Von Thomas Scheen, Johannesburg
12. Mai 2006 Sie sind mittlerweile überall anzutreffen, auf den hitzeflirrenden Ölfeldern in Sudan, beim Straßenbau im staubigen äthiopischen Hochland, selbst auf den Märkten im Stadtzentrum von Johannesburg, wo sie billige Textilien, Heilmittel und Plastikartikel feilbieten: Chinesische Ingenieure, Techniker und Händler sind dabei, den afrikanischen Kontinent zu erobern.
China hat Afrika entdeckt, und der Rest der Welt merkt es nicht. Denn im Gegensatz zu Europa oder den Vereinigten Staaten sieht China in Afrika nicht zuallererst den Hunger- und Katastrophenkontinent, sondern einen mit allen wichtigen Rohstoffen gesegneten Kontinent, der zudem den letzten konsumtechnisch nicht erschlossenen Flecken Erde darstellt. Wenn man so will, rollt China gerade Afrika auf.
Natürlich ist das wichtigste Anliegen Chinas die Sicherung von Rohstoffen für seine expandierende Wirtschaft. Die jüngste Afrika-Reise des chinesischen Ministerpräsidenten - die dritte in zwei Jahren - hat dies wieder einmal eindrucksvoll belegt.
Öl, Kupfer, Kobalt, Platin - China fördert alles
Der chinesische Erdölkonzern China National Petroleum sicherte sich anläßlich der Reise für mehr als 2 Milliarden Dollar 45 Prozent eines als äußerst ergiebig geltenden nigerianischen Ölfeldes. Zudem wurde chinesischen Firmen die Ausbeutung vier weiterer Ölfelder zugesprochen.
Im Gegenzug will China 4 Milliarden Dollar in die Reparatur der maroden nigerianischen Infrastruktur investieren, will Straßen, Kraftwerke und ein Eisenbahnnetz bauen. Im Süden des Landes ist eine Freihandelszone geplant, an der chinesische Unternehmen reges Interesse zeigen. Von dort aus ließen sich sowohl West- als auch Zentralafrika leicht beliefern. Das Investitionsvolumen wird auf 7 Milliarden Dollar geschätzt.
China kleckert nicht in Afrika, China klotzt. In Sudan ist China mittlerweile der größte Erdölförderer. In Angola, dem nach Nigeria zweitgrößten Erdölproduzenten Afrikas, lehren die Chinesen der etablierten Konkurrenz aus Europa und Amerika längst das Fürchten. In Kongo fördern Chinesen unter haarsträubenden Umständen Kupfer und Kobalt in rauhen Mengen, in Zimbabwe Platin, und die südafrikanischen Bergbaukonzerne können gar nicht soviel Steinkohle, Platin und Eisenerz verschiffen, wie die Chinesen ordern.
Drittgrößter Handelspartner Afrikas
Ein Blick auf die Zahlen verdeutlicht diese außerhalb Afrikas kaum wahrgenommene Verschiebung der traditionellen Handelswege. Allein in den neunziger Jahren stieg das Handelsvolumen zwischen China und dem afrikanischen Kontinent um 700 Prozent. Von 2002 auf 2003 verdoppelte sich das Volumen von etwa 9 Milliarden Dollar auf 18,5 Milliarden Dollar, um 2004 noch einmal nahezu 100 Prozent zuzulegen. Im vergangenen Jahr betrug das Handelsvolumen knapp 35 Milliarden Dollar.
Den größten Anteil daran hatten chinesische Erdölimporte aus Sudan und Angola, das mittlerweile 25 Prozent seiner Produktion nach Fernost verkauft. Die chinesischen Direktinvestitionen in Afrika belaufen sich mittlerweile auf 900 Millionen Dollar von insgesamt 15 Milliarden Dollar, die auf dem Kontinent investiert wurden, Tendenz steigend. China ist nach den Vereinigten Staaten und Frankreich zum drittgrößten Handelspartner Afrikas aufgestiegen und hat dabei Großbritannien hinter sich gelassen.
Dabei bedient sich China zur Sicherung von Marktzugängen Methoden, die von den Europäern in den siebziger Jahren praktiziert worden waren und heute als politisch unkorrekt gelten. China stellt keine Forderungen nach guter Regierungsführung oder Transparenz. Demokratischer Wandel sei eine interne Angelegenheit, in die man sich nicht einmische. die chinesischen Verhandlungsführer haben keine Probleme damit, Abschlüssen mit Geldzuwendungen nachzuhelfen: Hauptsache, man bekommt den Fuß in die Tür.
Billige Komplettlösungen
Am Beispiel Angolas, das dank neuer Ölvorkommen ein Wirtschaftswachstum von nahezu 20 Prozent ausweist, läßt sich die Vorgehensweise der Chinesen skizzieren. Die Regierung in Peking gewährte Angola anstandslos einen Kredit von mehr als 2 Milliarden Dollar, nachdem Weltbank und der Internationale Währungsfonds dem Land wegen der galoppierenden Korruption keine weiteren Kreditlinien einräumen wollten. Die 2,2 Milliarden Dollar will Angola zur Reparatur seiner nach 30 Jahren Bürgerkrieg zerstörten Infrastruktur verwenden.
Die Bedingung der Chinesen aber war, daß 70 Prozent der Aufträge an chinesische Unternehmen gehen und daß der Kredit teilweise mit Öllieferungen getilgt wird. Der Vorteil solcher Arrangements, wie sie auch in Tansania, Gabun, Äthiopien, Elfenbeinküste, Togo und Mali zu beobachten sind, liegt auf der Hand: China bietet Komplettlösungen für Infrastrukturmaßnahmen, von der Finanzierung über den Bau bis hin zur Schulung einheimischen Personals - und das zu einem Bruchteil der Kosten, die ein europäisches Unternehmen berechnen würde.
Doch China geht es in Afrika nicht um die Sicherung von Rohstoffen allein, sondern auch um das Schaffen von Absatzmärkten. Chinesische Produkte sind billig und damit der Kaufkraft der Afrikaner angepaßt. Sie überschwemmen den Kontinent. Gleichzeitig aber kann die lokale Wirtschaft mit den Chinesen nicht konkurrieren.
Chinesen beschäftigen lieber Chinesen
Im südlichen wie im westlichen Afrika stirbt ein Textilunternehmen nach dem anderen, weil die chinesischen Anbieter jeden noch so knapp kalkulierten Preis unterbieten. In den Einkaufszentren zwischen Harare und Kapstadt ist kaum noch ein Bekleidungsstück zu finden, das nicht Made in China ist.
Zudem privatisieren mehr und mehr afrikanische Länder ihre maroden Staatsbetriebe und öffnen sich ausländischem Kapital, was chinesischen Unternehmen wie ein warmer Regen vorkommen muß. Insbesondere in der Textilbranche kaufen Chinesen preisgünstig jene afrikanischen Betriebe auf, die sie vorher durch ihre aggressive Preispolitik vom Markt vertrieben haben - und sie nutzen die Exportvergünstigungen dieser Unternehmen, um die Einfuhrquoten für chinesische Textilien nach Amerika und in die EU zu umgehen.
Insofern ist es nicht verwunderlich, daß derzeit heiß diskutiert wird, ob das chinesische Engagement auf dem Kontinent nun Fluch oder Segen bedeutet. Das aggressive Vorgehen chinesischer Unternehmer stiftet Unruhe. Afrikaner werfen den Chinesen vor, kaum einheimische Arbeiter einzustellen - und das trifft zum Teil auch zu.
Afrikas Wachstum ist so hoch wie nie
Chinesen produzieren in Afrika überwiegend mit chinesischen Arbeitskräften. Gleichzeitig unterminiert China mit seiner Vorgehensweise alle Bemühungen von Internationalem Währungsfonds und Weltbank, die Korruption in Afrika auszumerzen. Es perpetuiert damit politische Systeme, die als Haupthindernis für eine nachhaltige Entwicklung des Kontinents gelten.
Auf der anderen Seite aber verzeichnete Afrika im zurückliegenden Jahr ein Wirtschaftswachstum von 5,2 Prozent, so viel wie noch nie. Dieses Wachstum war vor allem der chinesischen Nachfrage nach Öl und der damit einhergehenden Preissteigerung geschuldet. China hat den afrikanischen Ländern bilaterale Schulden in Höhe von 10 Milliarden Dollar erlassen, schickt Mediziner auf den Kontinent und lädt jedes Jahr Tausende afrikanischer Studenten und Arbeiter zum Studium oder zu Weiterbildungsseminaren nach China ein.
Zugleich sind die Straßen, Brücken, Krankenhäuser und Schulen, die Chinesen bauen, kostengünstig und von akzeptabler Qualität. Vor allem aber werden sie in einem Bruchteil der Zeit errichtet, die solche Projekte benötigen, wenn sie zum Beispiel von der EU finanziert werden. Und wo eine Straße ist, findet Handel statt - und dieser wiederum kann langfristig zu ebenjener wirtschaftlichen Emanzipation Afrikas führen, die der Westen ständig anmahnt.
Text: F.A.Z., 11.05.2006
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
Maschinenbau streicht weniger Stellen als befürchtet
Grüner die Glocken nie klingen
| Name | Kurs | in % |
| DAX | 5.951,42 | +0,35% |
| TecDAX | 811,93 | −0,72% |
| MDAX | 7.482,66 | +0,38% |
| SDAX | 3.551,06 | +0,10% |
| REX | 377,94 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.948,93 | +0,78% |
| Dow Jones | 10.455,30 | +0,40% |
| Nasdaq 100 | 1.834,91 | +0,33% |
| S&P500 | 1.114,05 | +1,05% |
| Nikkei225 | 10.378,00 | +1,91% |
| EUR/USD | 1,4235 | −0,28% |
| Rohöl Brent Crude | 72,12 $ | −1,19% |
| Gold | 1.105,50 $ | +0,09% |
| Bund Future | 122,29 € | −0,50% |