Von Konrad Mrusek
02. Mai 2008 Mit einer Mischung aus Hoffen und Bangen verfolgen die deutschen Bauern, wie die Preise für Agrarprodukte steigen. Einerseits freut man sich darüber, dass Getreide und andere Feldfrüchte nun mehr wert sind. Denn das erhöht nicht allein die Einkommen, sondern auch das gesellschaftliche Ansehen des Nährstandes. Doch weckt die Preisexplosion auch Ängste: Ist das etwa nur eine spekulative Blase, so fragt man sich, die von Finanzinvestoren aufgepustet wurde? Sinken die Preise bald wieder, wie es bei der Milch schon geschieht und sich beim Weizen abzeichnet? Viele Fachleute erwarten 2008 eine Rekordernte, die erstmals seit Jahren den Verbrauch decken könnte.
Viele Bauern misstrauen dem freien Markt - lange konnten sie sich auf staatliche Stützpreise verlassen. Die jetzigen Preissprünge haben daher für sie etwas Unheimliches. Das sieht man an der Empörung über die jetzige Preissenkung der Discounter für Milch. Vor einem Jahr, als Aldi die Butter schlagartig um 50 Prozent verteuerte, warf der Bauernverband dem Handel vor, er mache einen Reibach auf Kosten der Landwirte.
Der Milchmarkt könnte zum Menetekel werden
Nun spricht Bauern-Präsident Sonnleitner von frühkapitalistischen Methoden, weil der Preis wieder sinkt. Handelskonzerne haben tatsächlich eine große Marktmacht gegenüber den meist mittelständisch organisierten Molkereien. Doch dass die Preise wieder fallen, ist nicht Manchester-Kapitalismus, sondern simple Marktmechanik: Die Nachfrage der Konsumenten fiel wegen der höheren Preise für Milchprodukte, zugleich erhöhte sich das Angebot trotz der europäischen Milchquoten. Auf den Preis drückt ferner, dass die Exporte von Milchpulver schrumpften, weil der Euro sich gegenüber dem Dollar verteuerte.
Der Milchmarkt könnte zum Menetekel werden: Größere und häufigere Preisschwankungen wird es demnächst wohl bei allen Agrarrohstoffen geben. Dies wäre auch - historisch gesehen - nichts Ungewöhnliches. Im 19. Jahrhundert schwankten in Europa die Getreidepreise heftig. Das extreme Preishoch von 2007 ist vermutlich vorbei, doch nach einer Phase der Stagnation wird der mittelfristige Trend wieder nach oben zeigen, prophezeit der Agrarökonom Schmitz von der Universität Gießen. Dafür sorge nicht in erster Linie die Produktion von Biosprit, sondern vor allem die größere Nachfrage einer jährlich um 80 Millionen Menschen wachsenden Weltbevölkerung.
Auch die Bauern hat die emotionale Wucht überrascht
Die größten Nachfrageeffekte kommen aus Asien, weil dort aufgrund gestiegenen Wohlstands mehr Milch und Fleisch verzehrt werden. Tiermast verschlingt aber besonders viele agrarische Rohstoffe. Schon jetzt werden in Europa 58 Prozent des Getreides an Tiere verfüttert, nur 1,6 Prozent der Ernte gehen in die Ethanol-Produktion. Auch bei Biodiesel ist der Anteil noch überschaubar, der Preiseffekt also begrenzt: Acht Prozent der globalen Pflanzenöl-Produktion werden zu Biodiesel verarbeitet, wobei ein Teil davon als Rapsschrot wieder der Tierfütterung zugutekommt.
Auch die Bauern hat die emotionale Wucht überrascht, mit der die Debatte über Tank oder Teller geführt wird. Die Landwirte fühlen sich zu Unrecht an den Pranger gestellt, mit dem Anbau von Energiepflanzen den Hunger in der Welt zu verschlimmern. Wir waren doch schon immer auch Energiewirte, argumentiert ein Bauer aus Niedersachsen. Er verweist darauf, dass früher ein Drittel der Äcker Futtermittel für Zugtiere erzeugte. Heute werden in Deutschland auf etwa 15 Prozent der Flächen Energiepflanzen wie Raps oder Mais angebaut, aus denen Kraftstoffe oder Biogas werden.
Von der energetischen zur stofflichen Verwertung
Trotz des Imageverlustes der Agrotreibstoffe wollen sich die Bauern die Energie-Option nicht nehmen lassen, zu der ja auch die Produktion von Biogas in mittlerweile 3500 Anlagen gehört. Die Umwandlung von Mais in Biogas und die nachfolgende Gewinnung von Strom oder Wärme sind für die Landwirte noch wichtiger als Biosprit. Sie können auch darauf vertrauen, dass die Tarife für den Strom aus Biogas-Anlagen mit die höchsten in Europa bleiben werden, denn dahinter steht nicht allein Agrarminister Seehofer (CSU). Auch Wirtschaftsminister Glos (CSU) wird vor der Landtagswahl in Bayern nichts tun, was die Bauern-Verbände reizen könnte.
Die Energie-Option hat für die Bauern viele Vorteile, und zwar ganz unabhängig davon, in welchem Ausmaß deutsche Böden für Biomasse genutzt werden. Wenn man Pflanzen auch energetisch nutzen kann, entsteht eine Verknüpfung zwischen Agrar- und Ölmarkt, korrespondieren die Preise auf beiden Märkten miteinander. Das kann man sehr gut an der Entwicklung der Preise für Rohöl und Rapsöl erkennen. Seit Anfang 2007 stiegen hier beide Preise simultan, wobei sich Rapsöl derart verteuerte, dass Agrodiesel selbst mit dem Steuervorteil gegenüber fossilem Diesel nicht mehr konkurrenzfähig war. Für die Bauern wäre ein Moratorium bei Agrotreibstoffen kein großes Problem: Sie können wechseln von der energetischen zur stofflichen Verwertung, was sie bei Weizen oder Raps schon jetzt tun. Härter trifft es diejenigen, die die Raffinerien für Agrodiesel wie die Anlagen zur Ethanolerzeugung aufgebaut haben.
Landtechnik ist in Deutschland seit Jahren eine Boombranche
Die höheren und labilen Preise für Agrarprodukte verlangen von den Bauern nicht nur mehr marktwirtschaftliches Gespür, sie müssen sich jetzt auch in der Produktion umstellen. Bisher wurden sie mit Stilllegungsprämien dafür bezahlt, dass sie weniger produzieren. Nun müssen sie die Produktion ausweiten, mehr Boden unter den Pflug nehmen. Im Gegensatz zur Dritten Welt haben sie meist das nötige Kapital, weil die letzte Ernte gewinnträchtig war. Landtechnik ist in Deutschland seit Jahren eine Boombranche. Doch die Produktivitätsreserven sind hierzulande viel kleiner als in Entwicklungsländern; eine zweite grüne Revolution, wie sie vielfach gefordert wird, ist in Deutschland kaum zu erwarten.
1950 ernährte ein Landwirt zehn Personen, im Jahre 2005 waren es bereits 132. Die Produktivität ist so hoch, dass 2,2 Prozent der Erwerbstätigen, die noch in der Landwirtschaft beschäftigt sind, die agrarische Selbstversorgung Deutschlands sicherstellen. Bei Weizen erzeugen die Bauern sogar Überschüsse, ebenso bei Kartoffeln oder Fleisch. Insofern relativiert sich Seehofers Argument, dass Deutschland mit einer Streichung von Subventionen im Agrarbereich ähnlich importabhängig werden könnte wie im Energiesektor. Diese Gefahr gibt es nicht. Wenn die Preise steigen, dürfte der Selbstversorgungsgrad noch höher werden, falls nicht der Agrarhandel weiter liberalisiert wird. Niedrigere Zölle und geringere Subventionen könnten die Bauern gerade jetzt verkraften.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Jan Roeder
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