, das am 1. Oktober beginnt, steigen. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) warf der Führung des Münchner Konzerns asoziales Verhalten angesichts des Stellenabbaus in der Sparte SBS vor. Fritz Schösser, Chef des Deutschen Gewerkschaftsbunds in Bayern, formulierte es ebenfalls drastisch: Das grenzt schon an persönliche Bereicherung.“
Die geballte Faust in der Tasche mancher Beschäftigten vermutet ein Siemens-Betriebsrat als Reflex auf die Nachricht vom satten Saläraufschlag. Aber es gibt überraschend auch andere Stimmen. Das ist die Stunde der Populisten“, sagt ein Siemensianer aus dem Arbeitnehmerlager, der nicht mit Namen genannt werden will, über die Schimpfkanonaden gegen Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer und den Vorstandsvorsitzenden Klaus Kleinfeld. Grundsätzlich hält er es zwar für falsch, daß die Gehälter von Spitzenmanagern auf ein Millionenniveau geschraubt worden sind. Weil sich der Markt für Führungskräfte aber so entwickelt hat, wird das akzeptiert.“ Eine Gehaltserhöhung für die Siemens-Vorstände sei seit drei Jahren verschleppt worden und nun eben fällig. Siemens braucht Weltklasse im Management“, meint der Mann. Die Vorstände seien für mehr als 400.000 Arbeitsplätze verantwortlich. Über das viele Geld, das Spieler des FC Bayern auf der Ersatzbank bekämen, rege sich dagegen niemand auf.
Amerikanische Maßlosigkeit als Maßstab
Die Entscheidung über die Erhöhung für Kleinfeld und seine Mannschaft fiel bereits vor der Aufsichtsratssitzung im Juli, wie zu hören ist. Wer im Präsidium des Kontrollgremiums wie abgestimmt hat, bleibt geheim. Dem kleinen Kreis gehören neben Pierer nur Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und Ralf Heckmann, der Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Siemens, an. Es gab Diskussionen über das Thema Vorstandsvergütung – wie immer“, heißt es. Und: Beschlüsse müsse die Dreier-Gruppe generell nicht einstimmig treffen.
Heckmann war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen, ein Sprecher des Gesamtbetriebsrates (GBR) lehnte einen Kommentar ab und wies nur darauf hin, daß sich der GBR in der kommenden Woche zu einer Sitzung trifft. Möglicherweise beschäftigen sich die Mitarbeitervertreter dann mit dem Thema Gehaltserhöhung für den Vorstand, und eventuell gebe es eine öffentliche Stellungnahme. Eine solche gibt es schon vom Verein der Siemens-Belegschaftsaktionäre, der nach eigener Auskunft rund 3.000 Mitarbeiter vertritt. Der Verein prangert an, die Maßlosigkeit der Managergehälter in den angloamerikanischen Ländern mache Siemens zum eigenen Maßstab.
Zuspruch aus dem Arbeitnehmerlager
Außerdem wird in dem offenen Brief an Pierer die Frage gestellt: War denn das unternehmerische Wirken so erfolgreich, daß eine Gehaltserhöhung gerechtfertigt wäre?“ Kritiker, die den Aktienkurs als Maßstab für die Leistung des Vorstands nehmen, schütteln den Kopf. Seit Kleinfelds Amtsantritt im Januar 2005 ist der Deutsche Aktienindex um 41 Prozent gestiegen, der Kurs von Siemens aber nur um knapp 10 Prozent. Wenn nur der Aktienkurs Relevanz hätte, wäre die Gehaltserhöhung für die Vorstände nicht gerechtfertigt“, sagt ein Analyst, der namentlich nicht genannt werden will. Wenn es aber um die Verantwortung der Siemens-Manager im Vergleich mit anderen Unternehmen geht, dann ist die Anhebung zu verstehen.“ Dem Gesamtkonzern Siemens gehe es ja gut, fügt der Analyst hinzu.
Einer aus dem Arbeitnehmerlager äußert sich überraschend positiv über Kleinfeld: Er ist nicht der harte Manager, der nur hinter dem Shareholder-Value her ist.“ Freilich hält er an der Ansicht der Betriebsräte und der IG Metall fest, daß die Trennung vom Mobiltelefongeschäft und die dominante Rolle von Nokia im geplanten Gemeinschaftsunternehmen für Netzwerke schwere strategische Fehler seien. Mit besseren Managern hätte der Niedergang dieser Sparten verhindert werden können, meint er.
Mobilfunk: Pierer hätte nichts anders gemacht
Aufsichtsratschef Pierer hält sich mit Kommentaren über seinen Nachfolger zurück. Natürlich werde zwischen Vorstand und Aufsichtsrat gestritten, sagte er vor kurzem im Plauderton. Aber das sei ganz normal. Pierer hatte all die Jahre als Konzernchef Vorzüge des weitgefächerten Produktspektrums von Siemens hervorgehoben. Dennoch behauptet er, im Fall der Telekommunikation, der Wurzel des Elektronkonzerns, hätte er nicht anders als Kleinfeld gehandelt. Die Fusion von Alcatel und Lucent lasse Siemens gar keine andere Wahl, als mit einem starken Partner wie Nokia den Schulterschluß zu suchen. Vielleicht hat Pierer mit dieser Aussage wieder einmal sein diplomatisches Geschick bewiesen. Auf jeden Fall hält er eine bessere Bezahlung Kleinfelds und der anderen Vorstände für gerechtfertigt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS
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