Kampf um Nivea

Vier Milliarden Euro für eine Weltmarke

Von Axel Schnorbus

Übernahmeschlacht um Beiersdorf wird zum Krimi

Übernahmeschlacht um Beiersdorf wird zum Krimi

20. Oktober 2003 In dieser Woche geht die größte Übernahmeschlacht seit Mannesmann/Vodafone und die mit Abstand längste in der deutschen Unternehmensgeschichte in ihre entscheidende Runde. Seit zwei Jahren versucht die Tchibo Holding AG in Hamburg die Anteile des Münchener Versicherungskonzerns Allianz an der Beiersdorf AG (knapp 44 Prozent) zu erwerben.

Das Unternehmen der Brüder Herz, mit Kaffee und dann mit Gebrauchsartikeln groß und reich und durch den Verkauf des Zigarettenunternehmens Reemtsma noch reicher geworden, besitzt selbst 30 Prozent der Aktien. Doch die Allianz hat es nie zu einem Gespräch kommen lassen. Anfang der Woche ist Tchibo nun selbst aktiv geworden, hat ein Konsortium gebildet, das für Beiersdorf bietet. Erstmals hat man in München verhandelt, wobei die Allianz immer noch auf ein preissteigerndes Übernahmeangebot von Procter & Gamble (P&G) hofft.

Drahtzieher Goldman & Sachs

Begehrtes Produkt

Begehrtes Produkt

Denn der große amerikanische Konsumgüter-Hersteller hat schon längst ein Auge auf den ertragsstarken und mit der Weltmarke "Nivea" ausgestatteten Hamburger Körperpflege- und Kosmetik-Hersteller geworfen. Allianz und P&G, so ist zu hören, müssen schon des längeren verhandeln. Drahtzieher dürfte das amerikanische Investmenthaus Goldman & Sachs gewesen sein, dessen ehemaliger Deutschland-Chef Paul Achleitner jetzt Finanzchef bei Allianz ist und Verhandlungsführer mit dem Konsortium. Daß es ein solches Konsortium überhaupt gibt, muß Achleitner höchst ungelegen kommen. Die Verhandlungen mit P&G schienen schon recht weit gediehen zu sein, und obwohl die Chancen der Amerikaner durch die Initiative des Konsortiums geschrumpft sind, wird aus Cincinnati, dem Sitz des Unternehmens, doch noch ein - nun schon feindliches - "Übernahmeangebot" erwartet.

Vielen Beobachtern erscheint das ungewöhnlich. P&G hat den Übernahmekandidaten noch nicht einmal auf Herz und Nieren ("Due Diligence") geprüft. In der Regel wollen amerikanische Unternehmen die verbleibenden Aktionäre auch auszahlen. Doch dafür brauchte man 95 Prozent. Aber auch mit der Mehrheit, die sich durchaus erreichen ließe, dürfte es ihnen schwerfallen, sämtliche Pläne, die sie mit Beiersdorf hegen, durchzusetzen. Denn im Aufsichtsrat hätte P&G mit Tchibo (30 Prozent) und der Familie Claussen (10 Prozent), die sich überraschend gegen einen Verkauf an P&G ausgesprochen hatte, immer noch 40 Prozent gegen sich und zudem wohl auch die Stimmen der Arbeitnehmer.

Hamburger Senat organisiert Widerstand

Dennoch deuten alle Anzeichen darauf hin, daß der Konzern "etwas vorbereitet". Vorbereitet ist allerdings auch das Hamburger Konsortium. Initiatoren sind der neue Tchibo-Chef Dieter Ammer und sein Aufsichtsratsvorsitzender Reinhard Poellath. Unterstützt werden sie vom Hamburger Senat unter Federführung des Finanzsenators Wolfgang Peiner. Der Senat werde dafür aber keine Steuergelder lockermachen, wird versichert. Er verstehe sich lediglich als Moderator.

Die Verträge für das Konsortium sind unterschrieben. Ihm gehört neben Tchibo und Beiersdorf - das Unternehmen kann dank eines Hauptversammlungsbeschlusses Aktien zurückkaufen - auch Joachim Herz an. Den Kaufpreis dürfte das Konsortium - man schätzt den Wert des Allianz-Pakets auf über 4 Milliarden Euro - leicht stemmen. Derzeit wird die Beiersdorf-Aktie höchst unterschiedlich bewertet. Die Warburg-Bank veranschlagt sie mit 130, die Vereins- und Westbank dagegen nur mit 98 Euro. Ein Kaufpreis von 110 Euro plus Paketzuschlag wird derzeit für realistisch gehalten.

„Beiersdorfer“ sind verunsichert

Daß sich die Chancen für eine "Hamburger Lösung" verbessert haben, liegt auch am Verhalten der Familie Claussen. Mehrere Familienstämme halten zusammen etwa 10 Prozent, die jetzt durch das Beiersdorf-Aufsichtsratsmitglied Karl-Albrecht Claussen gebündelt wurden. Die Familie, die sich dem Gründer des Unternehmens, Oskar Troplowitz (1863 bis 1918), verbunden fühlt, soll über die Hinhaltetaktik des Versicherungskonzerns tief verstimmt sein.

Beständigkeit hat bei Beiersdorf Tradition. So sind die "Beiersdorfer", wie sich die Mitarbeiter selbst nennen, durch die Vorgänge der letzten zwei Jahre zutiefst verunsichert. Ihr Unternehmen ist am Markt erfolgreicher als sämtliche Konkurrenten - und dennoch müssen sie um ihre Arbeitsplätze bangen. Man fürchtet die Synergieeffekte, die "die Amerikaner rücksichtslos ausnutzen werden", sieht sich an die Übernahmeschlacht Mannesmann/Vodafone erinnert und hofft nur auf einen anderen, für sie positiven Ausgang.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.10.2003, Nr. 42 / Seite 45
Bildmaterial: dpa/dpaweb, nivea

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