Finanzmarkt

Eine Krise der Profis

Von Gerald Braunberger

24. März 2008 Die großen Spekulationen folgen üblicherweise einem Muster: Billiges Geld und eine (scheinbar) überzeugende Anlageidee wecken die grenzenlose Gier der Menschen. In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts spekulierte halb Holland mit Tulpenzwiebeln, deren Preise astronomische Höhen erreichten. Dem New Yorker Börsenkrach des Jahres 1929 gingen wirtschaftliche gute Jahre in den Vereinigten Staaten voraus, in denen innovative Unternehmen Scharen von Aktionären anlockten. In den Hochzeiten der Technologie-Hausse vor knapp zehn Jahren kauften Aktionäre besessen Papiere auch hochdefizitärer Unternehmen, sofern diese Unternehmen nur irgendetwas mit der „new economy“ zu tun hatten.

Die aktuelle Krise folgt diesem Muster, aber sie besitzt auch Eigentümlichkeiten. Wieder war das Geld billig in den vergangenen Jahren, und wieder gab es eine verlockend aussehende Anlageidee: Die Verbriefung von Forderungen in handelbare Wertpapiere, die Großanlegern attraktivere Renditen zu versprechen schienen als biedere Staatsanleihen.

Krise unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Zu den Besonderheiten dieser Krise zählt, dass sie weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet und bislang weitgehend innerhalb eines immer noch recht intransparenten Finanzsystems bleibt. Die aktuelle Krise ist nicht von einer Massenspekulation begleitet. Der Dax hat zwar gegenüber seinem Allzeithoch vom Sommer 2007 rund 20 Prozent eingebüßt, von einem Crash kann aber keine Rede sein, da der Dax eigentlich nur abgegeben hat, was er in der ersten Jahreshälfte 2007 gewonnen hatte. Außerdem haben sich viele Privatanleger nach dem Kurseinbruch zu Beginn des Jahrzehnts vom Aktienmarkt zurückgezogen.

Nein, die aktuelle Krise ist eine Krise der Profis. Sie findet an Märkten statt, die dem Privatanleger verschlossen bleiben: an Geld- und Kreditmärkten für Finanzunternehmen, wo Notenbanken bei Bedarf Hunderte von Milliarden Dollar zusätzlich zur Verfügung stellen und wo hochkomplizierte Produkte mit mysteriösen Namen („Credit Default Swaps“ zum Beispiel) gehandelt werden. Die Geschäfte an diesen Märkten sind so umfangreich geworden, dass sie eine Bank Milliarden kosten können, wenn es schiefgeht.

Käufer streiken an einigen Märkten

Das Gefühl der Bedrohung, das diese Krise begleitet, erklärt sich aber nicht nur mit den hohen Beträgen und manchmal schwer durchschaubaren Geschäften. Sie erklärt sich auch durch die Anonymität vieler Marktteilnehmer. Die Namen der großen Banken sind bekannt, aber eine wesentliche Rolle spielen daneben Hedge-Fonds, von denen die Öffentlichkeit niemals etwas gehört hat und die keinerlei Pflicht zur Information unterliegen. Ihr Einfluss auf die Preisbildung ist an manchen Märkten beachtlich. So spricht vieles dafür, dass die Hausse am Goldmarkt in den vergangenen Wochen wesentlich von Fonds am Leben gehalten wurde, die in Ermangelung anderer Anlageideen auf höhere Preise setzten und von denen nun einige ihre überwiegend mit Krediten finanzierten Positionen liquidieren müssen.

Dies entspricht einem seit Wochen verbreiteten Muster: Hedge-Fonds haben mit sehr hohen Bankkrediten Anlagen (nicht nur am Goldmarkt, sondern an vielen Märkten) erworben. Die Banken befinden sich jedoch in einer Vertrauenskrise und fürchten, sie könnten den Fonds zu hohe Kredite vergeben haben, und wollen ihr Geld zurück. Um ihre Kredite zurückzuzahlen, müssen die Fonds ihre mit den Krediten erworbenen Anlagen verkaufen. Daher fallen die Preise für Gold, Aktien und spezialisierte Wertpapiere, die nur zwischen Finanzunternehmen gehandelt werden. An einzelnen Märkten findet sogar kein regelmäßiger Handel mehr statt, weil die Käufer streiken.

Neue Forschungsergebnisse zeigen: Anleger sollten Ruhe bewahren

Für den Privatanleger wirft diese Krise eine ebenso naheliegende wie schwierige Frage auf: Was tun? Denn die Krise ist nicht an spezialisierten Märkten für Finanzunternehmen geblieben, sondern hat den Privatanleger längst erreicht. Die Aktienkurse sind gesunken, damit auch die Preise für viele Fonds und Zertifikate. In Europa sind die Zinssätze für kurzfristige Anlagen am Geldmarkt recht hoch, dafür sind die Renditen für langfristige Staatsanleihen deutlich gesunken. Wer im Ausland investieren will, muss zudem die Wechselkurse beachten: Der Dollar ist schwach, der Euro stark.

Die moderne Finanzmarktforschung hat für Privatanleger eine klare, wenn auch vielleicht nicht willkommene Botschaft parat: Man sollte in Krisenzeiten gar nichts tun, sondern einfach die Ruhe bewahren. Das widerspricht natürlich der Stimmung vieler Anleger: Sie sehen die Aktienkurse fallen und fragen sich, ob sie vorhandene Aktien nicht noch schnell verkaufen sollen, oder ob sie umgekehrt vielleicht die Kursverluste nutzen sollen, um Aktien (möglicherweise) billig zu erwerben.

Brauchbare Prognosen sind völlig unmöglich

In der aktuellen Situation stützt sich der wissenschaftlich fundierte Rat, gar nichts zu tun, auf eine simple Erkenntnis: Brauchbare Prognosen sind völlig unmöglich. Der Dax kann noch 2000 oder 3000 Punkte fallen; es kann aber auch sein, dass er sich auf dem aktuellen Niveau stabilisiert und sich anschließend wieder erholt. Es existieren keine seriösen Verfahren, diesen Ereignissen zuverlässige Eintrittswahrscheinlichkeiten zuzuordnen.

Die Erfahrungen der Vergangenheit zeigen, dass Finanzkrisen nicht zwingend schwere Erschütterungen der Güterwirtschaft zur Folge haben müssen. Der Börsenkrach von 1929 stand zwar am Beginn einer Weltwirtschaftskrise, doch haben Untersuchungen gezeigt, dass damals die amerikanische Notenbank den Geldhahn nicht ausreichend geöffnet hatte. Wie die aktuelle Krise endet, ist unvorhersehbar.



Text: F.A.Z., 22.03.2008, Nr. 69 / Seite 14
Bildmaterial: AFP

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