Die Leiden der Bankerfrauen

„Ich brauche gerade jetzt ein schönes Zuhause“

Von Bettina Schulz, London

07. Juli 2008 Dinner von sechs Müttern in Chelsea Kensington - ohne ihre Ehemänner. Die verderben in letzter Zeit nur die Laune. „Wir hatten neulich ein herrliches Abendessen geplant. Aber die Männer waren so depressiv. Die hätten am liebsten kollektiven Selbstmord im Garten begangen“, beschwert sich Flora. Und so genießen die Damen das fröhliche Beisammensein allein, trinken ihren Prosecco und plaudern beim Menü über Kinder, Schule, Kino, Urlaub, Mode und die jüngste Renovierung des Hauses. Nur über ein Thema fällt an diesem Abend kein Wort: die Finanzmarktkrise. Dass die Banken in der größten Finanzkrise seit Jahrzehnten den Rotstift ansetzen und Tausende von Ehemännern in der City um ihren Job fürchten, ist in der Welt von „Sex and the City“ noch nicht angekommen.

Die Damen in Chelsea & Kensington wissen allerdings, dass man nicht näher nachfragt, wenn eine Mutter nebenbei erwähnt, ihr Ehemann sei gerade „between jobs“. Sarah ist so ein Fall. Die war plötzlich mit Ehemann und Kindern wochenlang auf einer Überseereise verschwunden, und zwar während der Schulzeit. Aber Singapur, Bali und Australien waren „herrlich“ und es tat den Kindern doch so gut, mal den Papa ein paar Wochen zu erleben. Papa war vorher bei der Bank UBS. Sarah fährt mit den Kindern jetzt nicht mehr im Geländewagen zur Schule, sondern mit dem Fahrrad. „Ich muss die Pfunde vom Urlaub runterradeln. Die Garderobe passt nicht mehr“, stöhnt sie. Ihre Freundinnen hoffen innerlich, dass ihr Ehemann möglichst schnell einen neuen Job in der City findet. Es gibt nichts Schlimmeres als einen Ehemann, der einem ewig zu Hause zwischen den Beinen herumsteht, und man nicht mehr in Ruhe zum Tennis, Friseur und zur Gesichtspflege gehen kann.

Noch nicht ganz realisiert

Dass es mit den Jobs derzeit nicht so einfach ist, wollen die Ehefrauen gar nicht erst hören. George war vor zwei Jahren von einer großen Investmentbank gefeuert worden und hatte in Frankreich bei einer Bank einen neuen Job gefunden. Aber seine Frau mag Frankreich nicht und will wieder nach London zurück. „Die meint, ich könnte mir jetzt in London einfach so einen neuen Job zulegen“, sagt George. Dabei ist er froh, dass er seine Stelle im Corporate Finance bei seinem neuen Arbeitgeber noch hat. „Wie soll ich jetzt zu einem neuen Arbeitgeber wechseln? Wenn dort Mitarbeiter entlassen werden, bin ich der Erste, der sofort wieder auf der Straße steht.“ Aber seine Frau findet die Franzosen kleinkariert und die Schulen in London besser. Dass die Bankaktien, mit denen seit Jahren der Bonus des Ehemanns bezahlt wird, nur noch die Hälfte wert sind, hat sie ebenfalls noch nicht ganz realisiert.

Auf dem Sommerfest im luxuriösen Hurlingham Club in London machen die Ehemänner gute Miene zum bösen Spiel. „Ich habe dieses Jahr nur einen Verlust von 8 Prozent einstecken müssen“, raunt ein Fondsmanager seinem Freund hinter vorgehaltener Hand zu. „Die Konkurrenz liegt teilweise mit 20 bis 30 Prozent schief“, fügt er hinzu, während seine Frau mit den Kindern auf dem manikürten Rasen spielt. Sein Freund ist bei Rothschild im „Corporate Finance“.

Die Angst vor dem Jobverlust ist größer als je zuvor

„Da läuft gar nichts mehr. Es ist totenstill. Ich werde zur Ruhe gezwungen“, meint der Banker, der vor der Krise von Termin zu Termin gehetzt ist. Der Dritte in der Runde, Peter, wird sich an diesem Abend von seinen Freunden verabschieden. Die Familie geht zurück nach New York. Ihm wird von seinen Freunden zum Kauf eines wunderschönen Hauses in New York gratuliert. „Geschickter Zeitpunkt zum Kauf“, lobt ihn sein Freund. Aber Peter schüttelt mürrisch den Kopf: „Nein. Schlechter Zeitpunkt. Wir haben das Haus vor der Immobilienkrise gekauft“, entgegnet Peter trocken. Vielen Ehefrauen ist es jetzt ganz lieb, dass die Ehemänner ihre Sorgen des Jobs für sich behalten, was die Damen sonst mitunter so kritisieren. „Mein Mann meint, dass sei jetzt die schlimmste Krise seit den dreißiger Jahren“, stöhnt Clara über ihren Mann, der als Wirtschaftsprüfer die Bilanzen der Banken sieht. „Aber der ist immer so negativ“, sagt sie. Viele Ehefrauen fürchten, dass die Paranoia der Ehemänner den bevorstehenden Sommerurlaub ruiniert.

Eine Umfrage von Credant Technologies in der Londoner City hat immerhin ergeben, dass 83 Prozent der City-Banker ihr Mobiltelefon und ihren Blackberry mit in den Urlaub nehmen und 65 Prozent der Banker Kontakt mit ihrem Büro aufnehmen. Jeder dritte Banker schleppt seinen Laptop mit, und 15 Prozent der Banker geben zu, während des Urlaubs täglich E-Mails abzuschicken. Die Angst, dass ihre Jobs wegrationalisiert werden könnten oder sich Kollegen in ihre Arbeit hineinschleichen, ist größer als je zuvor.

Schwierige Entscheidungen

Am schlimmsten wird derzeit Lara getroffen, die mitten in einer Scheidung steckt. Gerade laufen die Verhandlungen der Anwälte über die Aufteilung des Vermögens, Ehegattenunterhalt und Abschlagszahlungen für die Ausbildung der Kinder. Lara muss wichtige Entscheidungen treffen, die sie fast überfordern, und so landet sie einen Hilfeanruf bei ihrer Freundin: „Ich muss mich bis Montag entscheiden. Soll ich jetzt Aktienpakete von UBS und Lehman Brothers zum heutigen Aktienkurs nehmen oder das Haus in Malaga?“, fleht sie.

Sie hat durchaus gemerkt, dass die Aktien im Wert gefallen sind. „Die können doch jetzt nur noch steigen“, hofft sie. Von den restlichen Millionen will sie sich jetzt ein Haus in Notting Hill kaufen. Dass die Hauspreise gerade abstürzen, kann sie nicht beirren. „Das ist vielleicht naiv“, meint sie. „Aber ich brauche gerade jetzt ein schönes Zuhause.“



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

Kursabfrage 
NamePunkteProzent
Dax 4.544,31 -7,01
TecDax 516,75 -4,81
DowJones 8.451,19 -1,49
Nasdaq 1.649,51 +0,27
STOXX 50 2.421,87 -7,86
Nikkei 225 8.276,43 -9,62
S&P 500 Zert. 8,83 -10,45
Euro/Dollar 1,35 +0,69
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Gold 847,40 +0,00
Öl 76,65 -7,49
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