Handel

Aldi baut seinen ersten Restpostenmarkt

In letzter Zeit waren die Tüten weniger gefüllt

In letzter Zeit waren die Tüten weniger gefüllt

04. April 2005 Am 16. April eröffnet der Discounter Aldi-Süd in Mannheim-Waldhof unter dem Namen "1001" einen "Markt nur für Aktionsartikel". Diese kurze Meldung der "Lebensmittel-Zeitung" lenkte die Aufmerksamkeit auf ein sich verschärfendes Problem im Handel: Je mehr Aktionen es im Einzelhandel gibt, um so mehr unverkäufliche Reste bleiben liegen. Die Situationen, in denen die Menschen bei der Ankündigung eines Computerverkaufs vor dem Aldi Schlange standen und die Ware nach wenigen Stunden ausverkauft war, kommen immer seltener vor.

Im Gegenteil: Die Aktionen kannibalisieren sich zunehmend selbst. In dieser Woche bieten alle Discounter Fahrradzubehör an. Ein ATB-Citybike für 179 Euro ist bei Aldi im Angebot. Bei Penny kostet ein Trekking-Reiserad 189 Euro. Das Zubehör vom Fahrrad-Trikot über das Panzerkabelschloß bis zum Kind-Fahrradanhänger kann man im Penny mitnehmen oder bei Lidl erwerben. Die Folgen paralleler Aktionen spürt selbst der Marktführer Aldi (22 Milliarden Euro Umsatz): Rückläufige Umsätze je Filiale und steigende Warenbestände bestimmen das Bild des Branchenriesen. Eine erste Auswertung der Zahlen für das Geschäftsjahr 2003 - Aldi veröffentlicht im Bundesanzeiger nur Bilanzen der Regionalgesellschaften - durch die "Lebensmittel-Zeitung" ergab, daß der Warenbestand im Vorzeigeunternehmen Aldi-Süd (11,3 Milliarden Euro Umsatz) im Jahr 2003 um 45 Prozent gestiegen ist. Bei Aldi-Nord, wo man auf eine Aktion je Woche setzt statt zwei wie bei der süddeutschen Schwestergesellschaft, ist der Warenbestand "nur" um 18 Prozent gestiegen.

Jeder Händler kennt das Problem

Das Phänomen kennen in unterschiedlicher Ausprägung alle Händler. Für Aldi ist es sogar noch am wenigsten schlimm: Der Discounter erwirtschaftet mit Vorsteuerrenditen von 5,1 Prozent (im Süden) und 4 Prozent (im Norden) einen Gewinn, von dem die meisten Mitbewerber nur träumen.

Europas größter Drogeriediscounter, das Unternehmen Anton Schlecker, beispielsweise kommt nur auf eine Rendite von "weit unter 3 Prozent". Die Personenfirma, die in den vergangenen Jahren ein rasantes Wachstum über Neueröffnungen vorlegte, sieht sich gezwungen, unwirtschaftliche Filialen, es sollen etwa 1000 der 13.000 sein, aufzugeben. Der Umsatz je Filiale liegt bei Schlecker mit 40.000 Euro deutlich unter dem Branchendurchschnitt.

Lager für unverkäufliche Ware

Von dem direkten Aldi-Wettbewerber Lidl, der sich nach Ansicht von Branchenkennern - das Neckarsulmer Unternehmen veröffentlicht ebensowenig Zahlen wie die Konkurrenz in Mülheim (Aldi-Süd) oder Essen (Aldi-Nord) - derzeit wesentlich besser entwickelt als Aldi, weiß man, daß er in Süddeutschland auf der Suche nach Lagerraum ist. Lidl soll bei 12 Milliarden Euro Jahresumsatz für 500 Millionen Euro unverkäufliche Ware aus Aktionen vor sich herschieben. Galt noch bis vor drei Jahren im Handel, daß man bei Aktionen davon ausgehen kann, daß mindestens 80 Prozent der Ware auch innerhalb des Aktionszeitraums von ein oder zwei Wochen abgesetzt werden kann, so habe sich diese Zahl im Jahr 2004 im Durchschnitt auf 70 Prozent reduziert, bestätigen Insider. Bei schlechten Bedingungen, wenn beispielsweise eine Aktionswoche für Gartenmöbel verregnet, bleibt man auf mehr als einem Drittel der Ware sitzen. Ein kurzfristiges Umsteuern ist nicht möglich. Die Aktionswochen werden im Durchschnitt 6 bis 8 Monate im voraus geplant, die Ware bestellt sowie Lieferungen an die Filialen und die Werbung darauf eingestellt. Wenn die Ware aus Fernost kommt, muß man noch längere Planungshorizonte vorsehen.

Für die Restware hat sich der Handel inzwischen eine Reihe von Absatzkanälen einfallen lassen. Die erste Maßnahme ist, den Preis noch einmal zu senken, also um bis zu 50 Prozent. Wenn es nicht so auffallen soll, daß die Ware unverkäuflich ist, nutzt man sie für Einstandsverkäufe in neu eröffneten Filialen. Es wird auch geprüft, ob nicht die gleiche Ware noch einmal im Rahmen einer anderen Aktion angeboten werden kann. Wenn Händler vor ihren Filialen Zelte aufstellen, ist auch das ein sicheres Zeichen für einen großen Warenüberhang, der auf diese Weise abgesetzt werden soll. Und kann man es innerhalb der eigenen Kette gar nicht verkaufen, dann übernehmen Restpostenhändler diese Ware, die sich dann in Ramschläden wiederfinden für "ein Euro je Artikel".

Wenn Kunden sich betrogen fühlen

Zu kleineren Bestellmengen gegenüber der Industrie hat diese Entwicklung bisher nicht geführt. Ist die Ware nämlich dann zu früh vergriffen, fühlt sich der Kunde schnell betrogen. Eine aktuelle Umfrage der Universität Mannheim und der Unternehmensberatung IM+C zeigt, daß die Aktionen im Einzelhandel aufgrund des Wettbewerbsdrucks sogar weiter zunehmen werden. Die Händler erwarten durch Sonderaktionen mehr Umsatz und vor allem aber mehr Kunden im eigenen Geschäft. Sehr viele Händler sind dennoch mit den Erträgen dieser Aktionen sehr unzufrieden, und steigende Mengen an Restposten machen diese Aktionen wirtschaftlich noch unattraktiver.

Text: geg., F.A.Z., 04.04.2005, Nr. 77 / Seite 16
Bildmaterial: dpa

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