Nutzfahrzeuge

Es kann nur einen geben

Von Joachim Herr und Henning Peitsmeier

Sieht die Übernahme als sportliche Herausforderung: Håkan Samuelsson

Sieht die Übernahme als sportliche Herausforderung: Håkan Samuelsson

06. Oktober 2006 Håkan Samuelsson ist ein Schelm. Leif Östling, der 61 Jahre alte Haudegen von Scania, als Chef eines gemeinsamen Unternehmens der Schweden und von MAN? Samuelsson, der MAN-Vorstandsvorsitzende verzieht keine Miene und antwortet knapp mit einem „Ja“. Samuelsson oder Östling, auf einen der beiden Nutzfahrzeugmanager wird es wohl hinauslaufen, wenn es zu einem Zusammenschluß von MAN und Scania kommen sollte. Und noch ehe der bayerisch-schwedische Plan in trockenen Tüchern ist, beschäftigt Branchenkenner vor allem die Frage, wer von den beiden den Fusionskonzern führen soll.

In München, am Hauptsitz von MAN, kann sich freilich niemand vorstellen, daß Östling das Kommando übernimmt. Ebenso halten es Scania-Mitarbeiter in Södertälje für unwahrscheinlich, daß Östling unter seinem ehemaligen Mitarbeiter Samuelsson arbeiten soll. Eher wird vermutet, daß Östling mit einer Abfindung geht. Der MAN-Chef plädiert dafür, das überzeugende Konzept für einen Zusammenschluß beider Lastwagenhersteller dürfe nicht an personellen Fragen scheitern. Im Alltag läßt der 55 Jahre alte Schwede allerdings keinen Zweifel, wer das Sagen hat.

Fahrplan zweimal durchkreuzt

Um so überraschter mußte Samuelsson zur Kenntnis nehmen, daß sein Fahrplan zur Übernahme von Scania schon zweimal durchkreuzt wurde. Erst wurde der Übernahmeversuch zu schnell öffentlich gemacht, und seit Mitte der Woche ist er um eine weitere, überraschende Facette reicher: Volkswagen hat gut 15 Prozent der Aktien von MAN erworben. VW-Chef Bernd Pischetsrieder hat sich damit in beiden Unternehmen eingeschaltet, denn er ist Aufsichtsratsvorsitzender von Scania. Die Wolfsburger sind seit sechs Jahren an Scania beteiligt. Mit dem Stimmrechtsanteil von 34 Prozent an Scania und dem neuen 15-Prozent-Paket an MAN könnte VW eine Sperrminorität am MAN-Scania-Konzern erreichen.

In München wird dennoch Gelassenheit demonstriert. Es sei Samuelsson von Anfang an bewußt gewesen, daß eine Übernahme von Scania nur mit einem künftig starken MAN-Aktionär Volkswagen gelänge. Außerdem sieht der Nutzfahrzeug- und Maschinenbaukonzern seine Position im Werben um den schwedischen Konkurrenten nun sogar gestärkt. Was könne VW auf Dauer mit einem Anteil von 15 Prozent an MAN anfangen, lautet die rhetorische Frage.

Sportliche Einstellung

Doch spätestens seit Mittwoch ist klar: Mit dem Übernahmeversuch ist Samuelsson ein erhebliches Risiko eingegangen. Nachdem er die Offerte an die Scania-Aktionäre am 18. September angekündigt hatte, bekam er prompt eine Abfuhr von den zwei großen Gesellschaftern VW und Investor AB. Die Gefahr, daß sein Versuch scheitert, besteht noch immer. Sollte die Übernahme gelingen, lauert ein zweites Risiko für den schwedischen Manager. Könnte er sich gegen mächtige Männer wie die VW-Größen Ferdinand Piëch und Bernd Pischetsrieder behaupten und gegen Wendelin Wiedeking, den Chef des VW-Großaktionärs Porsche? Welchen Einfluß hätte das Land Niedersachen, ebenfalls ein bedeutender Gesellschafter von VW? Immerhin besitzt MAN in dem Bundesland ein Werk. In Salzgitter arbeiten rund 3000 Mitarbeiter in der Endmontage von Bussen und Sattelzugmaschinen.

Samuelsson hat eine sportliche Einstellung zu allen Eventualitäten. „Wir Vorstände bekommen höhere Löhne, dafür muß man auch Risiken übernehmen“, sagt er. Für den Schweden als Chef eines neuen MAN-Scania-Konzerns spricht einiges. Bevor er im Jahr 2000 nach München kam, arbeitete er 23 Jahre lang für Scania. Die tiefe Kenntnis beider Unternehmen könnte für einen Zusammenschluß Gold wert sein. Mit Pischetsrieder verbinde Samuelsson ein gutes Verhältnis, heißt es zudem. Beide kennen sich als Präsidiumsmitglieder des Automobilverbands VDA. Pischetsrieder hat auch von Anfang an Sympathie für ein Zusammengehen von MAN und Scania erkennen lassen.

Bayerische und schwedische Kultur

Diffiziler ist das Verhältnis Samuelssons zum VW-Aufsichtsratsvorsitzenden: Piëch hat seit langem den Anspruch, mit VW im Nutzfahrzeuggeschäft auf dem Weltmarkt kräftig mitzumischen. Piëch war es, der VW seinerzeit bei Scania eingekauft hat, der Kritik dafür einstecken mußte, als VW die Beteiligung in den schlechten Jahren wertberichtigt hatte und der sich nun im nachhinein dafür feiern lassen könnte, über das strategische Investment heute zu verfügen. Schließlich hat Piëch als Vorsitzender des VW-Aufsichtsratspräsidiums vor wenigen Tagen für den Einstieg bei MAN votiert.

Den Porsche-Chef Wiedeking kennt Samuelsson offenbar auch nicht näher. Doch verbinden beide einige Gemeinsamkeiten als Manager. „Beide sind exzellente Analytiker und ziehen ihre Strategie konsequent durch“, sagt ein Branchenfachmann. Samuelsson hat noch große Pläne mit MAN und Scania. „Wir können die Nummer eins in der Branche werden“, meint der Schwede. „Ich bin überzeugt, daß die bayerische und schwedische Kultur gut zusammenpassen.“

Text: F.A.Z., 06.10.2006, Nr. 232 / Seite 20
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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