Von Herta Paulus
06. April 2007 Die neue Karriere begann mit einem Zufall. Ein entfernter Verwandter erzählte Christian Ebeling vom Lehrernotstand für Elektrotechnik an der Berufsschule gleich um die Ecke. Der Nachrichtentechniker, der damals noch im 60 km entfernten Düsseldorf bei Nokia angestellt war, bewarb sich direkt beim Schulleiter und absolvierte einige Stunden Probeunterricht. Danach stand fest: Er wird Lehrer.
Trotz fehlender pädagogischer Ausbildung ging es sofort ans Eingemachte. Vier Tage die Woche unterrichtete er ganz normal, einen Tag saß er selbst im Studienseminar wieder in der Bank und paukte wie moderner, handlungsorientierter Unterricht sein soll. Ein Jahr dauerte die Ausbildung, die mittlerweile auf zwei Jahre verlängert wurde, danach stand einer klassischen Lehrerlaufbahn inklusive Verbeamtung nichts mehr im Wege.
Keine Ausnahmen mehr
Ein Ingenieur für Elektrotechnik als Klassenlehrer, eine Chemikerin oder Physikerin am Lehrerpult sind keine Ausnahmen mehr. Als Sondermaßnahme tituliert ist der Rückgriff auf berufserfahrene Seiten- und Direkteinsteiger bei den Schulbehörden längst etablierter Standard, um Engpässe in bestimmten Fächern oder Schularten zu kompensieren.
So stellten etwa in Baden-Württemberg Dozenten aus der Wirtschaft gut ein Viertel der im Jahr 2004 neu eingestellten Berufsschullehrer. Bundesweit ist der Anteil der Spätberufenen freilich deutlich geringer. Rund 750 Seiteneinsteiger jährlich registrierte die Kultusministerkonferenz in den letzten beiden Jahren, nachdem in den Jahren 2002 bis 2004 die Tausendergrenze weit überschritten worden war.
An Bewerbern herrscht kein Mangel
Jobs und Qualifizierungsmöglichkeiten bieten sich in fast allen Bundesländern, das Prozedere und die Voraussetzungen sind je nach Region, Fach und Schulart unterschiedlich. Akuter Bedarf besteht noch immer an den beruflichen Schulen, aber auch an Gymnasien oder Realschulen sind Quereinsteiger für so genannte Mangelfächer wie Mathematik, Physik, Chemie oder Informatik gefragt.
Im Einzelfall kann sich auch für wechselwillige Geisteswissenschaftler der Blick auf die Internetseiten der Kultusministerien lohnen. So werden etwa im Rahmen einer Sondermaßnahme zum Herbst 2007 in Bayern auch Magisterabsolventen mit einem sehr guten Abschluss in Spanisch oder Italienisch sowie einem gymnasialen Nebenfach für den Vorbereitungsdienst am Gymnasium gesucht. Während hier die Altersgrenze bei 38 Jahren liegt, durften Bewerber für eine zum Februar beginnende Sonderaktion im Bereich Biologie/Chemie zwei Jahre älter sein. Die Stellen sind heiß begehrt. Rund 280 Bewerbungen gingen ein, 35 Bewerber wurden übernommen, davon sind zehn bereits wieder abgesprungen.
Unterschätzte Schulwirklichkeiten
Kein Wunder, meint Quereinsteiger Ebeling: Die Ausbildung ist eine anstrengende Zeit. Man fängt bei Null an und bekommt zwei Jahre gesagt, was man alles nicht kann. Aber nicht nur psychologisch will der Wechsel von der Profibank zurück auf Start verkraftet sein. So mancher Kandidat unterschätzt auch die Schulwirklichkeiten und die fachlichen Anforderungen.
Unterrichten ist etwas völlig anderes als in der Industrie einen Vortrag halten. Man kommt schnell auch fachlich an seine Grenzen, weil man den Stoff auf das Niveau der Schüler herunterbrechen muss, erklärt Martina Kremer. Seit drei Jahren unterrichtet die ehemalige IT-Managerin an einem Wuppertaler Berufskolleg Gymnasiasten wie Berufsober- oder Hauptschüler in Elektrotechnik und technischer Informatik. Illusionen über das schöne Lehrerleben mit viel Nachmittagsfreizeit und langen Ferienzeiten macht sie sich seither nicht mehr. Ich habe hier längere Arbeitszeiten als in der Industrie, sagt die 38-Jährige, die ihre Ausbildungszeit als ziemlich heftig in Erinnerung hat. Für Seiteneinsteiger ist betreuter Unterricht nicht vorgesehen. Das ist das große Manko, so ihre Kritik.
Keine Stellengarantie für Seiteneinsteiger
Wohl überlegt will der Wechsel auch aus einem anderen Grund sein. So durchlaufen die Seiteneinsteiger ihr in der Regel auf zwei Jahre befristetes Traineeprogramm als Angestellte, eine spätere Übernahme ist damit längst nicht sicher. Wer sich direkt auf eine Stelle bewirbt hat hier deutlich bessere Karten. Ich würde immer zum Direkteinstieg raten. Bei einem normalen Seiteneinstieg gibt es keine Stellengarantie, erklärt Harry Liedtke, Referent für Lehrerausbildung beim nordrhein-westfälischen Ministerium für Schule und Unterricht.
Mit kurzfristig geänderten Anerkennungs- und Übernahmebedingungen muss allerdings immer gerechnet werden. Versprochen - gebrochen, so heißt es etwa für so manch älteren Bewerber, der noch vor einem Jahr in Detmold oder Düsseldorf seine Ausbildung begann und sich dabei Chancen auf einen sicheren Arbeitsplatz bis zur Rente ausrechnete. Galt damals noch die Altersgrenze von 45 Jahren für eine künftige Verbeamtung wurde diese mittlerweile deutlich nach unten gesenkt. Wer nach der Vorbereitungszeit unter 35 Jahren ist, kann noch verbeamtet werden, stellt Liedtke klar. Für alle anderen heißt es: Weniger Sicherheit und deutlich weniger Geld als der verbeamtete Kollege. Das kann bis zu 1000 Euro ausmachen. Wenn ich nach dem neuen Tarifsystem bezahlt würde, würde ich es mir schon stark überlegen, ob ich es wirklich machen will, kommentiert Kremer.
Text: FAZ.NET
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