30. Juni 2008 Den amerikanischen Autoherstellern steht eine weitere Woche mit schlechten Nachrichten bevor. Am morgigen Dienstag werden die Unternehmen ihre Absatzzahlen für den Juni in den Vereinigten Staaten vorlegen. Alle Anzeichen sprechen dafür, dass die Zahlen verheerend ausfallen. Es wird ein neuer Tiefpunkt für General Motors, Ford und Chrysler: Deren ohnehin schon angespannte Lage hat sich nun innerhalb weniger Wochen dramatisch zugespitzt. Die Krise spiegelt sich in den Aktienkursen der Unternehmen wider, die zuletzt rapide gesunken sind. Die Aktie von General Motors hat allein in den vergangenen zwei Wochen rund 30 Prozent an Wert verloren. Das Unternehmen ist an der Börse nur noch rund 6,5 Milliarden Dollar wert. Das entspricht zum Beispiel einem Siebtel des Börsenwertes des gemessen am Umsatz deutlich kleineren Baumaschinenherstellers Caterpillar.
Der Absturz hängt mit einer abrupten Verschiebung der Nachfrage auf dem amerikanischen Automarkt zusammen, die von den hohen Benzinpreisen ausgelöst wurde. Amerikaner haben traditionell eine Vorliebe für große Autos wie sportliche Geländewagen (SUV) und Transporter (Pick-ups), und darauf haben sich die einheimischen Hersteller mit ihrer Produktpalette ausgerichtet. Schon seit einiger Zeit gibt es aber eine allmähliche Verlagerung hin zu kleineren Autos mit niedrigerem Benzinverbrauch. Diese langsame Entwicklung hat sich nun aber wegen sprunghaft gestiegener Benzinpreise erheblich beschleunigt. Eine Gallone (3,8 Liter) Benzin kostet nun im Schnitt mehr als 4 Dollar, was für amerikanische Verhältnisse ein schwindelerregend hoher Preis ist, auch wenn er umgerechnet noch immer weniger als halb so hoch ist wie etwa in Deutschland.
Schwere Zeiten für Pick-ups
Dieser Umbruch hat sich zum ersten Mal im Mai im Geschäft der Autohersteller niedergeschlagen. Der Mai war der schwächste Verkaufsmonat seit langer Zeit: Besonders schlecht standen die amerikanischen Hersteller da, deren Produktpaletten von Geländewagen und Pick-ups dominiert werden. Das traditionell meistverkaufte Fahrzeug in Amerika - der Pick-up F-150 von Ford - stürzte innerhalb eines Monats vom ersten auf den fünften Platz ab.
Offenbar hat sich die Lage im Juni noch weiter zugespitzt: Ford kündigte vor gut einer Woche an, wegen einer weiteren Eintrübung im Juni seine Produktionsmengen zu kürzen. Weiter warnte Ford, der Verlust im Autogeschäft werde in diesem Jahr höher ausfallen als 2007. Auch General Motors hat seine geplanten Stückzahlen für den Rest des Jahres zurückgenommen. Das Unternehmen kündigte außerdem den symbolträchtigen Schritt an, die Geländewagenmarke Hummer zum Verkauf zu stellen.
Mit den neuerlichen Turbulenzen erreicht eine schon seit Jahren währende Krise der amerikanischen Autoindustrie einen weiteren Höhepunkt. General Motors stürzte schon vor drei Jahren wegen immer schwächerer Geschäfte auf dem Heimatmarkt in eine Schieflage, bald folgten auch Ford und Chrysler. Der amerikanische Automarkt war in dieser Zeit insgesamt noch stabil, aber die einheimischen Hersteller verloren Marktanteile an ausländische Unternehmen wie Toyota. General Motors hat seit dem Jahr 2005 Verluste von mehr als 50 Milliarden Dollar ausgewiesen. Alle drei amerikanischen Hersteller haben jeweils Zehntausende von Mitarbeitern entlassen. Chrysler wechselte im vergangenen Jahr den Besitzer und wurde vom deutschen Daimler-Konzern an den Finanzinvestor Cerberus verkauft.
Die Ratingagenturen schlagen Alarm
An den Finanzmärkten schwindet das Vertrauen in die amerikanischen Autohersteller, und es wachsen Sorgen um die Zahlungsfähigkeit. Alle großen amerikanischen Ratingagenturen haben Alarmsignale gegeben: So hat Fitch in der vergangenen Woche die Kreditbewertung für Chrysler und General Motors zurückgenommen, Moody's und Standard & Poor's haben ihre Bewertungen für die amerikanischen Hersteller mit einem negativen Ausblick versehen, was eine Herabstufung wahrscheinlicher macht. Die Anleihen aller drei Hersteller werden schon jetzt als "Junk" bewertet, also als hochspekulative Investition.
Die Investmentbank Goldman Sachs löste am vergangenen Donnerstag mit einer Herabstufung von General Motors einen Kurssturz der Aktie um 11 Prozent aus. Analyst Patrick Archambault sagte, die rapide Verschlechterung der Marktlage erhöhe Bedenken mit Blick auf die Liquidität des Unternehmens. Nach seiner Schätzung werden die Barvorräte von General Motors in diesem Jahr um 11,7 Milliarden Dollar schrumpfen. Ende vergangenen Jahres hatte das Unternehmen noch liquide Mittel von 27,3 Milliarden Dollar, nach dem ersten Quartal waren es bereits nur noch 23,9 Milliarden Dollar. Archambault meinte, der Autokonzern könnte sich gezwungen sehen, Kapital aufzunehmen oder die Dividende zu kürzen. Rick Wagoner, der Vorstandsvorsitzende von General Motors, fühlte sich daraufhin zu einer Stellungnahme genötigt, sein Unternehmen habe für dieses Jahr ausreichend liquide Mittel. Um Chrysler rankten sich in der vergangenen Woche sogar Insolvenzspekulationen. Das Unternehmen wies die Gerüchte scharf zurück und bezeichnete sie als gegenstandslos.
Die sich zuspitzende Krise der amerikanischen Autoindustrie könnte auch zu einem Thema für die Politik werden, zumal im laufenden Wahljahr. Rick Wagoner gab schon einen Hilferuf ab: Bei einem Treffen von Wirtschaftslenkern mit dem designierten Präsidentschaftskandidaten Barack Obama forderte er staatliche Unterstützung für die amerikanischen Autohersteller. Die Politik könnte der Industrie nach Vorstellung von Wagoner bei der Entwicklung umweltfreundlicher Technologien helfen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, FAZ.NET
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