Internet

Zu viel Geld für das Web 2.0

Von Patrick Bernau

Web 2.0: Die Gründer fehlen

Web 2.0: Die Gründer fehlen

25. April 2007 Es klang wie eine Stellenanzeige, die der Internet-Finanzier Jens Kunath in seinem Weblog veröffentlichte. Aber er suchte keinen Angestellten, sondern einen Unternehmer: „Ich bin seit drei Monaten auf der Suche nach Gründern, die unternehmerische Fähigkeiten haben. Bisher habe ich nur wenige kennengelernt“, schrieb er. „Also, ihr genialen Gründer da draußen: Meldet euch bei mir.“ Einen siebenstelligen Betrag habe er zu vergeben, sagt Kunath. Und falls es an der zündenden Idee mangele: „Auch diese könnte ich liefern.“

Für junge Internet-Firmen steht massenhaft Geld zur Verfügung. Denn der Hype um das „Web 2.0“ zieht Investoren an. Nicht nur Kunath kommt mit frischem Kapital auf den Markt, auch die Fernseh-Unternehmerin Christiane zu Salm hat einen Fonds gegründet und will bis zu 100 Millionen Euro verteilen - das ist knapp die Hälfte des Betrages, der im ganzen Jahr 2006 in Deutschland in die Gründung von High-Tech-Firmen floss. Sogar der Staubsaugerhersteller Vorwerk will dabeisein und sucht nach „neuen Modellen für den Direktvertrieb“: nicht nur über das Internet, aber auch dort.

Im „Web 2.0“ machen die Nutzer viel Arbeit selbst

Blog-Leserin in einem Internet-Café in Changzi, Nordchina

Blog-Leserin in einem Internet-Café in Changzi, Nordchina

Die neuen Investoren gehen oft mit denselben Erwartungen an den Start wie andere vor einigen Monaten: „Viele Gründer haben Erfahrungen aus dem ersten New-Economy-Hype und wissen jetzt, wie es besser geht“, sagt Dirk Meurer bei Vorwerk. Und Finanzier Jens Kunath betont: „Mit 50.000 oder 100.000 Euro lässt sich viel erreichen.“

In der Tat: Neue Internetfirmen kosten heute weniger als noch im Jahr 1999. Erstens ist die Technik billiger geworden, zweitens erledigen im interaktiven „Web 2.0“ die Nutzer viel von der Arbeit, die die Websites attraktiv macht. Drittens sind die Bezahlsysteme besser geworden, und Online-Werbung wächst. Darum lässt sich schneller Geld verdienen.

Entscheidend für den Erfolg seien die Gründer, sagen erfahrene Investoren. Ein mittelmäßiger Unternehmer könne auch eine gute Idee vor die Wand fahren, aber ein guter Gründer könne aus einer mittelmäßigen Idee einen Erfolg machen. Doch geeignete Leute werden langsam knapp - nicht nur bei den neuen Investoren, sondern auch bei den bekannten und gut vernetzten Business Angels der zweiten Internet-Welle.

Gründer haben erste Web-Welle nicht miterlebt

„Gute Leute sind ein Engpass“, sagt Martin Weber, Chef der Beteiligungssparte beim Holtzbrinck-Verlag. Und beim Investoren-Netzwerk „Brains to Ventures“, das im Herbst OpenBC an die Börse gebracht hat, sagt Partner Jan Bomholt: „Wir könnten 50 bis 100 Millionen Euro pro Jahr investieren. In der Praxis sind wir bei 20 Millionen.“

Nun glaubt natürlich jeder Investor von sich, dass er trotz des Gründermangels nur gute Firmen anschiebt. „Wir bekannten Business Angels bekommen mehr interessante Anfragen, als wir bearbeiten können, wir picken uns dann die besten Sachen heraus“, sagt beispielsweise der Spreadshirt-Gründer Lukasz Gadowski, der mit seinem Geld und Wissen schon einige junge Firmen unterstützt hat. Die alten Hasen glauben derzeit, die Situation sei nur für die neuen Investoren kritisch.

Selbst gute Gründer seien oft so jung, dass sie die erste Web-Welle nicht mehr aus eigener Erfahrung kennen. Also müssten die Investoren die Erfahrung liefern - viele Neue hätten die nicht, zum Beispiel Risikokapital-Fonds und Beteiligungs-Töchter von Unternehmen. Außerdem hätten die neuen Leute kaum Kontakte in der Branche und zu guten Gründern. Sie müssten aber ihre Existenz rechtfertigen und kauften deshalb möglicherweise überteuert ein.

In vielen Köpfen dieselben Ideen

Doch damit verderben die neuen Investoren auch den alten die Preise. „Es ist nicht zu bezweifeln, dass die Bewertungen gestiegen sind“, sagt Frank Böhnke beim Risikokapital-Geber Wellington. Sein Kollege Martin Weber von Holtzbrinck hat ebenfalls gemerkt: „Die Gründer sind besser beraten und selbstbewusster.“

Gleichzeitig steigt das Risiko bei den einzelnen Gründungen. Zwar glauben viele Investoren, dass sie noch ein paar gute Geschäftsideen im Kopf haben - doch wahrscheinlich schwirren in vielen Köpfen dieselben Ideen. Zumindest deutet darauf die Gründungsgeschichte der vergangenen Wochen hin. Ende März starteten fast gleichzeitig vier Plattformen, die Privatkredite vermitteln.

Nur ein Unternehmen an der Börse

Doch die Erfahrung aus der ersten Web-Welle hat gezeigt, dass sich im Internet meist nur eine oder zwei Firmen pro Geschäftsmodell durchsetzen. Und so steigt mit der Konkurrenz das Risiko des Scheiterns, während die Gründungen für die Kapitalgeber immer teurer werden.

Wenigstens trifft es dieses Mal nur die professionellen Investoren, wenn die Firmen scheitern, und nicht die Privataktionäre. An der Börse ist bisher nämlich nur ein Unternehmen, und das verdient heute schon Geld: die Geschäftskontakte-Börse OpenBC.

Geklaute Ideen

Zeitvertreib: Nur eine Woche Zeit nahmen sich die Gründer von www.wamadu.de, um die amerikanische Seite „Twitter“ nachzubauen: Darauf teilen sich Surfer mit, was sie gerade tun. Noch während die Wamadu-Gründer am Programmieren waren, erfuhren sie von zwei deutschen Konkurrenten.

Kreditvermittlung: Kredite von Privatleuten an Privatleute - mit dieser Idee gingen im März gleich vier Firmen in Deutschland an den Start. Verbraucherschützer raten davon ab, auch nur eine dieser vier zu nutzen.

Linklisten: Es fing mal ganz gut an mit diesen Seiten: Internet-Surfer legen ihre liebsten Links gemeinsam auf einer Seite ab. So entsteht nebenbei ein Adressverzeichnis, mit dem sich gute Websites zu bestimmten Themen finden lassen - oder eine Seite mit aktuellen Nachrichten, die bei den Nutzern beliebt sind. Inzwischen gibt es auch davon in Deutschland mindestens sechs Seiten.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.04.2007, Nr. 16 / Seite 41
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa, REUTERS

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