Fast-Food-Kette

Die munteren Ratten von Kentucky Fried Chicken

Von Roland Lindner

Eine Seltenheit sind Ratten in New York nicht gerade

Eine Seltenheit sind Ratten in New York nicht gerade

26. Februar 2007 Joseph Cheltenhan ist verwirrt. Wie so oft wollte der Angestellte der New Yorker Verkehrsbehörde am Freitag zur Mittagspause bei KFC und Taco Bell an der Sixth Avenue vorbeischauen. Es ist eine kombinierte Filiale der beiden Schnellimbissketten: KFC (früher Kentucky Fried Chicken) ist für seine knusprig frittierten Hähnchenteile bekannt, Taco Bell macht mexikanische Snacks. Beide Ketten gehören zum Fast-food-Konzern Yum Brands. Der 52 Jahre alte Cheltenhan isst meistens Hähnchen von KFC, aber diesmal steht er vor verschlossener Tür. Er hat keine Ahnung davon, dass sein Stammimbiss seit Stunden im ganzen Land für Schlagzeilen sorgt.

Am frühen Morgen tummelte sich ein gutes Dutzend von Ratten mitten in der Filiale. Das Restaurant war zu diesem Zeitpunkt geschlossen. Draußen war es noch dunkel, aber die Ratten waren in dem beleuchteten Lokal für Passanten gut zu erkennen. Schnell rückten Kameras an, und bald konnte man die New Yorker Fast-food-Ratten auf vielen Fernsehkanälen und im Internet bestaunen. Die Ratten zeigten überhaupt keine Scheu und machten den Eindruck, als seien sie in dem Lokal zu Hause. Sie rannten munter zwischen den Tischen hin und her, kletterten Stühle hoch und wieder herunter und näherten sich sogar den Fenstern zur Straße, wo die Kameras standen. Cheltenhan kann es gar nicht glauben: „Ratten mitten im Lokal? So etwas habe ich noch nie gehört.“ Auch bei einem hartgesottenen New Yorker wie ihm löst ein derartiger Auflauf von Ratten Ekelschauer aus.

Paradies für Nager

New York ist für seine Rattenplage bekannt. Die dichtbesiedelte Stadt, in der immer irgendwo Müll und damit auch Essensreste auf der Straße herumliegen, ist geradezu ein Paradies für die Nager. Angeblich übertrifft die Zahl der Ratten die Zahl der Einwohner in New York (rund acht Millionen) um ein Vielfaches. Die U-Bahn-Schächte sind voll mit den Tieren: Wenn man beim Warten auf die U-Bahn in New York auf die Gleise blickt und keine Ratte sieht, dann ist das eher die Ausnahme.

Selbst die schönsten Flecken der Stadt bleiben nicht verschont. Das kann man am Washington Square Park beobachten, einer heimeligen Grünanlage im Greenwich Village. Tagsüber tummeln sich hier zur Freude der Spaziergänger viele Eichhörnchen, nach Einbruch der Dunkelheit aber wandelt sich das Bild völlig, überall rennen Ratten umher. Der Park ist nur ein paar Meter von der nun von den Tieren heimgesuchten KFC-Taco-Bell-Filiale entfernt.

Das zweite Debakel binnen kurzer Zeit

Für Yum Brands ist der Rattenbefall das zweite Debakel binnen kurzer Zeit. Erst im Dezember gab es bei Taco Bell einen Bakterienskandal. Mehr als 70 Menschen sind damals nach dem Besuch einer Taco-Bell-Filiale erkrankt. Gesundheitsbehörden nannten Kolibakterien im Salat als wahrscheinliche Ursache. Taco Bell sah sich gezwungen, Dutzende von Filialen im Nordosten Amerikas vorübergehend zu schließen. Die Affäre hat zu erheblichen Einbußen geführt.

Kürzlich teilte Yum Brands mit, dass der Umsatz in den Taco-Bell-Filialen im vergangenen Quartal gegenüber dem Vorjahr um 5 Prozent geschrumpft ist. Yum Brands hat 2006 bei einem Umsatz von 9,56 Milliarden Dollar einen Nettogewinn von 824 Millionen Dollar ausgewiesen. Das Unternehmen hat weltweit 34 000 Filialen und damit noch ein paar tausend mehr als der Hamburgergigant McDonald's. Auch die Pizza-Kette Pizza Hut gehört zu Yum.

Yum Brands bemüht sich um Schadensbegrenzung

Das New Yorker KFC-Taco-Bell-Lokal ist zur Attraktion für Schaulustige geworden. Die Menschen kommen und drücken sich an den Scheiben die Nasen platt, auch nachdem die Ratten längst wieder verschwunden sind. „KFC war schon immer ein dreckiger Laden“, sagt eine Passantin verächtlich. An den Scheiben hängen zwei gelbe Zettel, auf denen steht, die Filiale sei auf Anordnung der New Yorker Gesundheitsbehörde geschlossen. Im Inneren laufen einige Menschen herum und diskutieren. Eine Frau entfernt ein Schild, das neun Hähnchenschlegel oder Bruststücke für 6,99 Dollar anpreist. Noch immer leuchten die Worte „KFC We Deliver“ und eine Telefonnummer im Fenster und versprechen Hähnchenlieferung frei Haus. Ruft man die Nummer an, geht niemand ans Telefon, es gibt auch keine Bandansage.

Yum Brands bemühte sich derweil um Schadensbegrenzung. Es sei ein „isolierter Vorfall“, der „unakzeptabel“sei und eine „absolute Verletzung unserer hohen Standards“, sagte ein Sprecher. Das Unternehmen erklärte sich die plötzliche Invasion der Ratten mit Bauarbeiten im Keller, was die Tiere wohl aufgescheucht und nach oben ins Lokal getrieben habe. Gleichwohl ist die Filiale an der Sixth Avenue der New Yorker Gesundheitsbehörde schon wiederholt aufgefallen. Es wurden Spuren von Nagetieren und Kakerlaken gefunden. Wie viele andere Standorte des Unternehmens wird das Lokal von einem Franchise-Nehmer betrieben. Die Filiale bleibt bis auf weiteres geschlossen.

Auch Fitzgerald Welch schaut sich das Treiben vor der Imbissfiliale neugierig an. Der 42 Jahre alte Mann, der als Bote arbeitet, sagt, er habe noch nie hier gegessen. Er versuche die großen Imbissketten zu vermeiden. Heute hatte er zu seiner Mittagspause mexikanisches Essen, erzählt er. Freilich nicht von Taco Bell.

Text: F.A.Z., 26.02.2007, Nr. 48 / Seite 16
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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