14. März 2007 Investor Oliver Samwer erzählt im Interview über die Blüte des Web 2.0, über junge Millionäre und warum sich das Desaster der New Economy nicht wiederholen wird.
Herr Samwer, Sie sind gemeinsam mit Ihren beiden Brüdern an mindestens 15 jungen Internetfirmen beteiligt. Woher haben Sie das Geld?
Wir haben 1999 die Auktionsseite Alando gegründet, die Ebay gekauft und daraus seine Deutschland-Tochter gemacht hat. Später haben wir Jamba gegründet, eine Firma, die Unterhaltung auf dem Handy anbietet, zum Beispiel Klingeltöne und Spiele. Auch sie haben wir verkauft. Jetzt helfen wir anderen Gründern. Nicht nur mit Geld, sondern vor allem auch, indem wir sie beim Aufbau ihres Unternehmens beraten. Darauf kommt es nämlich am meisten an.
Beraten Sie mich: Wie werde ich im Web 2.0 reich?
Das ist die falsche Frage. Erst mal müssen Sie klären: Wollen Sie Unternehmer werden? Sind Sie bereit, erst mal kein Geld zu verdienen und sich um alles selbst zu kümmern? Und worauf haben Sie am meisten Lust? Ist es wirklich das Internet oder vielleicht doch eine eigene Fluggesellschaft?
Ich will eine Internetfirma gründen. Mit welcher Geschäftsidee habe ich da die größten Chancen?
Meine Brüder und ich glauben, dass bei Online-Spielen viel passieren wird. Denn die Kunden sind bereit, dafür zu zahlen. Man könnte auch mit Werbung Geld verdienen, aber das ist schwieriger: Dafür braucht man eine sehr klare Zielgruppe. Wir glauben auch weiter an Netzwerkseiten . . .
. . . obwohl es davon schon Hunderte gibt?
Es bringt nichts, noch ein neues Netzwerk für Studenten wie das StudiVZ aufzubauen. Wir glauben an Netzwerke in Nischen, zum Beispiel für Privatinvestoren: Da zeigt man sein Depot öffentlich, auf anonymer Basis. Andere Leute können hineinschauen und sich an den besten Depots orientieren.
Wenn ich so eine gute Geschäftsidee habe, wie komme ich an Geld aus Ihrem Gründerfonds?
Per E-Mail, da muss gar keine große Powerpoint-Präsentation rein. Wir sind nicht so businessplanorientiert. Aber wir nehmen die Leute nur, wenn wir glauben, dass sie auf Dauer im Internet bleiben - auch wenn das wieder aus der Mode ist.
Aber ich will aussteigen, bevor die Blase platzt.
Wir sind nicht in einer Blase, sondern in einer aggressiven Wachstumsphase. Das ist anders als 1999/2000: Damals war es beliebter, ein Internet-Start-up zu gründen, als ins Investmentbanking zu gehen. Die Leute, die heute Web 2.0 machen, wollen primär ein Internetunternehmen gründen.
Das hilft nichts, wenn das Internet aus der Mode ist und meine Firma nur noch Verluste schreibt.
Meine Brüder und ich investieren nur in Gründungen, die auch noch in zwei oder drei Jahren leben, wenn das Internet wieder schlechter bewertet wird. Und wir wollen mit möglichst wenig Geld auskommen. Dann muss nicht jede Firma für 250 Millionen verkauft werden. Sondern sie bringt uns auch Geld, wenn sie nur fünf Millionen wert ist. Und der Gründer wird trotzdem Millionär - so, wie Sie sich das wünschen.
Wie viele von den Firmen, an denen Sie beteiligt sind, gibt es in fünf Jahren noch?
Wir werden 95 Prozent unserer Firmen erfolgreich verkaufen oder an die Börse bringen. Das geht so: Wenn ein Geschäftsmodell schlecht läuft, dann schauen wir uns rechtzeitig nach anderen Geschäftsmodellen oder nach einem anderen Fokus für das Unternehmen um. Dieses Prinzip funktioniert aber nur, wenn wir bei den Start-ups früh genug dabei sind. So früh, dass wir mit am Geschäftsmodell feilen können.
Schauen wir nicht auf Ihre Einnahmen aus dem Verkauf, sondern auf die Unternehmen. Wie viele davon gibt es in fünf Jahren noch?
Das hängt davon ab, wie sie nach dem Verkauf gemanagt werden. Wichtig ist, dass der Käufer den Gründern ihre Freiheit lässt. Er darf nicht versuchen, sie in alle seine Reglementierungen und Reporting-Strukturen einzubauen. Dann glaube ich, dass 80 bis 90 Prozent der Firmen erfolgreich werden. Das Studenten-Netzwerk StudiVZ zum Beispiel, das wir gerade verkauft haben, wird es auch noch in fünf Jahren geben.
StudiVZ ist die Kopie eines amerikanischen Vorbilds. Warum hat Deutschland keine eigenen Ideen?
Amerika hat einen Riesenvorsprung. Aber Deutschland hat seit 1999 den größeren Schritt gemacht. Ursprünglich sind wir gegenüber dem Erfolgskonzept des Silicon Valley 20 Jahre hinterher gewesen. Jetzt haben wir fünf oder zehn Jahre aufgeholt.
Wie kommen Sie darauf?
1999 haben Gründer das erste Geld von Zahnärzten oder Rechtsanwälten bekommen, das zweite von Risikokapitalgebern. Aber von den Risikokapitalleuten haben nur 20 Prozent eine eigene Firma gegründet und nur zwei Prozent ein Internet-Unternehmen. Die können Gründern nicht sagen, wie man eine Website so baut, dass sie bei Google gut gefunden wird. Jetzt aber gibt es genügend Internetunternehmer, die ihr eigenes Geld investieren und Gründern mit ihrem Wissen helfen können.
Da mögen die Business Angels noch so gut sein - das hilft auch nichts, wenn es keine Gründer mit Ideen gibt.
Es gibt auch in Deutschland gute Ideen. Ein Beispiel dafür ist Bigpoint. Diese Firma bietet Computerspiele im Internet an, die der Nutzer nicht herunterladen muss, und sie sind damit die Erfolgreichsten weltweit. Die Firma geht jetzt nach England, Frankreich, Spanien und auch nach Amerika. Das wird ein klarer Kandidat für einen Börsengang. Und es gab auch schon einen Börsengang: OpenBC. Die Firma betreibt die Website Xing, auf der sich Geschäftsleute im Internet treffen.
An dieser Firma waren Sie nicht beteiligt. Haben Sie OpenBC unterschätzt, oder wollten die Ihr Geld nicht?
Als wir noch bei Jamba waren, haben wir uns nicht so sehr dafür interessiert. Und später haben wir uns direkt für den größten Konkurrenten von OpenBC entschieden, LinkedIn aus den Vereinigten Staaten, weil wir das internationale Netzwerk gesucht haben.
OpenBC kann gut nachziehen, nach dem Börsengang haben sie viel Geld für die Internationalisierung.
LinkedIn ist trotzdem globaler. Wenn wir mit Chinesen über Netzwerke sprechen, beziehen die sich immer auf LinkedIn. Das ist global bekannter und hat heute schon mehr Nutzer.
Also sind wieder die Amerikaner vorne.
Man holt das Silicon Valley nicht in fünf Jahren ein. Man braucht Investoren, mit denen man Ideen diskutieren kann. Auch die Lehrstühle für Unternehmertum sind in Deutschland erst um 1999 gegründet worden. Aber man sieht dort schon die Qualität der zukünftigen Gründer. Geben Sie uns noch mal fünf bis zehn Jahre, dann sind wir in einigen Bereichen vorne, zum Beispiel bei Online-Spielen.
In der ersten Internetwelle haben amerikanische Start-ups die deutschen aufgekauft. Wird das in der zweiten wieder so sein?
1999 hatten wir nur amerikanische Käufer: Yahoo, Amazon, Ebay - alle wollten unsere Auktionsseite Alando haben. Heute ist das anders. StudiVZ wurde an den Holtzbrinck-Verlag verkauft. Die großen deutschen Medienkonzerne sind in der ersten Welle des Internets zu spät gekommen, jetzt sind einige viel aktiver.
Und jetzt haben Sie Angst, dass es Ihnen noch mal so geht? Holtzbrinck hat mehr als 50 Millionen für das StudiVZ gezahlt, das ist ein großes Risiko.
Ich glaube, der Punkt ist ein anderer: Die beiden aktivsten Medienkonzerne, Burda und Holtzbrinck, die gehören selbständigen Unternehmern. Die agieren sehr schnell und gehen ein höheres Risiko ein, wenn sie einen neuen Markt sehen. Die gehen früher in den Markt, und das ist genau richtig.
Warum gründen Sie nicht selber wieder eine Firma? Sind Ihnen die Ideen ausgegangen, oder ist Ihnen das Risiko im Web 2.0 zu groß?
Weder - noch. Wir haben ja schon zwei Firmen aufgebaut, jetzt wollen wir unser Knowhow über mehrere Firmen strecken. Es kann sein, dass wir in fünf Jahren wieder selber gründen. Wir haben ja auch eigene Ideen. Kürzlich kam ein Gründer zu uns mit einem Vorschlag. Den fanden wir nicht so gut, aber wir haben zu ihm gesagt: Wir bezahlen dich drei oder vier Monate und suchen dir eine neue Idee. Jetzt baut er die Nachrichtenseite Webnews auf. Dort bestimmen die Nutzer, wie weit oben eine Meldung steht.
Immer im Internet: Die Gründer-Brüder Samwer
Oliver Samwer, 34, ist einer der erfolgreichsten Gründer und Finanziers von Internetfirmen. Gemeinsam mit seinen Brüdern Marc und Alexander gründete er 1999 die Auktionsseite Alando nach dem Vorbild von Ebay. Nach drei Monaten verkauften die Samwers die Firma für rund 50 Millionen Dollar an Ebay. Ihre zweite Gründung, den Klingelton-Anbieter Jamba, verkauften die Brüder 2004 für rund 270 Millionen Dollar an die Telekommunikationsfirma Verisign. Wie viel die Samwers davon bekommen haben, ist unbekannt. 25 Millionen Euro stecken derzeit in ihrem Gründerfonds European Founders Fund. Er ist zum Beispiel an dem Second Life-Immobilienhändler Anshe Chung Studions beteiligt. Kürzlich stiegen die Samwers auch bei dem Biogas-Anlagenbauer Cowatec ein.
Das Gespräch führte Patrick Bernau
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.03.2007, Nr. 10 / Seite 39
Bildmaterial: Christina Pahnke - F.A.Z.
Nun muss der Staat den Banker ![]()
Wirtschaftswissenschaften: Die Kandidaten für den Nobelpreis laufen sich warm
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