Erfolgsgeschichten

Der Aufstieg der Gastarbeiter-Kinder

Von Georg Meck

08. Januar 2008 Kenan Önen kümmert sich hauptberuflich um den Aufstieg junger Ausländer - und ist selbst das beste Beispiel für die gelungene Integration: 1960 in der Türkei geboren, kam er im Alter von sechs Jahren nach Schwaben. Der Vater, der ursprünglich nach Australien hatte auswandern wollen, war in Mühlacker bei einem Autozulieferer gelandet. Der Sohn studiert Politikwissenschaft und Jura, was die Eltern verwirrte: „Die kannten die Berufsbilder überhaupt nicht. Wer Politiker werden will, muss viel reden und nicht studieren, haben sie gesagt.“

Kenan Önen ging nicht in die Politik, sondern in die Bildungsarbeit, ist heute Chef des Start-Programms, das Stipendien an begabte ausländische Jugendliche vergibt; finanziert von der Hertie-Stiftung, hochgelobt von der Bundesregierung. „Integration ist eine Schlüsselaufgabe unserer Zeit, die auch durch den demographischen Wandel immer mehr an Bedeutung gewinnt“, sagt Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bei jedweder Gelegenheit.

Höheres Armutsrisiko, mehr Schulabbrecher

„Personen mit Migrationshintergrund“, wie es offiziell heißt, stellen bereits ein Fünftel der Bevölkerung in Deutschland: 15 Millionen Menschen fasst die Regierung unter dieser Rubrik, acht Millionen davon haben einen deutschen Pass. Obwohl diese Bürger teils seit Jahrzehnten hier leben, bleibt für sie das Armutsrisiko höher. Der Anteil der Schulabbrecher ist beträchtlich höher, ebenso der Anteil der Arbeitslosen und der Fabrikarbeiter.

So erreichen Menschen mit Migrationshintergrund laut amtlicher Statistik nur 79 Prozent des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens der Gesamtbevölkerung. Auch innerhalb dieser Gruppe gibt es ein starkes ökonomisches Gefälle: Das Einkommen von Eingebürgerten sowie Aussiedlern übertrifft das der Ausländer.

Bildung als Schlüssel

Bildung und der frühe Erwerb der deutschen Sprache sind die Schlüssel zum Aufstieg, sind sich die Experten einig. „Das Talent haben die Migranten“, sagt Kenan Önen. Von seinen 63 Stipendiaten des letzten Jahrgangs haben fünf das Gymnasium mit der Traumnote 1,0 abgeschlossen, erzählt er. „In den nächsten 10 bis 15 Jahren werden viele tolle junge Menschen mit Migrationshintergrund Furore machen.“

Bekannt sind die fremdländischen Namen im Unterhaltungsgeschäft im weitesten Sinn, die Stars in Kino, Politik, Sport oder Medien. Sie drehen preisgekrönte Filme, dirigieren angesehene Wochenzeitungen oder schießen Tore für Deutschland. Nur zaghaft aber wächst die Gruppe derer, die sich in der ganzen beruflichen Breite durchsetzen: als Manager, Unternehmer oder Wissenschaftler.

Vorbilder

Sechs solcher Karrieren zeichnen wir hier nach. Lesen Sie mehr unter: Sechs Migranten-Kinder, sechs Erfolgsgeschichten. Sie sind zumeist Nachkommen von Migranten der ersten Generation, was ihnen den Aufstieg erleichtert hat, wie der Bremer Vorzeigeunternehmer Bülent Uzuner berichtet: „Damals gab es in der Klasse weniger Ausländer. Wir mussten zwangsweise deutsch reden.“ Heute reicht die Ausländerquote an manchen Schulen, etwa in Frankfurt, bis an die 100 Prozent. Deutsch wird da zur Fremdsprache.

Die mit Abstand größte Gruppe der Ausländer in Deutschland stellen heute die Türken. Diese tun sich deutlich schwerer damit, gesellschaftlich aufzusteigen als andere Einwanderer. Soziologen führen dafür verschiedene Gründe an. So stammt ein erheblicher Teil der türkischen Einwanderer aus bildungsfernen Schichten. Viele leben eingekapselt in ihren Großfamilien, wie die in Istanbul geborene Wissenschaftlerin und Publizistin Necla Kelek erklärt. Kelek sieht einen Grund auch im vom Islam vorgegebenen Gesellschaftssystem: „Der Einzelne hat sich Gottes Gesetzen zu unterwerfen Er lebt im Kollektiv, schafft es nicht, sich zu individualisieren.“ Dies verhindere Erfolge als Unternehmer oder Wissenschaftler.

Keleks Thesen sind umstritten, da es mittlerweile auch einige Vorbilder gibt, an denen sich junge Türken orientieren können, wenn sie aufsteigen wollen, etwa die Brüder Yerli, die Computerspiele erfinden, oder eben Kenan Önen.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 06.01.2008, Nr. 1 / Seite 32
Bildmaterial: BTC, Daniel Pilar, Deutsche Bahn, Helios Kliniken, picture-alliance/dpa, Wonge Bergmann

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