Von Thomas Jansen
05. Juli 2007 Kommt er mit dem Zug oder dem Auto?“ flachst Manfred Schell in einer Frankfurter Hotellobby, als sich Bahnchef Mehdorn verspätet. Der Bundesvorsitzende der Lokführergewerkschaft GDL ist offenkundig guter Dinge vor diesem ersten Gespräch mit Mehdorn nach den Warnstreiks. Immerhin kann er das Treffen ohne seine Kollegen von Transnet und GDBA schon als ersten Etappensieg verbuchen. Das macht die Verspätung verzeihlich. Ich warte, ich bin ja schließlich ein höflicher Mensch“, schmunzelt er.
Nicht mehr ganz so höflich
Nicht mehr ganz so höflich klingt der 64 Jahre alte Aachener als er zweieinhalb Stunden später auf dem Weg zur Pressekonferenz wissen will, ob sein Verhandlungspartner auch vor die Mikrofone treten werde. Will er jetzt was sagen oder nicht – gut dann eben nicht“, brummt er, bevor er sich wieder in den höflichen Menschen verwandelt, der bereitwillig Rede und Antwort steht, auf die obligatorische Gewerkschaftsrhetorik weitgehend verzichtet und den Diplomaten gibt.
Ob man sagen könne, dass etwas erreicht worden sei? Ja, Herr Mehdorn würde das so sagen. Ob er über den Ausgang der Verhandlungen sauer sei? Ein beglücktes Gesicht könne man von ihm wohl nicht erwarten. Dann faltet er zu guter Letzt noch die Hände wie zum Gebet und ruft den Himmel an. Man möge doch bitte nicht schreiben, die Lokführergewerkschaft fordere 30 Prozent mehr Lohn. Das habe man nie gesagt, man rede nur von Summen.
Ziel der Streiks: Völlige Lahmlegung
Manfred Schell kann auch anders auftreten. Etwa, wenn er in einem Interview verkündet, dass die völlige Lahmlegung des Zugverkehrs das Ziel der Warnstreiks sei. Meistens wirkt er bei seinen Auftritten jedoch nicht unbedingt wie ein typischer Gewerkschaftsführer. Dabei ist sein Lebenslauf nahezu mustergültig für diese Spezies. Ende der fünfziger Jahre, als er bei der damaligen Bundesbahn anfing, schaufelte er noch als Heizer Kohle auf der Dampflok bevor er zum Lokführer aufstieg. 1970 kam er schließlich zur GDL, deren Hauptgeschäftsstelle in Frankfurt er seit 1974 leitete. 1989 wurde er zum Bundesvorsitzenden gewählt.
Nur sein kurzes Intermezzo in der Politik, wo das CDU-Mitglied von 1993 bis 1994 für seine Partei im Bundestag saß, hebt seine Biographie von der Mehrheit seiner Kollegen ab. Als Abgeordneter stimmte er damals gegen die Bahnreform, weil er nicht daran glaubte, dass eine Privatisierung des Staatsbetriebs zu einer Steigerung des Verkehrsaufkommens auf der Schiene führen würde. Vor allem aber befürchtete er einen Abbau von Arbeitsplätzen. Durch die spätere Entwicklung sah er sich darin vollauf bestätigt.
Bahn-Börsengang lehnt er nicht kategorisch ab
Auch wenn ihm die Deutsche Bundesbahn als Staatsunternehmen lieber gewesen wäre: Einen Börsengang der Bahn lehnt er nicht kategorisch ab. Wenn der Weg dorthin über einen weiteren Personalabbau und Verteuerungen für die Kunden führt, hält der Gewerkschaftsvorsitzende der Börsengang für unmöglich. Schell weiß, dass Gehaltszuwächse in der jetzt geforderten Größenordnung dann allerdings keine Aussichten auf Erfolg mehr haben würden. Sein Insistieren auf einen eigenen Tarifabschluss für die 34.000 Mitglieder der Lokführergewerkschaft dürfte von diesem Wissen entscheidend beeinflusst sein.
Dafür nahm er auch den Bruch mit den Bahngewerkschaften Transnet und GDBA in Kauf, als er sich im Herbst 2002 dazu entschloss, fortan mit der Bahn allein zu verhandeln. Sein Verhältnis zu Norbert Hansen, dem Vorsitzenden von Transnet gilt ohnehin als unterkühlt. Neben der Sorge vor dem Börsengang dürfte auch Schells Ruhestand im nächsten Jahr eine Triebfeder für ihn sein,sich noch einmal für eine kräftige Lohnerhöhung in die Waagschale zu werfen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/dpa
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