13. November 2006 Die Deutsche Telekom und ihr neuer Vorstandsvorsitzender René Obermann stehen mit ihren Problemen auf dem ehemals durch das Monopol geschützten Heimatmarkt nicht alleine da. Es ist zwar kein großer Trost, aber viele andere Telefonkonzerne in Europa leiden ebenfalls unter dem immer schärferen Wettbewerb auf ihren nationalen Märkten.
Zwar ist die Wettbewerbsstruktur in den einzelnen Ländern relativ unterschiedlich. Die Grundmuster des verschärften Wettbewerbs sind aber überall gleich: Die klassische Telefonie wird von der sehr viel preiswerteren Internettelefonie (VoIP) bedrängt und irgendwann ganz abgelöst werden. Die Wettbewerber des ehemaligen Monopolisten gewinnen zu seinen Lasten immer mehr Kunden. Entsprechende Umsatzeinbußen im Festnetzgeschäft sind die Folge. Für alle großen Konzerne der Branche in Europa bedeutet dies: Wachstum gibt es im Moment nur im Mobilfunk oder durch Akquisitionen im Ausland zu holen. Das alte Geschäftsmodell, mit Sprache im Festnetz viel Geld zu verdienen, stirbt.
Technische Rahmenbedingungen entscheidend
Entscheidend für die unterschiedliche Wettbewerbsstruktur in den einzelnen Ländern sind aber auch die technischen und regulatorischen Rahmenbedingungen. So machen zum Beispiel die Kabelnetzbetreiber in Großbritannien, den Niederlanden und Frankreich den dortigen Telefongesellschaften erheblich mehr Konkurrenz, als das bisher in Deutschland der Fall ist. Hier wurde das Kabelnetz erst sehr spät aus der Telekom herausgelöst und kommt daher mit Verspätung auf den technischen Stand, um auch Telefonie oder Internetangebote darüber laufen zu lassen.
Dafür hat sich in Deutschland die Anmietung der letzten Meile durch die Wettbewerber viel stärker durchgesetzt als in den Nachbarländern. Mehr als die Hälfte der europaweit rund 10 Millionen vermieteten Leitungen bis zum Haushalt des Kunden finden sich in Deutschland.
Besonders harter Wettbewerb im Festnetz
In Deutschland herrscht allerdings auch durch die Anbietervorwahl (Call by Call) ein besonders harter Wettbewerb im Festnetz, der die Telekom härter trifft als andere Exmonopolisten in Europa auf ihren Märkten. So liegt der Umsatzanteil der Telekom an den Sprachverbindungen in Deutschland jetzt nur noch zwischen 50 und 60 Prozent. Im Gegensatz dazu entfallen auf France Télécom oder Telefónica noch jeweils mehr als 70 Prozent des nationalen Festnetzumsatzes - der aber auch in diesen Ländern kontinuierlich zurückgeht.
In Großbritannien hingegen ist der Anteil von BT inzwischen auf weniger als 51 Prozent gesunken. Insgesamt sind die Analysten heute aber schon froh, wenn der Festnetzumsatz der großen Konzerne stabil bleibt - wie France Télécom es für das dritte Quartal 2006 melden konnte. Mit einem wachsenden Geschäft in diesem Segment rechnet niemand mehr.
Genereller Wandel steht bevor
Welcher Wandel im Festnetz generell bevorsteht, brachte vor kurzem der Chef der spanischen Telefónica, César Alierta, auf den Punkt. Er gab an, bisher betrage der Umsatzanteil der traditionellen Telefonie im spanischen Festnetz noch 55 Prozent. Bis zum Jahr 2009 solle er auf nur noch 15 Prozent sinken. Der Rest des Festnetzumsatzes werde aus Bündelangeboten für Breitbandanschlüsse und Datenübertragungen oder aus dem Fernsehen über DSL (IPTV) kommen, erwartet Alierta.
Am besten hat sich wohl die britische BT auf diesen Wandel vorbereitet. Der Wettbewerb in England ist nach Ansicht der dortigen Regulierungsbehörde inzwischen so gefestigt, daß sie BT, die ihr Netz in eine unabhängige Betreibergesellschaft eingebracht hat, vollständig aus der Regulierung der Endkundenpreise entlassen hat. Es zeigt sich: BT kann im Wettbewerb bestehen. Entsprechend hat sich der Aktienkurs des Unternehmens in den vergangenen zwölf Monaten deutlich besser entwickelt als der der Deutschen Telekom oder anderer Unternehmen der Branche.
In großem Stil Personal abbauen
Die ehemaligen Monopolisten teilen aber noch eine weitere Last. Die neue Technik des Internet-Protokolls (IP) macht die Herstellung von Sprachverbindungen erheblich einfacher, unkomplizierter und kostengünstiger. Es wird dafür lange nicht mehr soviel Personal gebraucht wie bisher.
Entsprechend ist die Telekom in Deutschland nicht das einzige Unternehmen, das in den kommenden Jahren in großem Stil Personal abbauen muß. Das Unternehmen will bis 2012 endgültig auf IP umstellen. Als am weitesten fortgeschritten in diesem Bereich gelten in Europa die BT und die niederländische KPN.
Text: jcw. / F.A.Z., 14.11.2006, Nr. 265 / Seite 14
Bildmaterial: AP
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