Von Hendrik Steinkuhl
16. August 2005 Wer einlädt, bezahlt die Rechnung. Das ist eigentlich so üblich. Im Gegenzug bringen die Gäste häufig Präsente mit, bei großen Feiern auch Geldgeschenke. Zum XX. Weltjugendtag in Köln, der heute beginnt, lädt offiziell der Vatikan ein. Welcome to Köln 2005, rief der verstorbene Papst Johannes Paul II. den Pilgern bei der Abschlußmesse des vergangenen Weltjugendtags in Toronto zu. Sein Nachfolger Benedikt XVI. kommt am Donnerstag nach Köln. Geld hat er keines dabei.
Der Vatikan zahlt nichts, sagt Dieter Krüll. Er leitet die Finanzabteilung der Weltjugendtag GmbH, die vor zwei Jahren für die Organisation des Großereignisses gegründet wurde. Wie die Stadt Rom, die die Kosten des Pilgeransturms nach dem Tod Johannes Pauls und zur Wahl seines Nachfolgers alleine trug, muß auch der Weltjugendtag ohne finanzielle Hilfe des Kirchenstaats auskommen. Der leidet unter leeren Kassen, beschäftigt inzwischen sogar eine Unternehmensberatung.
Rund 40 Millionen Euro von den Pilgern
Die Finanzierung des Weltjugendtags speist sich deshalb aus anderen Quellen; zusammen erbringen diese rund 100 Millionen Euro. Den größten Teil von rund 40 Prozent steuern die Pilger bei. Je nach Herkunftsland und Umfang des Pilgersets zahlen sie zwischen 40 und 169 Euro für Nahverkehrstickets, Übernachtung und Verpflegung. Rund 20 Millionen Euro erhoffen sich die Veranstalter aus Spenden, Sponsoring und dem Verkauf von Werbeartikeln aus dem Pilgershop; der bietet unter anderem Rosenkränze, Dom-Riesling und Papst-T-Shirts - von Benedikt, und, In Memoriam, Johannes Paul II.
Weniger Spenden als erwartet ließen die Organisatoren vor einigen Wochen unruhig werden und nährten das Gerücht, der Weltjugendtag sei unterfinanziert. Dieter Krüll weist diese Unterstellung barsch zurück: Vor kurzem habe ich noch eine Spende von 500.000 Euro bekommen, mit der keiner gerechnet hat.
Der frühere Firmensanierer, den die Weltjugendtags-Organisatoren aus der Frührente zurückgeholt haben, beruft sich zudem auf seine langjährige Erfahrung: Als kluger Kaufmann schätzt man die Kosten höher als die Einnahmen. So sollten wir die schwarze Null eigentlich erreichen können. Den Konjunktiv verwendet Krüll wegen der vielen Unbekannten, die eine Großveranstaltung wie der Weltjugendtag birgt. Er könne schließlich noch nicht wissen, sagt Krüll, ob bei der Kollekte des Abschlußgottesdienstes nun 40.000 oder 400.000 Euro zusammenkämen.
Schweirige Verhandlungen mit der Versicherung
Daß plötzlich hundert Freiwillige absagen und er dafür bezahlte Helfer einstellen müßte, mag er sich nicht vorstellen - will es aber auch nicht völlig von der Hand weisen. Schließlich hatte Krüll auch nicht erwartet, daß von den vergangenen Weltjugendtagen in Toronto, Paris und Rom keine Zahlen vorliegen würden, auf die er sich hätte stützen können. Vor allem die Verhandlungen mit der Krankenversicherung waren äußerst schwierig, da keiner der vorherigen Veranstalter Auskünfte über die Zahl der erkrankten Pilger geben konnte.
Rund 15 Prozent der Kosten für den Weltjugendtag werden durch öffentliche Gelder bestritten. Der Bund zahlt 8 Millionen, das Land Nordrhein-Westfalen 3, die Stadt Köln und die EU investieren jeweils 1,5 Millionen Euro. Die Kirche schließlich bleibt nicht unbelastet: 26 Millionen Euro zahle die Deutsche Bischofskonferenz, wurde kürzlich noch gemeldet - 30 Millionen seien es tatsächlich, sagt Wilma Czernik aus der Haushaltsabteilung der Bischofskonferenz. Die Summe verteilt sich auf alle deutschen Diözesen, die nach einem ähnlichen Schlüssel zahlen, wie sie die Kirchensteuer empfangen.
Weltjugendtags-Lotterie bessert Kassenlage auf
Vor der Großveranstaltung besserten viele Bistümer ihren Haushalt noch mit einer Weltjugendtags-Lotterie auf. Zusammen erwirtschafteten sie dabei rund 4 Millionen Euro. Das Bistum Aachen allerdings verweigerte laut Krüll die Teilnahme an der Lotterie. Die meinten, sie hätten das Geld. Dies verwundert, denn die Diözese fährt derzeit einen rigiden Sparkurs (F.A.Z. vom 13. August).
Mit den Abgaben für die Tage in Köln sind die Bistümer aber noch nicht aus dem Schneider. Ein Großteil der Pilger ist bereits in der vergangenen Woche nach Deutschland gereist und hat dort in Gastfamilien der katholischen Gemeinden gewohnt. Viele Bistümer veranstalteten einen Tag der Begegnung, an dem alle Pilger aus der Diözese zusammentrafen. Im Bistum Osnabrück etwa kostete die Organisation der großen Sternwanderung inklusive Abschlußfest auf einem Sportplatz rund 230.000 Euro.
Teuere Sicherheitsauflagen
Sowohl in Osnabrück als auch in Köln stöhnt man über den hohen Sicherheitsstandard, den Großveranstaltungen in Deutschland erfordern. Wir stünden finanziell viel besser da, wenn wir nicht so hohe Auflagen erfüllen müßten, sagt Krüll. Als Beispiel nennt er die Bereitstellung von Dutzenden Krankenwagen für den Abschlußgottesdienst; rund 500.000 Menschen werden dazu auf dem Kerpener Marienfeld erwartet. Die Pilger immerhin können sicher sein, im Notfall die Erste Hilfe auch per Handy herbeiholen zu können: Auf eigene Kosten haben 3 Anbieter 14 Funkmasten rund um die Wiese aufgestellt, um die Netzabdeckung für eine halbe Million Christen zu sichern.
Weit weniger Menschen als zum Abschlußgottesdienst werden für die kommenden Tage in Köln erwartet. In Kirchenkreisen verkündete man vor einigen Monaten noch die Ankunft von einer viertel Million Pilger; tatsächlich hat sich nur rund die Hälfte angemeldet. Für die - im Verhältnis zu den Erwartungen - geringe Teilnehmerzahl haben einige Kirchenleute eine simple Antwort parat: Viele junge Katholiken, vor allem aus Polen, hätten nach der Reise zur Beerdigung von Johannes Paul II. einfach kein Geld mehr für den Weltjugendtag übrig.
Umsatzplus durch Pilgerstrom?
Sogar mit 300.000 Pilgern rechnete die Kölner Industrie- und Handelskammer (IHK) und leitete daraus ein Umsatzplus von 20 Millionen Euro für den Einzelhandel ab. Hinter diese Zahl setze ich mal ein dickes Fragezeichen, kommentiert das der Vorsitzende des Kölner Einzelhandelsverbands, Uwe Klein. Nicht nur sei die IHK von zu vielen Besuchern ausgegangen - für ihre Rechnung hätte sie außerdem den Konsum eines durchschnittlichen Touristen zugrunde gelegt. Wir rechnen aber vor allem mit jungen Leuten, die viel weniger Kaufkraft haben. Darüber hinaus ist sich Klein sicher, daß Stammkunden durch die Absperrungen in der Kölner Innenstadt vom Einkauf abgeschreckt werden. Nach Einsicht in die Pläne der Polizei fragen sich viele Unternehmen ja sogar, wie die eigenen Mitarbeiter in ihr Geschäft kommen sollen.
Sofern sie ihren Arbeitsplatz erreichen, werden einige Kölner Angestellte am kommenden Wochenende eine Nachtschicht einlegen müssen: Von Samstag abend bis Montag früh können alle Geschäfte, die Waren des täglichen Bedarfs anbieten, durchgehend öffnen.
Text: F.A.Z., 16.08.2005, Nr. 189 / Seite 12
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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