Gründer Rosedale im Gespräch

„Bald jeder Zweite in Second Life“

23. März 2007 Philip Rosedale hört es nicht gern, wenn man seine Erfindung als „Spiel“ bezeichnet. Rosedale ist Gründer und Vorstandschef des kalifornischen Unternehmens Linden Lab, das hinter der virtuellen Parallelwelt „Second Life“ steht. In den vergangenen Monaten sind die Nutzerzahlen bei Second Life geradezu explosionsartig gewachsen.

Heute hat die Seite fast 5 Millionen registrierte Mitglieder auf der ganzen Welt. Das ist zwar noch deutlich weniger als die 165 Millionen Nutzer von Myspace, aber Rosedale hat ehrgeizige Ziele: „Wir können viel größer werden als Myspace“, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z..

Anscheinend weniger als 11 Millionen Dollar Umsatz

Linden Lab erzielt den größten Teil seines Umsatzes mit dem Verkauf von virtuellem Land, seien es einzelne Grundstücke oder ganze Inseln. Die Inseln kosten 295 Dollar im Monat, zusätzlich zu einer einmaligen Anschaffungsgebühr von 1675 Dollar. Eine kleinere Geldquelle sind Mitgliedergebühren. Die Basisnutzung von Second Life ist umsonst, allerdings ist eine Gebühr fällig, wenn man bestimmte Dienste in Anspruch nehmen will.

Rosedale nennt keine Umsatzzahlen, er nennt aber Schätzungen, wonach der Umsatz von Linden Lab im Jahr 2006 bei weniger als 11 Millionen Dollar lag, „vernünftig“. Nach seinen Angaben wachsen alle maßgeblichen Kennzahlen von Monat zu Monat grob gesagt um 15 Prozent, das gelte für Umsatz wie auch für die Nutzerzahlen. Zuletzt ging es bei den Mitgliedern sogar noch deutlich schneller. Im Dezember lag die Zahl der Second-Life-Nutzer noch bei 2,25 Millionen, seither gab es also mehr als eine Verdoppelung. Linden Lab hat nach den Worten von Rosedale im vierten Quartal 2006 erstmals die Gewinnzone überschritten.

Unkomplizierter und bunter als das wirkliche Leben

Was treibt Menschen an, in eine fremde digitale Haut zu schlüpfen? Nach Meinung von Rosedale muss das nichts mit Überdruss an der realen Identität zu tun haben. „Viele Dinge gehen bei uns einfach besser als im richtigen Leben“, sagt er. Second Life biete manchmal die spannenderen sozialen Erlebnisse als die Wirklichkeit: „Wenn Sie in einer durchschnittlichen amerikanischen Stadt auf einem öffentlichen Platz unterwegs sind, stoßen Sie auf Leute, die alle ziemlich ähnlich sind. In Second Life treffen Sie ein bunt gemischtes Publikum aus der ganzen Welt.“

Den beruflichen Alltag könne Second Life unkomplizierter machen: „Bei einer Besprechung mit Teilnehmern an verschiedenen Orten müssen nicht alle Teilnehmer eine umständliche Konferenztelefonnummer wählen. Man sagt einfach: Wir treffen uns alle vor diesem oder jenem Haus in Second Life.“

Nur wenig Platz für Konkurrenten

Die Frage, ob die bunte Digitalwelt von Second Life womöglich nur eine Modeerscheinung ist, bis die Nutzer wieder eine neue Spielerei entdecken, will Rosedale nicht gelten lassen: „Wir sind kein Gag. Wir bieten einen echten Wert für unsere Nutzer.“ Mehr noch als Myspace, meint Rosedale, und daher könne Second Life eines Tages auch größer werden als die zum Medienkonzern News Corp. gehörende Seite. „Wir haben bei uns viel mehr Gestaltungsmöglichkeiten. Außerdem haben wir altersmäßig ein gemischteres Publikum, während Myspace vor allem auf junge Leute abzielt.“

Virtuelle Parallelwelten stehen nach den Worten von Rosedale heute noch ganz am Anfang, und er gibt eine kühne Prognose ab: „In fünf Jahren wird mehr als die Hälfte aller Menschen eine zweite Identität im Internet haben.“ Seiner Meinung nach wird es auch eine Auslese von Anbietern virtueller Welten geben. Second Life hat heute schon einige Konkurrenten mit Namen wie „There“, und er kann sich auch vorstellen, dass andere Internetdienste wie Myspace das Geschäft erschließen. Langfristig werden aber nach seiner Ansicht nur ein bis zwei Wettbewerber übrig bleiben. „Es gibt hier einfach einen Netzwerkeffekt. Je mehr Nutzer man hat und je mehr Inhalte sie schaffen, umso wertvoller wird die Seite. Der Wettbewerbsvorsprung liegt nicht in der Technologie, sondern in den Inhalten.“ Das sei genauso wie beim Auktionshaus Ebay, das aufgrund seines großen Netzwerkes ebenfalls den Markt dominiere.

Regelmäßige Serverzusammenbrüche

Trotzdem gehört die Technologie zu den großen Herausforderungen für Second Life. So brechen die Netzwerkrechner (Server) von Second Life oft unter der großen Belastung zusammen, was für Störungen auf der Seite sorgt. Außerdem gibt Rosedale zu, dass Second Life heute nicht sehr benutzerfreundlich ist. „Das Navigieren ist umständlich, und die Sachen sind oft nicht einfach zu finden. Allein sich ein Paar Schuhe auf Second Life anzuziehen ist schwieriger, als es sein sollte.“ Das sei auch ein Grund dafür, warum viele Nutzer sich frustriert abwenden: „Nur rund 10 Prozent der angemeldeten Mitglieder nutzen die Seite auch regelmäßig“, bekennt Rosedale.

Das erklärt auch, warum große Teile von Second Life recht ausgestorben wirken. Auch bei längeren Streifzügen in der virtuellen Welt kann es vorkommen, dass man auf kaum eine Menschenseele trifft. Das gilt auch für die von Unternehmen gekauften Inseln. Rosedale verspricht aber Besserung: Das Unternehmen stocke ständig seine Serverkapazitäten auf, und die Softwareingenieure arbeiten fieberhaft an einer Verbesserung der Seite. Linden Lab hat derzeit insgesamt 130 Mitarbeiter und baut seine Belegschaft rasant aus, jedes Quartal kommen im Moment zwanzig neue Beschäftigte hinzu.

Linden Lab hat einige prominente Investoren, die dem Unternehmen insgesamt fast 20 Millionen Dollar an Wagniskapital gegeben haben. Dazu gehören Pierre Omidyar, der Gründer von Ebay, sowie Jeff Bezos, Gründer und Vorstandschef des Online-Händlers Amazon.com. Ob das Unternehmen für die Zukunft einen Börsengang plant, dazu will sich Rosedale nicht äußern. Nach seiner Vorstellung solle Linden Lab aber ein selbständiges Unternehmen bleiben und nicht verkauft werden. Und wenn der Internetgigant Google anklopfen und 1,65 Milliarden Dollar bieten würde wie im vergangenen Jahr für Youtube? „Sehr unwahrscheinlich, dass wir das annehmen würden“, sagt Rosedale.

Dies ist eine gekürzte Version des F.A.Z.-Beitrags über das Gespräch mit Philip Rosedale. Den vollständigen Text lesen Sie in der F.A.Z. vom 22. März 2007.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS

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