Frauen und Macht

Erste „Frau Vorstandsvorsitzende“ nicht in Sicht

Eine Frau sagt, wo es langgeht

Eine Frau sagt, wo es langgeht

11. Oktober 2005 Etwas mehr als einen Monat noch, dann wird Deutschland wohl seine erste Bundeskanzlerin haben. Falls sich Union und SPD in ihren weiteren Verhandlungen tatsächlich auf eine große Koalition einigen, wird die CDU-Vorsitzende Angela Merkel wahrscheinlich in der zweiten November-Hälfte zur Regierungschefin gewählt. 56 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik wären die Frauen dann auf dem wichtigsten Posten angekommen, den es in der deutschen Politik zu vergeben gibt.

In der Wirtschaft sieht das ganz anders aus: Die erste „Frau Vorstandsvorsitzende“ läßt in Deutschland noch auf sich warten. Vermutlich wird es noch viele Jahre dauern, bis Daimler-Chrysler, die Deutsche Bank oder ein anderer Dax-Konzern eine Frau zur Chefin macht. Derzeit gibt es bei den 30 größten börsennotierten Unternehmen gerade einmal zwei weibliche Vorstände: die Südtirolerin Christine Licci bei der Hypo-Vereinsbank in München und die Holländerin Karin Dorrepaal beim Pharmakonzern Schering in Berlin.

Seltene Ausnahme: HVB-Vorstand Christine Licci

Seltene Ausnahme: HVB-Vorstand Christine Licci

Von Adidas bis Volkswagen das gleiche Bild: Die Frauen sitzen im Vorzimmer, der Chef ist ein Mann. Anderswo sieht es nicht viel besser aus. Nach einer Studie, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforderung (DIW) kürzlich veröffentlichte, hatten es 2003 bei den 180 größten deutschen Unternehmen nur sieben Frauen ins Top-Management geschafft. Einige sind in den vergangenen Monaten hinzugekommen: Bei der Deutschen Bahn zum Beispiel rückte de Juristin Margret Suckale - zuständig für Personalfragen - in den Vorstand auf. Wer auf das ganze Land blickt, findet immerhin 33 Prozent Frauen in Führungspositionen - „umfassende Führungsaufgaben“ nehmen laut den Statistikern allerdings nur 20 Prozent wahr.

Hoffen auf den Aha-Effekt

„Die Wirtschaft muß sich noch daran gewöhnen, daß nun eine Frau am Ruder ist“, sagt die Mitarbeiterin eines deutschen Unternehmensverbandes, die Merkel gut kennt. Viele Bosse müßten Merkel erst einmal aus der Nähe betrachten, glaubt auch Stefan Homburg, Professor für öffentliche Finanzen an der Universität Hannover und Politik-Berater für Rot-Grün wie für die CDU. Gerade bei älteren Managern, die Frauen in Führungspositionen oft nur aus amerikanischen Wirtschaftsmagazinen kennen, könne sich dann ein „Aha-Effekt“ einstellen.

Die meisten Frauen in Führungspositionen gibt es in den Medien (wie die Deutschland-Geschäftsführerinnen der Fernsehsender RTL und MTV, Anke Schäferkordt und Catherine Mühlmann) und in Familienunternehmen. Dort sind Christiane Underberg (Spirituosen) oder Annette Roeckl (Handschuhe) Beispiele dafür. Ansonsten hinkt die Managerwelt, wo es im Unterschied zu den Parteien nie eine Frauenquote gab, der Politik weit hinterher. „Was in der Politik geht, geht in der Wirtschaft noch lange nicht“, sagt DIW-Expertin Elke Holst.

Die besseren Karriere-Netzwerke

Gründe gibt es viele: Immer noch verfügen Männer über die besseren Karriere-Netzwerke, immer noch bestimmen Männer über die besten Posten, und immer noch kümmern sich vor allem Frauen um die Kinder. Die meisten Managerinnen, die es trotz allem nach oben geschafft haben, haben keinen Nachwuchs. Dagegen haben männliche Führungskräfte nach einer kürzlich veröffentlichten Studie mehr Kinder als der Durchschnitt.

Die Erwartungen, daß sich an der Vorherrschaft der Männer viel ändern wird, sind gering. In Branchen wie Auto- oder Rüstungsindustrie haben es Frauen besonders schwer, selbst in die zweite Reihe des Managements zu schaffen. In den Kontrollgremien sieht es ähnlich aus. Bei Daimler-Chrysler oder Thyssen-Krupp zum Beispiel ist nicht einmal im Aufsichtsrat eine Frau dabei. Wenn doch, dann werden weibliche Aufsichtsräte meist von Gewerkschaften geschickt.

Zurückhaltende Prognosen

Überblick, Juli 2004

Überblick, Juli 2004

Umso zurückhaltender sind die Prognosen, wann zum ersten Mal eine Frau einen Dax-Konzern führen wird. „Das ist leider eine theoretische Frage“, sagt die Personalberaterin Christine Stimpel, eine der bekanntesten „Headhunterinnen“ in Deutschland. „In der traditionellen Industrie ist das sehr unwahrscheinlich, am unwahrscheinlichsten in der Autoindustrie.“ Bessere Chancen für eine Vorstandsvorsitzende sieht Stimpel in den Bereichen Pharma und Lifestyle. „Bei Schering oder Adidas würde ich mich nicht wundern, wenn man sich irgendwann auf eine Frau einigt.“

Merkel, die Reformkanzlerin: Genau das ist es, was die Wirtschaft von ihr erwartet. Mit dem Kabinett, das sich nun abzeichnet, dürften allerdings viele Reformansätze, auf die gerade die Wirtschaft hoffte, auf der Strecke bleiben. „Keine Steuerreform, keine Gesundheitsprämie, keine Lockerung am Arbeitsmarkt“, faßt Homburg zusammen. „Deshalb reagiert die Wirtschaft im Moment skeptisch.“ Mit der Person Merkels habe die Zurückhaltung nichts zu tun.

Viel bewirken könnte Merkel aber dennoch - als Vorbild für Frauen, die in Führungspositionen streben. Nicht nur in Alice Schwarzer hat sie eine Unterstützerin. „Merkel kommt bei Frauen viel besser an als man glaubt, denn sie finden sich in dem Typus Macher wieder“, sagt die Kennerin der CDU-Chefin.

Text: FAZ.NET mit Material von dpa, AFP
Bildmaterial: AP, dpa, F.A.Z.

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