Von Patrick Bernau
07. Juli 2008 Ein Gespenst ist zurück, das Gespenst der Inflation. Öl und Lebensmittel haben die Teuerungsrate in Höhen getrieben, die wir seit 15 Jahren nicht gesehen haben: Im Juni lagen die Preise 3,3 Prozent höher als vor einem Jahr. Benzin ist so teuer wie noch nie. Und die vielfältigen Proteste gegen die Milch- und Butterpreise haben die meisten noch in lebhafter Erinnerung.
Dabei schien die Inflation für immer verschwunden zu sein. Zuletzt hatte sie sich nach der deutschen Einheit noch einmal aufgebäumt. Bei der Umstellung auf den Euro schien es zwar kurz so, als kämen die Preissteigerungen zurück - doch das war schnell vorbei. Bald wurde sie zum Thema langer Grabreden. 1996 erschien ein viel beachtetes Buch unter dem Titel Das Ende der Inflation vom Chefökonomen der großen Bank HSBC. Und noch vor drei Jahren schrieb das angesehene Wirtschaftsmagazin Economist: Die traditionellen ökonomischen Modelle der Inflation sind Unsinn.
Die Inflation ist auferstanden
Die Grabredner sahen zwei wichtige Todesursachen. Die erste waren die Notenbanken. Die hatten immer besser gelernt, die Preise zu steuern. Und die Gewerkschaften hatten Vertrauen in deren Arbeit - sie verließen sich darauf, dass das Geld seinen Wert behält. Also forderten sie niedrigere Lohnsteigerungen. Die Löhne wuchsen langsamer, darum mussten die Firmen ihre Preise seltener erhöhen.
Der zweite, wichtigere Grund: die Globalisierung. In den aufstrebenden Ländern Asiens, vor allem in China, kamen Heerscharen billiger Arbeiter in die Weltwirtschaft. Sie produzierten billige T-Shirts und Puppen, später auch Computerchips, zuletzt sogar Solarzellen - der Preis all dieser Dinge sank immer weiter. Gleichzeitig drückte die Globalisierung auch die Löhne in Deutschland noch weiter. Denn erstens konnten sich die Menschen für ihr Gehalt ja noch recht viel kaufen. Und zweitens machte sich Krisenstimmung in Deutschland breit: Noch mehr Jobs könnten nach China verlagert werden.
Die Löhne stiegen langsam, also auch die Kosten der Unternehmen - und darum ihre Preise. Auf diese Weise senkte die Globalisierung die Inflation auch in anderen Branchen. Ein bis zwei Prozentpunkte im Jahr seien den Deutschen insgesamt erspart geblieben, schätzt Henning Vöpel, Konjunkturchef im Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut - das war die erste Stufe der Globalisierung.
Auf der zweiten Stufe der Globalisierung
Jetzt kommt die zweite Stufe, und auf der ändert sich eine Menge. Jetzt steigen die Preise wieder schnell. Denn auch Chinesen wollen Geld verdienen, wenn sie arbeiten. Und über kurz oder lang kaufen sie mehr ein. Zuerst kauften sie Maschinen aus Deutschland für ihre Fabriken, die deutsche Industrie blühte auf. Sie kauften Öl und brachten so den Ölpreisanstieg, den Spekulanten nutzen und weitertreiben konnten. Jetzt kaufen die Chinesen auch Weizen und Fleisch, und die Teuerung gewinnt an Kraft. Schon werden Stimmen laut, die sagen: Die geringen Inflationsraten der vergangenen Jahre werden wir nicht mehr erreichen.
Warum kommen diese Preissteigerungen so plötzlich? Die Antwort ist einfacher zu verstehen, wenn wir die Frage anders stellen: Warum sind uns die Preissteigerungen so lange erspart geblieben?
Und da zeigt sich: Die Chinesen sind nicht nur daran schuld, dass die Preise jetzt so schnell steigen - sondern auch daran, dass sie das erst so spät tun. Genauer gesagt: Die chinesische Zentralbank ist schuld. Denn sie schrieb über lange Jahre fest: Ein Yuan kostet 12,155 amerikanische Cent. Schwankungen ließ sie nicht zu, erst seit 2005 wertet sie den Yuan langsam auf.
Lange blieb der Yuan billig
Viele Zentralbanken im Westen machen das heute anders. Sie lassen die Kurse ihrer Währung flexibel. Wenn China das auch so gemacht hätte, wäre die Inflation im Westen gar nicht erst so weit gesunken. Genauso wie jetzt hätten Firmen aus dem Westen neue Fabriken in China gebaut, genauso hätten Europäer und Amerikaner mehr Puppen gekauft. Aber die zusätzlichen Yuan, die sie dafür gebraucht hätten, wären teurer geworden. Dadurch aber wären die chinesischen Produkte teurer geworden. Für den Westen wäre die Konkurrenz aus China etwas kleiner gewesen, dafür wäre die Inflation höher geblieben: Die Volkswirtschaften hätten mehr Zeit gehabt, um sich aneinander zu gewöhnen.
Doch das wollte die chinesische Zentralbank nicht. Sie kaufte die Euro und Dollar auf, die ins Land strömten. Auf diese Weise häufte sie riesige Devisenreserven an, mit denen sie das Land gegen Spekulanten stärkte. Vor allem aber hielt sie den Yuan billig. Und damit die chinesischen Produkte.
Die chinesischen Arbeiter allerdings blieben ärmer als nötig. Auch ihr Gehalt stieg zwar, aber sie bekamen dafür weniger Dollar als sinnvoll gewesen wäre. Auf dem Weltmarkt wird aber meist in Dollar gehandelt. Also konnten die Chinesen relativ wenig kaufen. Sie fuhren zwar mehr und aßen öfter, aber der Öl- und Getreideverbrauch stieg viel langsamer als nötig; China exportierte immer ein bisschen mehr Getreide, als es verbrauchte. Allein von 2005 bis 2007 erarbeitete eine durchschnittliche dreiköpfige Familie 1300 Dollar mehr für den Rest der Welt, als sie selbst verbrauchte. Das bedeutet: Sie hat jedes Jahr auf zwei Monatslöhne des Familienoberhaupts verzichtet. Darüber konnten sich die Deutschen freuen: Hier blieben die chinesischen Puppen billig - und die Brötchen eben.
Der schwache Dollar brachte den Wandel
Das funktionierte so einige Jahre ganz gut. Doch dann geschahen zwei Dinge, die die Strategie der Zentralbank so nutzlos machten wie einen Hundert-Euro-Schein in der Wüste Gobi. Erstens: Der Biosprit-Boom und schlechtes Wetter über vielen Äckern der Welt verknappten das Getreide. Jetzt stiegen auch die Getreidepreise. Zweitens: In Amerika vergaben Banken zu leichtfertig Kredite an Bauherren, die sich gar kein Haus leisten konnten. Im vergangenen Jahr kam der Knall, die Hypothekenkrise entstand. Bald schwächelte die amerikanische Wirtschaft. Der Dollar verlor gegenüber den meisten anderen Währungen an Wert - und mit ihm der Yuan.
Wir erinnern uns: Der Yuan und mit ihm die chinesischen Puppen waren ohnehin schon zu billig. Jetzt aber wurden die Puppen auf dem Weltmarkt noch viel beliebter. Alle Welt kaufte Puppen in China, und die Chinesen kamen mit dem Nähen bald nicht mehr hinterher. Der Effekt: Die chinesische Wirtschaft ist überhitzt, sagt nicht nur Asien-Experte Steffen Dyck von der Deutschen Bank. Vorher schon hatte es immer weniger arbeitslose Chinesen gegeben, jetzt gingen den Firmen die Arbeiter aus.
Das geschieht zu einer Zeit, zu der die Arbeiter dringend mehr Geld brauchten, das teurere Essen schlägt den armen Chinesen schließlich härter ins Budget als den reichen Deutschen. Kein Wunder, dass die Verdienste der Chinesen kräftig anziehen. Experten rechnen für die kommenden Jahre mit hohen Inflationsraten in China. Die bewirken nun das, was die chinesische Zentralbank mit den festen Wechselkursen eigentlich verhindern wollte: Chinesische Produkte werden teurer. Und die Arbeiter können sich von den höheren Löhnen mehr kaufen.
Güter bleiben knapp und teuer
Letztlich ändert der feste Kurs nichts am Ergebnis, sagt Henning Vöpel beim Hamburgischen Weltwirtschafts-Institut: Wenn die Wechselkurse sich nicht ändern, dann ändern sich die Preise. Die Preise haben eben einige Jahre länger gebraucht, um zu reagieren. Wenn China den Wechselkurs früher freigegeben hätte, hätte der ganze Prozess einige Quartale oder sogar Jahre früher angefangen. Und jetzt ist einiges aufzuholen.
Für die deutschen Verbraucher ist dieser Prozess unangenehm. Denn die Lohnsteigerungen in China bewirken, dass sich die Chinesen jetzt immer mehr Lebensmittel und immer mehr Öl kaufen, so dass die Güter knapp und teuer bleiben. Zudem verteuern sich auch andere Produkte. Denn wenn die Löhne in China steigen, steigen auch die Kosten für die Produktion in China. Gut möglich, dass die Inflation nicht auf Lebensmittel und Energie beschränkt bleibt. Sondern dass bald auch Puppen, Schuhe, Musikinstrumente und Computerchips dran sind - eben all die Dinge, die die Deutschen oft aus China importieren.
Viele Firmen verlassen China inzwischen. T-Shirts kommen heute schon aus Kambodscha. Doch dort funktioniert die Globalisierung auch nicht anders. Auch die Preise dort werden steigen. Die Kambodschaner werden mehr Öl und Reis kaufen. Wir müssen uns damit abfinden: Die Globalisierung wird die Inflation nicht abschaffen. China hat der Welt nur eine Verschnaufpause geschenkt.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: DIETER RÜCHEL, F.A.Z.
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