Von Holger Schmidt
29. August 2005 Im Silicon Valley herrscht Hochspannung wie seit Jahren nicht mehr. Yahoo und Google, die beiden Titanen der Internetwirtschaft, haben einen atemraubenden Konkurrenzkampf um die Herrschaft im Internet begonnen. Beinahe im Wochenrhythmus starten die beiden Unternehmen neue Produkte oder Programmversionen, kaufen Unternehmen, heuern Mitarbeiter an oder treten in neue Märkte ein. Zur Zeit liefern sich die Unternehmen ein Kopf-an-Kopf-Rennen: Pionier Yahoo verdient mehr und hat große Vorsprünge in den Geschäftsfeldern Kommunikation und Medien herausgearbeitet. Google dagegen wächst schneller, dominiert die Suche im Netz und ist zudem der Liebling an der Börse. Die Entscheidung über den Sieg rückt näher, denn die beiden Unternehmen dringen nun mit Macht in die bisherigen Domänen des Konkurrenten ein.
"Social Web"
Yahoo hat den Anfang gemacht. Als der Vorstandsvorsitzende Terry Semel im Jahr 2001 den Yahoo-Chefposten übernahm, lag das Unternehmen am Boden. Heute führt Yahoo die "Fortune"-Liste der Unternehmen mit dem schnellsten Wachstum der vergangenen drei Jahre an und verdient prächtig mit Werbung im Internet. Doch das reicht Yahoo nicht. Semel und Jerry Yang, Gründer und oberster Stratege im Unternehmen, haben inzwischen mehrere Milliarden Dollar in Suchtechnik, Bilderdienste und Kommunikation investiert, um Yahoo zum dominanten Medienunternehmen des 21. Jahrhunderts aufzubauen.
Semel hat dafür viele erfahrene Medienprofis wie den ABC-Television-Chef Lloyd Brown angeheuert, der heute das riesige Mediencenter von Yahoo im kalifornischen Santa Monica leitet. "Der entscheidende Unterschied zu den Medienunternehmen des 20. Jahrhunderts ist die Technologie. Die Menschen stellen sich ihr Medienprogramm künftig aus einem riesigen Angebot selbst zusammen. Die Suche nach den Inhalten stellt daher die kritische Anwendung für Medienunternehmen dar", sagt Jeff Weiner, einer der Köpfe hinter der Suchtechnik bei Yahoo. Weiner erwartet einen Paradigmenwechsel für Medienunternehmen: Die Menschen konsumieren nicht nur die Inhalte, die ihnen Zeitungen, Fernsehsender oder Musikkonzerne vorsetzen, sondern sie produzieren ihre eigenen Inhalte. Millionen Nutzer - sogenannte Micropublisher - schreiben heute Tagebücher (Weblogs), produzieren persönliche Radiosendungen (Podcasts), arbeiten am Online-Lexikon Wikipedia mit, publizieren ihre privaten Fotos in Bilderdiensten wie Flickr oder stellen anderen ihre Musik oder Filme zur Verfügung.
Micropublisher
Dieses persönliche Internet steckt in Deutschland noch in den Anfängen, bestimmt in Amerika aber längst die Diskussion um die Zukunft des Netzes. "Social Web" heißt daher das Zauberwort in den Forschungslabors von Yahoo. "Wegen der vielen Micropublisher explodiert die Informationsfülle im Internet. Wir wollen den Nutzern daher die Möglichkeit geben, ihre persönliche Suche zu erstellen", sagt Weiner, der mit Semel vom Hollywood-Studio Warner Brothers zu Yahoo gewechselt ist. "My Web 2.0" heißt das ambitionierte Projekt, das Information und Unterhaltung aus dem öffentlichen Internet mit Inhalten aus dem persönlichen Umfeld des Nutzers kombinieren soll. Die dahinterstehende Strategie ist ebenso ambitioniert: Yahoo möchte die Spinne im Netz werden, in der allen Fäden zusammen laufen.
Geld will das Unternehmen damit natürlich auch verdienen: "Wir wollen die weltweit wertvollste und vertrauenswürdigste Sucherlebnis für Nutzer, Publisher und Werbetreibende bieten", lautet die Mission. Kontextbezogene Werbung soll also auch im "My Web 2.0" ein wichtiges finanzielles Standbein bilden.
Google zieht Inhalte an sich
Google ist viel mehr als Yahoo ein Technologieunternehmen. Das Unternehmen macht zwar ein Geheimnis aus seiner Strategie, bewegt sich aber erkennbar in eine ähnliche Richtung wie Yahoo: Die Suche umfaßt nicht nur klassische Internetseiten, sondern wurde Schritt für Schritt auf Bilder, Nachrichten, Lokales, Wikipedia-Einträge und Tagebücher ausgeweitet. Heute arbeitet Google daran, den Bestand vieler großer Bibliotheken einzuscannen, um erstmals eine Volltextsuche in Büchern zu ermöglichen. Das Unternehmen indexiert selbst ganze Radio- und Fernsehprogramme, was den Sendern auf Dauer ihre Kontrolle über die Inhalte entzieht. Doch Google begnügt sich nicht mehr damit, nur fremde Inhalte zu suchen (und erfolgreich zu finden). Der Landkartendienst Google Maps, die Übernahme des Bildsoftwareanbieters Picasa oder der Kauf der Seite Blogger.com sind nur erste Schritte in die Richtung, auch die Inhalte an sich zu binden.
Damit die Nutzer nach erfolgreicher Suche Google nicht den Rücken kehren, setzt das Unternehmen nun auf Kommunikationsdienste: Das E-Mail-Programm G-Mail oder Google Talk, der jüngst gestartete Dienst für Echtzeitnachrichten (Instant Messaging) und Internet-Telefonie, sind allerdings Produkte, die Konkurrenten wie Yahoo, der Microsoft-Onlinedienst MSN oder AOL längst anbieten. Marktkenner glauben daher, daß Google die erwarteten vier Milliarden Dollar aus dem angekündigten Aktienverkauf in die Kommunikation investieren könnte, weil das Aufholen des Rückstands aus eigener Kraft sehr schwierig ist. Im Silicon Valley wird daher das luxemburgisch/britische Unternehmen Skype als Übernahmekandidat gehandelt, nachdem Yahoo bei Skype offenbar nicht zum Zuge gekommen war und sich mit dem Unternehmen Dialpad begnügen mußte.
Markenkampagmen im Netz
Die Kommunikationsdienste sollen Google zusätzliche Werbemöglichkeiten verschaffen, denn das Unternehmen ist heute fast ausschließlich von der Werbung abhängig, die neben den Trefferlisten der Suchmaschinen eingeblendet werden. Diese Werbung legt zwar kräftig zu, wird das Wachstum des Unternehmens aber auf Dauer nicht garantieren können. "Der Anteil des Suchmaschinen-Marketings wird in den kommenden beiden Jahren noch wachsen, vom Jahr 2007 an aber fallen. Die Gründe: Das Mißtrauen der Nutzer gegenüber bezahlten Suchtreffern wächst. Andere Werbeformate gewinnen dann an Bedeutung", sagt Hellen Omwando, Marktforscherin bei Forrester Research. Deshalb wird Google - früher oder später - seinen Anteil an den schnell wachsenden Markenkampagnen im Internet abhaben wollen. Dieser Zukunftsmarkt, in den immer mehr Markenartikler investieren, wird heute klar vom Erzrivalen Yahoo dominiert.
Die technische Herausforderung für Yahoo und Google liegt eindeutig auf der Suche. Das Internet wird bisher nur zu einem kleinen Teil von den Suchmaschinen erfaßt. Ein erster Schritt sei die Erschließung des sogenannten Deep Webs, also der Zugang zu den geschlossenen Bereichen der Zeitungen und Datenbanken, sagt Eckart Walther von Yahoo. "Diese Informationsanbieter können ihren Kunden ihre Inhalte nun in einer Suchmaschine zeigen", sagte Walther. Der Dienst "Yahoo Subscriptions" ist bisher allerdings nur in den Vereinigten Staaten und Großbritannien verfügbar und durchsucht die Inhalte von Medien wie dem "Wall Street Journal" oder der juristischen Datenbank Lexis Nexis. Diese Suchfunktion soll in den kommenden Monaten ausgebaut werden.
Ebenfalls noch in den Anfängen steckt die Suche nach Musik und Filmen; auch die Bildersuche ist noch lange nicht ausgereift. Tausende Entwickler in Diensten von Google und Yahoo, die inzwischen wieder fürstliche Gehälter wie in der Blütezeit der New Economy beziehen, arbeiten daher an der Verbesserung der Suchmöglichkeiten über Texte hinaus.
Technik wird eingekauft
Um in diesem High-Tech-Wettbewerb Zeit zu gewinnen, kauft Yahoo gerne Technik ein. Zum Beispiel wurde im März der Bilderdienst Flickr gekauft. Während Flickr in Deutschland noch nicht sehr bekannt ist, finden in Amerika und Asien immer mehr Nutzer Gefallen daran, ihre privaten Fotos in Flickr einzustellen, um sie der Familie, Freunden oder aller Welt zu zeigen. "Flickr hat heute mehr als eine Million Nutzer, die 34 Millionen Bilder eingestellt haben", sagt Steward Butterfield, Gründer von Flickr und heute in Diensten von Yahoo. Darunter sind zum Beispiel 120000 Katzenfotos, aber auch Fotos von aktuellen Ereignissen. "30 bis 50 Prozent der Flickr-Nutzer sind gleichzeitig Blogger", sagt Butterfield. Damit deren Bilder von den anderen Nutzern (und später der Yahoo-Suche) gefunden werden, geben die Nutzer Beschreibungen ein, sogenannte Tags. Nach Ansicht von Butterfield sind diese Tags die beste Möglichkeit, Bilder besser als bisher zu beschreiben und zu finden.
Yahoo hat auch Bradley Horowitz angeworben. Der MIT-Absolvent hat die wohl kniffligste Aufgabe bekommen: Wie lassen sich Filme im Internet suchen und vor allem finden? Das Thema ist heiß: Die Breitbandverbindungen sind inzwischen schnell genug, um Fernsehen in Echtzeit zu übertragen und mit anderen Internetanwendungen zu verknüpfen.
Netz der Bilder und Filme
Damit werden Internetunternehmen schon bald zu starken Konkurrenten der Kabelgesellschaften. Der Vorteil für die Menschen: Sie sind keine passiven Konsumenten, sondern aktiv auf der Suche nach dem gewünschten Film. Streifen mit prominenten Schauspielern sind vergleichsweise leicht zu finden. Ein Suchalgorithmus erfaßt die mitgelieferten Daten, indexiert zusätzlich Formen, Gesichter und Bewegungen und vergleicht sie automatisch mit einer Datenbank. Die wahre Herausforderung für Horowitz stellen jedoch die vielen Micropublisher dar, die neben Texten und Bildern natürlich auch Videos produzieren. Um diese Filme zu finden, setzt Horowitz auf Media RSS. Das von Yahoo mitentwickelte Verfahren erlaubt den Urhebern, ihre Filme selber zu syndizieren und damit für alle Nutzer schnell auffindbar zu machen. Denn eines hat Horowitz nach 14 Jahren Beschäftigung mit dem Thema gelernt: "Wenn man die Menschen dazu bringen kann, das Problem selber zu lösen, sollte man dies tun." Inzwischen verbreitet sich Media RSS recht schnell. "Wir warten nicht auf Microsoft, um RSS weniger komplex zu machen", sagt Horovitz.
In einem Kriterium scheint Yahoo den Erzrivalen Google inzwischen überholt zu haben: Tim Mayer, Direktor Produktmanagement bei Google, schrieb beinahe beiläufig in seinem Weblog, Yahoo habe inzwischen 19,2 Milliarden Web-Dokumente, 1,6 Milliarden Bilder und mehr als 50 Millionen Audio- und Videodateien in seinem Suchindex erfaßt. Konkurrent Google hatte Ende des vergangenen Jahres die Zahl von 8 Milliarden erfaßten Dokumenten und Bildern bekanntgegeben. Nach Schätzungen dürfte diese Zahl inzwischen bei rund 11 Milliarden liegen.
Text: F.A.Z., 29.08.2005, Nr. 200 / Seite 15
Bildmaterial: AP, picture-alliance / dpa/dpaweb
Neckermann-Mitarbeiter fordern Gelder ![]()
Vacuumschmelze: Rückkehr in Tarifgemeinschaft möglich
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