Von Anne Schneppen, Nagakute
29. März 2005 Im Tokio der Zukunft baut der geniale Wissenschaftler Professor Tenma den stärksten Roboter aller Zeiten nach dem Vorbild seines verstorbenen Sohnes Tobio. Mit menschlichen Gefühlen und Verstand, 100.000 Pferdestärken und unzähligen technischen Wunderwaffen ausgerüstet, kämpft Astro Boy fortan gegen mächtige böse Roboter.
Die Geschichte von Tetsuwan Atomu, im Rest der Welt bekannt als Astro Boy, ist mehr als 50 Jahre alt. Ganze Generationen hat die atomgetriebene Figur des Manga-Zeichners Osamu Tezuka in Japan in ihrem Bann gehalten, und die Ingenieure, die in den Entwicklungsabteilungen von Toyota, Honda und Mitsubishi am perfekten Kunstmenschen tüfteln, sind vermutlich alle von ihr inspiriert. Astro Boy hatte einen enormen Einfluß auf unsere Konzeption von Robotern, sagt auch Sony-Manager Toshi Doi. Vor fünf Jahren träumte er noch auf einer Mini-Messe von neuen Gefährten für den Menschen, zwar ohne Herz, aber mit ferngesteuertem Hirn. Auf der Weltausstellung 2005 in Aichi mischen sich die Androiden nun wie selbstverständlich unter Menschen, ein Experiment mit mehr als 100 Robotern und erwarteten 15 Millionen Besuchern, sechs Monate lang. Noch nie war die Fiktion Astro Boy der Realität so nah.
Von Zweibeiner zu Zweibeiner
Nachdem Astro Boy nach Amerika entführt worden ist, wird er gezwungen, in einem Roboterzirkus aufzutreten. Kathy, seine Trainerin, gibt ihm auch seinen Namen. Professor Ochanomizu entdeckt Astro in dem Zirkus und will ihn befreien.
Vor Toyotas Pavillon wartet in Aichi die größte Menschentraube. Nicht wegen der Autos. Sechs Maschinen machen Musik, live, virtuos, ihre künstlichen Lippen beherrschen Horn und Trompete, die Trommeln vibrieren unter ihren rhythmischen Schlägen. Ein Rapper verrenkt seine Glieder im Takt. Die Automaten unterhalten ihre Schöpfer und deren Publikum. Toyotas Kunstmenschen sehen nicht wirklich lebendig aus, eher wie überdimensionierte Playmobilfiguren auf Weltraumexpedition. Grobgliedrige Genossen in einer Hülle aus weißem Plastik mit toten Mandelaugen, die ins Leere starren. Die Menge ist dennoch fasziniert. Fast die Hälfte der weltweit rund 800.000 Industrieroboter steht in Japan, viele davon schraubend und schweißend an den Fließbändern von Toyota. Doch die intelligenten Maschinen arbeiten längst auch jenseits der schweißtreibenden Produktion, sind Image- und Sympathieträger, von Zweibeiner zu Zweibeiner, von Maschine zu Mensch.
Süß!
Astro Boy hat den geheimen Auftrag, gestohlene Pläne wiederzubeschaffen. In einer schwer bewachten Festung liegen sie im Tresor tief unten im Keller. Mit Hilfe des Robotermädchens Niki schafft es Astro, in die Festung zu kommen. Doch welches Geheimnis verbirgt das Robotermädchen?
Die Mischung aus High-Tech und niedlichem Spielzeug gefällt. Kawaii! - Süß!, ist das größte Kompliment, nicht nur für Welpen und Babys, auch für Roboter. Großer Kopf, kleiner Mund, runde Augen, das klassische Kindchenschema. Toyota wetteifert dem Konkurrenten Honda nach, der Asimo konstruierte, einen Zweibeiner mit Batterierucksack, der schon einmal den Börsenhandel in der Wall Street eröffnete und mit Ministerpräsident Junichiro Koizumi in ferne Länder auf Staatsbesuch durfte. Asimo ist populär und knapp - einige Honda-Händler haben sich schon mit simplen aufblasbaren Imitaten beholfen, um technikverliebte Kundschaft in ihre Autohäuser zu locken. Auf der Expo in Aichi taucht Asimo allerdings wieder leibhaftig auf. Die neueste Version ist noch menschlicher geworden, vermag mit - für Maschinen vollkommen unnützen - Leibesübungen aufzufallen. Der Reiz liegt in der technischen Raffinesse: Für einen Sekundenbruchteil verliert der joggende Roboter die Bodenhaftung, aber nicht das Gleichgewicht. Schöne neue Welt.
Der Roboter als Freund in einer einsamen Welt
Die Vorbereitungen für eine Mars-Expedition sind in vollem Gange. Astro Boy erfährt kurz vor dem Start, daß er als Kapitän die gefährliche Mission leiten soll. An Bord des Raumschiffs kommt es zu Auseinandersetzungen mit einem Leutnant. Auf dem Mars werden sie von Aliens angegriffen.
Auf nach Aichi. Dort können Roboter nicht nur Joggen oder Jammen, sondern auch in vergangene, vermeintlich gefährliche Welten entführen. Tyrannosaurus Rex und Parasaurolophus sind zahme Konstruktionen moderner Kybernetik, die von Steven Spielberg wahrscheinlich nicht engagiert würden. Lebendiger als die eisgekühlten Überreste des 18000 Jahre alten Mammut, an dem die Schaulustigen der Weltausstellung in Scharen vorbeiziehen, wirken die Roboterechsen aber allemal. Seit Godzilla hat Japan ohnehin ein Faible für ungelenke Monster in Gummihäuten. Der ideale Roboter aber ist lieb - und vor allem nützlich. Die einst auf der Messe Robodex vorgestellten Staubsauger von Sanyo, die, losgelassen auf ein Wohnzimmer, sensorgesteuert alle Krümel beseitigen, sind Oldtimer gegen die Putzkolonnen der Subaru Robo Haita RS1 und SuiPPi, die über Nacht die Wege der Expo von Unrat befreien. Der intelligente Rollstuhl TAO Aicle oder der menschentragende i-foot schützen und helfen den Gebrechlichen. Wakamaru heißt der gelbe Geselle von Mitsubishi Heavy Industries, der, glaubt man seinen Erfindern, ein Unterhaltungskünstler ist, menschliche Sprache versteht und Konversation führt. Im Mitsubishi-Pavillon vertreibt er den Wartenden die Zeit, parliert mit piepsender Stimme mal auf Japanisch, mal auf Englisch, eilt wild gestikulierend auf der Bühne hin und her. Hondas Asimo, der künftig einmal einfache Büroarbeiten verrichten soll, hat sich schon als Rezeptionist und Führer durch ein Tokioter Technikmuseum bewährt. In einem Altersheim vor Osaka erinnert ein Roboter an die tägliche Ration Tabletten. Die Evolution der Maschinen ist programmiert auf fürsorgliche Partnerschaft. Der Roboter als Freund in einer einsamen Welt, in der die Alten immer älter werden und immer weniger Kinder nachwachsen. Die Bevölkerung schrumpft, die Familie der Blechbüchsen expandiert. Hollywood kennt das schon: Neu aus der Animations- und Filmfabrik kommt Robots, zuvor fand I, Robot sein eigenes Ich, Klassiker sind schon Terminator eins, zwei, drei.
Die elektronische Mary Poppins
Astro Boy ist entsetzt. Das Ungeheuer aus dem Weltraum hat ein Atomkraftwerk zum Schmelzen gebracht. Die Strahlung setzte seine Roboterfreundin Niki vorübergehend außer Betrieb. Soll Astro dem Ungeheuer den Garaus machen, die Verfolgung aufnehmen oder sich um Niki kümmern?
Auf der Roboter Station in Aichi - Werbeslogan: Wo Menschen und Roboter in Harmonie zusammenleben - wird sogar die Maschine Mutter erprobt. Es gelten streng japanische Sitten: Wer zum Babysitter PaPeRo will, muß die Schuhe ausziehen und sich artig auf den Boden knien. Nach den Visionen des Elektronikgiganten NEC ist der nimmermüde, singende PaPeRo die perfekte Nanny, eine elektronische Mary Poppins, die sogar unter der Bettdecke mit den Kleinen kuschelt. Die Mama kann von der Kneipe aus das Befinden ihres Nachwuchses abfragen, nimmt mit dem Handy Kontakt zu PaPeRo auf. Schreckliche neue Welt? Nicht für den freundlichen NEC-Angestellten, der unbefangen noch viel weiter träumt: Nach der Integration in die Familie ist auch der Einsatz im Kindergarten eine Option. Doch die Wirklichkeit sieht noch anders aus: PaPeRo muß von seinen Helfern mehr verhätschelt werden als seine Schützlinge. Die Sensoren, die auf Berührung reagieren sollen, brauchen Nachdruck. Erst auf kräftiges Reiben am Nacken wendet die kleine Tonne ihren Kopf. Und wer ihr das versprochene japanische Kinderlied entlocken will, muß das Zauberwort kennen - bitte laut und deutlich ins Mikrophon sprechen. Bis dahin haben die meisten Kinder schon Reißaus genommen.
Das spielerische Element des Unbeseelten
Zusammen mit Professor Ochanomizu kehrt Astro Boy wieder nach Japan zurück. Er kommt in die Schulklasse von Sensei Higeoyaji, einem guten Freund des Professors. Auf einem Freizeitparkgelände testen die Schüler ihre Leistungskraft. Sensei Higeoyaji ist optimistisch, aber noch nicht überzeugt.
Die Zukunft steckt nicht nur in der Nano- oder Biotechnologie, Japan fördert auch gezielt die Robotik. Dazu wurde die New Energy and Industrial Technology Development Organization (Nedo) gegründet, die dem mächtigen Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie (Meti) angegliedert ist. Die Entwicklungshilfe für die Roboternation soll bis zum Jahr 2010 einen Markt für Putz-, Sicherheits- und Babysitterroboter schaffen. Noch stecken die Roboter in den Kinderschuhen. Doch nach den Schätzungen des Ministeriums könnte der Markt für Fürsorgeroboter - in Alters- und Pflegeheimen sowie der Sicherheitsbranche - bis zum Jahr 2025 rund 6,2 Billionen Yen (umgerechnet 45 Milliarden Euro) wert sein. Bislang wird damit kaum Geld verdient. Für Kenner im Metier gibt es da aber noch ein anderes Problem: Die Technologie ist vorangekommen. Doch dem Markt fehlt die Einsicht, was die Verbraucher wirklich von Robotern erwarten. Deshalb sind in Aichi die Besucher Teil des Experiments, werden nach ihren Begegnungen der dritten Art befragt und analysiert. Der Roboter, der bislang am besten lief, ist ein Spielzeug von Sony, Aibo. Das ist der kleine Hund, der aufs Gassigehen verzichten kann. Das spielerische Element des Unbeseelten hat in Japan schon im 18.Jahrhundert amüsiert. Damals waren es aufziehbare Puppen aus Zypressenholz, die, angetrieben von einer Springfeder, eine Tasse Tee servierten.
Die Nation der Roboter
Hier kommt Astro Boy - schneller als das Licht. Hier kommt Astro Boy - die Schurken siegen nicht. Hier kommt Astro Boy - heut' fliegt er nur für dich.
Der erste Comic von Astro Boy kam im April 1951 in Japan heraus, gefolgt von unzähligen Animationsfilmen und jüngst auch Computerspielen. Seinen Platz in der Geschichte der Robotik hat Astro Boy schon heute, auch auf der Expo, wo sich 122 Länder präsentieren - die Nation der Roboter ist in Aichi die hundertdreiundzwanzigste.
Text: F.A.Z., 29.03.2005, Nr. 72 / Seite 9
Bildmaterial: AFP, AP, dpa/dpaweb, picture-alliance / dpa/dpaweb