08. Oktober 2006 Die Übernahmeschlacht zwischen MAN und Scania steuert auf ihren entscheidenden Höhepunkt zu. In mehr oder minder konspirativen Treffen sondieren die Kontrahenten am Wochenende ihr weiteres Vorgehen. So tagt am Sonntag in Stockholm der Scania-Verwaltungsrat.
Vorsitzender des Gremiums ist VW-Chef Bernd Pischetsrieder. Er spielt eine Schlüsselrolle in dem Poker und hat für den morgigen Montag eine Erklärung angekündigt über seine Strategie, wie er Europas größten Truckhersteller formen will. Ihm schwebt dabei offenbar eine Dreierallianz zwischen MAN, Scania und den schweren Lastern aus dem eigenen Konzern vor.
Samuelsson in der Defensive
In diese bestimmende Position hat sich Pischetsrieder vergangene Woche mit einem überraschenden 1,5-Milliarden-Euro-Deal gebracht. Für diesen Betrag kaufte VW 15,06 Prozent der Anteile an MAN. Damit ist der Bayer Großaktionär bei beiden Kontrahenten, da er bei Scania schon vor Beginn der Auseinandersetzung 34 Prozent der Stimmrechte besaß. Pischetsrieders Schachzug brachte MAN-Vorstandschef Hakan Samuelsson in die Defensive. MAN müsse das Übernahmeangebot zurückziehen, hatte Pischetsrieder gleich zu Beginn des Duells Mitte September gefordert.
Das Scania-Management, ebenso wie VW und der andere Scania-Großaktionär, die schwedische Investor-Holding der Wallenberg-Gruppe, hatten die Offerte von Anfang an als feindlich eingestuft. Dem Druck aus Wolfsburg kommt MAN jetzt ein Stück entgegen. Am Freitag hat Samuelsson einen Brief an seinen Kontrahenten, Scania-Chef Leif Österling, geschickt und darin darum geworben, das Angebot fortan als freundlich zu betrachten. Ich denke, daß wir jetzt einen offenen Dialog brauchen, um eine für alle Seiten akzeptable Lösung zu finden, schrieb Samuelsson.
VW-Chef will neuen Lastwagenkonzern schaffen
Scania wies den Wunsch postwendend zurück. Wie schon bisher wurde auch dieser Versuch Samuelssons, direkten Kontakt mit Österling aufzunehmen, von Scania brüsk abgelehnt. Für den weiteren Fortgang muß dies freilich nicht viel bedeuten. Keine der drei Parteien zweifelt am industriellen Sinn einer Verbindung. Die Synergien zwischen den Truckherstellern werden als Vorteile genannt, ebenso die Möglichkeiten einer gemeinsamen Expansion auf den bisher schwach besetzten Märkten in Asien.
Alle wollen also zusammengehen. Die Frage ist nur: Wie? Zu welchen Bedingungen und unter welcher Führung? Pischetsrieders Strategie dabei ist relativ klar. Als maßgeblicher Eigner beider Lkw-Konzerne würde der VW-Chef am liebsten einen komplett neuen Lastwagenkonzern schaffen, gebildet aus der Nutzfahrzeugsparte von MAN, Scania sowie den eigenen Schwerlastern. Und unter maßgeblicher Wolfsburger Regie. So hat es sich Pischetsrieder vom VW-Aufsichtsrat absegnen lassen. Diese Bedingungen versucht er jetzt MAN zu diktieren - und stößt dabei noch auf erbitterten Widerstand.
Pischetsrieder wieder in der Offensive
Vieles ist MAN-Chef Samuelsson bereit, den potentiellen Partnern anzubieten: Garantien für Standorte, Posten im Management, wahrscheinlich auch einen höheren Preis. Nur eines ist aus seiner Sicht tabu: Die Zerschlagung des MAN-Konzerns. Genau darauf aber läuft Pischetsrieders Konzept hinaus. MAN würde aufgespalten in den Nutzfahrzeugteil, der bisher 60 Prozent des Konzernumsatzes ausmacht, und einen kleineren Rest; Dieselmotoren, Turbomaschinen und Dienstleistungen. Eine absolut unmögliche Option aus Sicht des MAN-Managements: weder ökonomisch sinnvoll noch im Interesse der MAN-Aktionäre. Dagegen stemmt sich Samuelsson mit aller Macht - auch wenn der VW-Chef im Moment die besseren Karten hat.
Zum ersten Mal nach der Hartz-Affäre, der wirtschaftlichen Flaute bei VW und dem häßlichen Gerangel um seine Vertragsverlängerung kommt Pischetsrieder durch den geschickten MAN-Einstieg wieder in die Offensive. Das bedeutet freilich nicht, daß in Wolfsburg plötzlich die Harmonie ausgebrochen wäre. Gelingt der Coup mit den Trucks, werden sicher mehrere Parteien die Urheberschaft für sich beanspruchen. Soviel Eitelkeit darf den VW-Großaktionären unterstellt werden, Porsche-Chef Wendelin Wiedeking ebenso wie Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff.
Entscheidung fällt in Salzburg
Und dann ist da noch Ferdinand Piëch. Der VW-Aufsichtsratschef kann mit Recht darauf verweisen, daß er seit je die Vision verfolgt hat vom Autokonzern, der vom Polo bis zum 40-Tonner alle Fahrzeuge produziert. Er war es auch, der damals als VW-Chef die Anteile an Scania gekauft hat. Die Entscheidung über einen neuen europäischen Truck-Champion fällt nicht in Stockholm, auch nicht in München oder Wolfsburg. Auffällig viele Manager fliegen derzeit nach Salzburg.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.10.2006, Nr. 40 / Seite 45
Bildmaterial: dpa/dpaweb, REUTERS
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