Umweltverbände warnen

Mancher Ökostrom ist eine Mogelpackung

Von Holger Schmidt

12. Mai 2008 Die Diskussion um den Klimaschutz, aber auch Störfälle in Atomkraftwerken haben die Nachfrage nach Ökostrom kräftig angefacht. Rund 2 Millionen Haushalte in Deutschland haben sich nach Angaben des Branchenverbandes BDEW im vergangenen Jahr für Strom aus regenerativen Quellen entschieden. In diesem Jahr wird mit einer noch höheren Nachfrage gerechnet.

Gut 500 Stromversorger bieten inzwischen Ökostrom an, der allerdings aus ganz verschiedenen Quellen kommen kann: aus Sonne, Wind, Wasser - und manchmal auch aus Kohle- oder Atomkraftwerken. Verantwortlich dafür ist das RECS-System. Die Abkürzung steht für „Renewable Energy Certificate System“ und ist Teil des „European Energy Certificate Systems“ (EECS). Das System, das die Energiebranche ins Leben gerufen hat, soll helfen, den Strom aus erneuerbaren Energiequellen eindeutig zu kennzeichnen, damit er nicht mehrfach als Ökostrom verkauft werden kann.

Vorsicht bei umgelegten Zertifikaten

Ein Betreiber eines Wasserkraftwerkes, der für seinen Strom RECS-Zertifikate erhält, aber den Strom nicht als Ökostrom verkauft, kann die überschüssigen Zertifikate verkaufen, zum Beispiel an einen Kohle- oder Atomkraftwerksbetreiber, der seinen Strom dann Ökostrom nennen darf. Der Effekt für die Umwelt wäre in diesem Fall gleich null. Da das Angebot an Ökostrom mit RECS-Zertifikat weit höher ist als die Nachfrage, ist der Preis für ein Zertifikat sehr niedrig und die Umwandlung von konventionellem Strom in Ökostrom entsprechend billig.

„Echte Ökostromanbieter verzichten ganz auf Strom mit RECS-Zertifikaten. Das ,Grünwaschen' kann aus Sicht der Umwelt nicht akzeptiert werden“, sagt Thorben Becker vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Zum Beispiel ist das Ökostromangebot von Flexstrom zwar sehr günstig, basiert aber ausschließlich auf RECS-Zertifikaten. „Die Behauptung, dass Ökostrom auf Basis von Zertifikaten generell keinen Nutzen für die Umwelt bringt, ist aber falsch. Es kommt darauf an, aus welcher Anlage der Stromanbieter die Zertifikate erwirbt“, sagt Christof Timpe vom Freiburger Öko-Institut.

Auf die Kennzeichnung kommt es an

Verbraucherschützer und Umweltverbände raten daher, beim Umstieg auf Ökostrom genau auf die Kennzeichnung zu achten. Entscheidend für den Umweltnutzen ist, ob der Bezug des Ökostroms zum Bau neuer Kraftwerke mit erneuerbaren Energien führt. Das TÜV-Ökostrom-Zertifikat belegt zum Beispiel nur, dass der Strom aus erneuerbaren Energien stammt, die unter das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) fallen. Dieser Strom wird aufgrund der gesetzlichen Förderung ohnehin produziert; entsprechend bringt die Nachfrage des Stroms mit diesem Zertifikat keinen zusätzlichen Umweltnutzen.

Aus diesem Grund versuchen die beiden bekanntesten Ökostrom-Label, OK Power und Grüner Strom Label, den Neubau von Ökostromkraftwerken mit unterschiedlichen Kriterien zu erfassen. Das „OK Power Label“, das vom Öko-Institut gemeinsam mit der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen und dem Umweltverband WWF entwickelt wurden, sieht vor, dass der Strom für jedes zertifizierte Produkt mindestens zu einem Drittel aus neuen Kraftwerken auf der Basis erneuerbarer Energien oder neuer, gasbetriebener Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen stammt.

Als Neuanlagen gelten Kraftwerke, die nicht älter als sechs Jahre sind. Anlagen, die sowieso vom EEG oder von vergleichbaren Instrumenten gefördert werden, gelten nicht als Neuanlagen, weil sie keinen zusätzlichen Umweltnutzen bringen. Das System zwingt somit die Ökostromanbieter, spätestens alle sechs Jahre neue Anlagen unter Vertrag zu nehmen.

Luxusvariante manchmal sogar günstiger

Noch schärfer sind die Bestimmungen des „Grüner Strom Labels“, das von mehreren Umweltverbänden entwickelt wurde. Die Kunden zahlen 1 Cent je Kilowattstunde Aufpreis, der für den Neubau von Anlagen zur Stromproduktion aus erneuerbaren Energien verwendet wird, die mit dem EEG allein nicht wirtschaftlich wären. Dieses Label gilt als Luxusvariante unter den Ökostromvarianten; entsprechend teurer ist der Strom.

Da einigen Anbietern auch diese Kriterien nicht gefallen, haben sich 20 Naturschutzverbände zur Kampagne „Atomausstieg selber machen“ zusammengeschlossen. „Im Unterschied zu anderen Labels legen wir großen Wert auf die Unabhängigkeit der Ökostromanbieter von den Atomkonzernen. Erlaubt sind weder Beteiligungen noch ein Strombezug“, sagt Florian Noto. Der Ökostrom muss mindestens zur Hälfte aus erneuerbaren Energien stammen und darf höchstens zur Hälfte aus erdgasbetriebenen Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen stammen.

Alle Anbieter fördern den Neubau erneuerbarer Energieanlagen. Da auch das Kriterium der bundesweiten Verfügbarkeit erfüllt sein muss, bleiben vier von ihnen übrig: Lichtblick, Naturstrom, Greenpeace Energy und die Elektrizitätswerke Schönau. Die Einwohner von Schönau sind die Anführer unter Deutschlands Stromrebellen. Sie haben ihr Stromnetz gekauft und versorgen inzwischen 68.000 Kunden in Deutschland mit Ökostrom - garantiert atomfrei. Die Kunden können die Förderhöhe für ökologische Neuanlagen selber wählen. Er beträgt zwischen 0,5 und 2 „Sonnencent“ je Kilowattstunde. „Echter Ökostrom ist sogar manchmal günstiger als der angebliche Ökostrom der großen Energieversorger“, sagte Noto.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance/ dpa

Kursabfrage 
NamePunkteProzent
Dax 6.386,31 -0,84
TecDax 720,97 -0,08
DowJones 11.349,28 -2,43
Nasdaq 2.280,11 -1,97
STOXX 50 3.326,09 -0,85
Nikkei 225 13.334,76 -1,97
S&P 500 Zert. 12,50 -2,34
Euro/Dollar 1,57 +0,03
Bund Future 110,77 -0,15
Gold 925,10 -0,28
Öl 124,98 -1,22
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche